Kurt Flasch gehört zu denjenigen Wissenschaftlern in Deutschland, die sich seit Jahrzehnten mit den überlieferten Schriften Meister Eckharts, mit seinem Denken und mit seinem geistigen Umfeld beschäftigen. Schon lange vertritt er die These, dass man sich den Blick auf das Denken Eckharts, soweit aus den auf uns gekommenen Texten überhaupt eindeutig zu eruieren, nicht mit dem Begriff "Mystik" vernebeln sollte. Er ist in dieser Hinsicht der argumentative Gegenspieler z. B. zu Alois M. Haas, der die Texte Eckharts und ihre Gehalte als christlich-mystisches Sprechen und Sprechen über Mystik in der Tradition neuplatonischer Ideen gedeutet hat. Flasch gibt mit dem Titel des Buches "Philosoph des Christentums" seine Richtung klar vor. Ausgehend von einer Selbstaussage Eckharts im Prolog zu seinem Opus tripartitum zeigt er, dass es Eckhart wohl vor allem darum ging, ihm wichtige Gehalte des Christ-Seins [der gelebten Christusförmigkeit] und des christlichen Denkens mit Vernunftgründen zu erhellen, was in seiner Lebenszeit bedeutete: mit philosophischen Argumenten. Diesem Leitbild folgt Flasch durch die uns bekannten biografischen Stationen Eckharts hindurch, mit Verweisen auf das lateinische wie auch das deutsche Werk. In den Blick kommen dabei auch die geistigen Einflüsse, unter deren Eindruck Eckhart sein eigenes Denken konturierte, vor allem die Debatten an der Pariser Universität gegen Ende des 13. Jahrhunderts, die von der Aristoteles-Rezeption geprägt waren, aber auch die Denker seines Ordens wie Albert der Große, Thomas von Aquino [zur Zeit Eckharts schon sakrosankt gesprochen und doch von Eckhart kritisch gesehen] sowie Dietrich von Freiberg. Geschrieben ist das Buch nicht nur für andere Fachwissenschaftler, sondern auch für interessierte [und vorgebildete] Laien. Deshalb vermeidet der Autor Diskussionen um Details der Forschung, sondern trägt souverän die großen Linien seiner Argumentation vor. Denen kann man sich kaum entziehen. Als Eckhart-Interessierter habe ich nun die Möglichkeit, verschiedene Perspektiven der Gegenwart auf den großen christlichen Denker nachzuvollziehen, ohne gleich in Regalmeter von Fachliteratur eintauchen zu müssen. Tatsächlich überwiegt ja nach wie vor die Literatur, die in Eckhart den mystischen Sprecher und Schreiber sieht, dessen paradoxe und häufig auch gesteigerte Redeweise, die gewagte Vergleiche und sprachliche Bilder nicht scheut, notwendig von den Hütern der christlichen Orthodoxie nicht zu verstehen war [was ihn in eine Reihe z. B. mit den meisten islamischen Mystikern stellt] und der deshalb am Ende seines Lebens als Irrlehrer verurteilt wurde. Flasch zeigt jedoch, dass man die Verurteilung seiner Lehre durch den päpstlichen Hof in Avignon auch anders deuten kann. Sehr spannend zu lesen, wenig schmeichelhaft für die Linien der christlichen Theologie nach Albert und Eckhart, trotz der wenigen Ausnahmen wie Nikolaus von Kues. Für Eckhart-Interessierte, die wissen wollen, in welch spannenden Dimensionen sich sein Denken [und das seiner Lehrer] bewegte, ein Muss!