In meinem Freundeskreis sprechen wir immer wieder über bekannte Schriftsteller,Theaterleute und andere,über die wir schon öfter gehört oder gelesen haben. Es kommt schon oft vor,daß man sich nicht mehr so genau daran erinnern kann,welche Position diese Intellektuelle vertreten.Jeder weiß,daß Botho Strauß mit dem "Bocksgesang" einen riesigen Skandal auslöste,aber was hat er damals genau gesagt? Als Elfride Jelinek im Herbst 2004 den Literaturnobelpreis bekam, hätte ich gern gewußt,was denn nun das Provokative an ihrer Literatur ist. Diese Wissenslücken schließt Höfers Buch wirklich exzellent!!! Auf ca. fünf Seiten pro "Denker" stellt er dessen oder deren wichtigste Beiträge kurz und bündig dar. Höfer beschreibt die wichtigsten Debatten, die ein Meinungsführer auslöste,also bei Günter Grass etwa über seinen Widerstand gegen die Wiedervereinigung oder wie er mit dem Buch "Im Krebsgang" die breite Beschäftigung mit dem Schicksal der Vertriebenen auslöste.
Sehr gut ist die Auswahl der Denker und Meinungsführer. Höfer beschreibt nur lebende Intellektuelle und zwar die, die den größten Einfluß in der Öffentlichkeit haben.Die hat er in einer aufwändigen Pressedatenbank-Recherche ermittelt. Es hat mich überrascht, daß es wirklich immer wieder dieselben paar Dutzend Großdenker sind, die bei wichtigen Debatten das große Wort führen. Als jetzt SPD-chef Müntefering die Kapitalisten mit Heuschrecken verglich, waren es Grass in der Zeit, Enzensberger im Spiegel und Roland Berger in der Wirtschafswoche,die interviewt wurden. Zum Kriegsende und zu Speer sind es Joachim Fest und Hans Ulrich Wehler. Alle genannten werden in Höfers Buch mit ihren Grundpositionen vorgestellt und man erfährt wie sie hoch gekommen sind, welche Gegner sie haben und wie sie sich in Szene setzen.
Auch die Kapitel über die einflußreichsten Naturwissenschaftler, Historiker, Künstler, Politiker und Ökonomen sind sehr informativ. Gerhard Richter ist der bedeutendste deutsche Maler, hier bekomme ich den auf vier Seiten erklärt, oder auf zwei Seiten die serielle Musik von Stockhausen, oder Stephen Hawkings Theorie von der Entstehung des Universums. Eigentlich wollte ich das Buch wie eine Art Lexikon der wichtigsten Debatten bunutzen, doch dann hab ich es ganz durchgelesen, denn beim Lesen der vielen unterschiedlichen Weltbilder dieser Intellektuellen stellen sich interessante Bezüge her, etwa zwischen Sloterdijks Philosophie und Stockhausens Musik.