Aus der Amazon.de-Redaktion
Dabei kann sie sich auf reichhaltiges Quellenmaterial in Form von Tagebüchern, Briefen und Haushaltskladden stützen, denn beide Eltern entstammen traditionsbewussten Bürgerhäusern: Hans Georg -- HG genannt -- dem Halberstädter Handelshaus Klamroth, Else einem "Haus voller Herzlichkeit" in Wismar. Beide sind 1898 geboren und indem Bruhns ihre Geschichte(n) erzählt, blättert sie ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte auf.
Ihres Vaters Land erweist sich als eine untergegangene Welt, materiell wie mental, und die Rekonstruktion als ein "Puzzle-Spiel", das die Autorin und uns in ein Wechselbad der Gefühle stürzt: HG freut sich 1917 "kolossal, noch so viel Krieg mitmachen zu dürfen". HG gewinnt mit einem brillanten Auftritt Elses Familie für sich. Else leidet unter den zahlreichen Affären ihres Mannes. Else empört sich über die Reichskristallnacht, weil sie um Deutschlands Image fürchtet.
Bruhns macht kein Hehl aus ihrem Befremden ("Der spinnt." -- "Was geht bloß vor in diesen Männern?"), gleichzeitig hinterfragt sie schnelle Urteile: "Vorsicht! Was würde ich denn tun?" Das wirkt manchmal etwas pädagogisch, meistens aber sehr glaubhaft, auch dank des behutsam zupackenden Tons, in dem hier altdeutsche Bürgerherrlichkeit -- die Buddenbrooks lassen grüßen -- kommentiert wird.
Im Zweiten Weltkrieg kämpft HG in Russland, ist dann Abwehr-Offizier in Berlin und wird in das Hitler-Attentat vom 20. Juli verwickelt. Der Erbsenzähler und Schürzenjäger als heroischer Tyrannenmörder? "Da ist viel Platz in so einer Psyche", staunt die Tochter Jahrzehnte danach. Ganz erschlossen hat sich ihr das Vater-Land nicht, dennoch endet sie versöhnlich: "Ich habe von dir gelernt, wovor ich mich zu hüten habe... Ich danke dir."
Und wie viel Platz ist in so einem Buch! Bruhns gelingt eine ergreifende Geschichtsstunde aus persönlicher Betroffenheit, ohne die abgeklärte Attitüde des Berufshistorikers. Mit romanhafter Wucht beschwört sie Die Welt von gestern noch einmal herauf. --Patrick Fischer
Hörbuch-Rezension
Eine sehr persönliche Spurensuche also, und man ist sofort an Uwe Timms Am Beispiel meines Bruders erinnert. Aber Bruhns ist Journalistin und so interessiert sie sich, im Gegensatz zu Timm, viel stärker für die Zeitgeschichte, möchte auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ergründen und geht in ihrer Familienchronik bis in die Zeit vor dem ersten Weltkrieg zurück. Und diese gelungene Mischung aus großer Politik und persönlicher Geschichte ist es auch, die das Buch so beeindruckend macht. Das gilt umso mehr für das Hörbuch, bei dem die Stimme der Autorin den persönlichen Charakter dieser Recherche verstärkt, zugleich ihr sachlicher Ton aber dafür sorgt, die emotionale Seite der Geschichte nicht dominieren zu lassen. Und dass Wibke Bruhns ihren Text ausgezeichnet liest, ist auch nicht verwunderlich. War sie doch in den 70er Jahren die erste Frau, die die Heute-Nachrichten im ZDF präsentierte.
Gekürzte Lesung, 5 CDs, Spieldauer ca. 350 Minuten. --Christian Stahl
