Wibke Bruns Meines Vaters Land Econ Verlag München ISBN 3 430 11571 X
Das ist eines der spannendsten Bücher über die Zeit vor und nach dem Beginn des Nationalsozialismus und den zweiten Weltkrieg, das ich bisher gelesen habe.
Wibke Bruns bekommt zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens den Anstoß, den Vorfahren ihres Vaters und ihrer Familiengeschichte nachzuspüren.
Erfahren will sie aber vor allem , wer und wie ihr Vater war, was er mit den Nazis zu schaffen hatte, und warum er nach dem Attentat auf Hitler im Juli 1944 verurteilt und hingerichtet wurde. Sie war bei Kriegsende als jüngste von fünf Geschwistern noch ein kleines Kind, das versorgt wurde und die tiefen Spuren der Verwüstung und der menschlichen Dramen, die sich damals abgespielt haben, nicht bewußt erinnern konnte.
Nicht zu Unrecht wird die Familiengeschichte der Klamroths mit der Familiengeschichte der Buddenbrooks verglichen.
Mit ihrer Familiengeschichte, beginnend mit der Firmengründung um 1790, erfahren wir viel über die Entwicklung und das Leben einer Großbürgerfamilie in Halberstadt zu Zeiten der Gründerjahren und zur Zeit Kaiser Wilhelms.
Fein dargestellt werden die guten Tage, der Reichtum, die Verbindungen,die man pflegte, der gesellschaftliche Umgang und die Eheschließungen; man erfährt über den Familienzusammenhalt und die Gebräuche im Verhältnis der Geschlechter und Generationen untereinander.
Wahrlich immer spannender wird die Geschichte mit dem Ende des ersten Weltkriegs, Übergang zum Beginn der Naziherrschaft, später der zunehmenden Repression auf die Bürger, der politischen Verfolgung anders Denkender und schlußendlich der Judenverfolgung-und Vernichtung und dem Vernichtungskrieg im Osten. Parallel dazu verläuft der wirtschaftliche und familiäre Niedergang der Firma . Die Mutter meistert diesen Niedergang und die Kriegs-und Nachkriegszeit derart, wie viele sich aus eigenem Erleben an diese Zeiten erinnern werden.
Intensiv beschäftigt sich W.Bruns mit ihrem Vater als Kind, Heranwachsendem und Mann. Sie ist schonungslos offen in ihren Beobachungen, die den Vater nicht immer im besten Licht erscheinen lassen. Sie bleibt distanziert, wo es erforderlich ist, um seinen Charakter zu beschreiben. Daß sie die Mutter erst spät mit neutralerem und klaren Blicken sieht, ist eines der Merkmale, daß das Buch so sympathish macht: W.B. ist sehr aufrichtig. Niemand wird verherrlicht oder nur runtergemacht; es geht alleine um die Suche nach Wahrheit!
Wibke Bruns ist neben dieser persönlichen Wahrheitssuche ein hervorragendes Dokument der Zeitgeschichte gelungen. Imponiert hat mir, mit welcher Akribie sie ihre Familie und ihre Eltern beobachtet hat, recherchiert aus Briefen und Dokumenten, Tagebuchaufzeichnungen und Berichten. Sie bleibt objektiv, distanziert, als spräche sie über beliebige Personen, um dann doch wieder mit töchterlichen Einwürfen des Erstaunens oder der Entrüstung ihre Beziehung zu den Eltern herzustellen. Im Prolog und Epilog stellt sie ihre persönlichen Bindungen an die handelnden Personen dar.
Ergreifend ist am Ende die Versöhnlichkeit, mit der sie bei aller kritischen Beobachtung ihre Eltern als ihre Eltern annimmt.
Cl.Borries!