Das neue Album scheidet offenbar die Geister. Viele bedauern, dass Frank Ramond nicht mehr an Bord ist. Bei mir war es umgekehrt. Ein fünftes Album in der Zusammenarbeit Louisan/Ramond wäre sicher auch hervorragend geworden, aber als ich vom Produzentenwechsel erfuhr hat das meine Erwartungshaltung gesteigert. Auch ich wurde ursprünglich durch den Ramondschen Wortwitz auf Annett Louisan aufmerksam und ich mag ihn nach wie vor. Aber die künstlerische Ausdrucksform von Annett Louisan besteht eben aus viel mehr, als nur aus Frank Ramonds fein durchdeklinierten Texten.
Das wird gleich beim Titelsong des neuen Albums deutlich, der für mich so sehr das "Wesen" von Annett Louisan verkörpert wie kaum ein anderer. Ein märchenhaft-poetischer Lebensrückblick, der eine innere Zufriedenheit ausstrahlt ... sie ist zwar nicht in ihrere Mitte aber auf eine gewisse Weise doch angekommen. Musikalisch abwechslungsreich mit dem kurzen Schlenker zum zirkus-/jahrmarktmusikhaften, der Erinnerungen an "Die ehrliche Haut" weckt.
"Verschwinde" ist eine witzige Nummer, besonders live, wenn Annett Louisan beim Refrain ihre Mimik einsetzt. Im - übrigens sehr schön als Fotoalbum aufgemachten - CD-Booklet finden sich gegenüber des Liedtextes nur leere Fotoecken - ein nettes optisches Detail.
"Würdest du?" ist ein Lied, das schon beim ersten Mal ins Ohr geht und trotzdem beim wiederholten Hören nicht langweilig wird. Man versinkt und läßt sich treiben von den aufgezählten Liebesbeweisen ("Würdest du für mich bis ans Ende der Welt gehen?"), der wiederholten Nachfrage "Würdest Du?" und dem ruhigen, unaufgeregten Ton, der sich auch dann nicht ändert, wenn in der letzten Strophe die inhaltliche Wendung erfolgt ("Würdest Du mir sagen, wer die kleine Blonde war, würdest Du?"). Einfach perfekt und lädt ein um mal eben ... zu schweben...
"Allein und beisammen" ist einer der Höhepunkte des Albums, ein Lied das mit jedem Hören weiter wächst. Schon der Wortwitz mit dem scheinbaren Gegensatz im Titel sowie die Eröffnungszeilen: "Ein neuer Morgen // Wir haben Schnee in Berlin" lassen vor dem geistigen Auge ein poetisches Bild entstehen. Ein Bild, das von den am Ende wiederholten Eröffnungszeilen eingerahmt wird.
"Pärchenallergie" ist eindeutig der Höhepunkt unter den temporeichen, humorvollen Nummern. Da stimmt einfach alles. Der treibende Zirkuspolka-Rythmus, ein Thema, das so noch nicht thematisiert wurde, obwohl es fast alle kennen und der originelle Text (mein Lieblingsreim: "spalt ich Härchen" gereimt auf "Märchen-Pärchen"). Live ist diese Nummer ein richtiger Stimmungsmacher.
"Wenn zwei zueinander passen" ist eine unheimlich starke Liebes-Ballade abseits aller Herz-Schmerz-Metaphern. Wenn zwei zueinander passen wird alles andere zweitrangig, wie es diese Zeilen auf den Punkt bringen: "Sie können überhaupt alles tun // doch sie können es auch lassen // wenn zwei zueinander passen". Dieses Lied von Danny Dziuk kenne ich auch in der Version von Ulla Meinecke und finde beide Interpretationen auf ihre Art großartig. Wenn ich ein Lieblingslied auf dem Album benennen müßte, wäre es wahrscheinlich dieses.
"Auf der Jagd nach Mr. Big" ist ein Lied, das sehr viel Spaß macht und viel Raum für Schauspiel und Interaktion zwischen Sängerin und Band (als Mr. Big-Chor) bietet. Herrlich, wie die schmierige Männerstimme ("Na schöne Frau? So ganz allein?") mit der Stimme der Sängerin kontrastiert. Ein Lied mit enormem Live-Potential, wo ein bedauernswertes Bandmitglied am Ende als Mr. Bean dasteht.
Bei "Schlaf" fasziniert mich vor allem die surreal-halluzinatorische Traumschilderung in der zweiten Hälfte - sowohl musikalisch als auch textlich ("Drei Katzen spielen Tennis // ein roter Frosch schaut zu").
"Kleiner Augenblick" ist quasi ein selbstbeschreibender Titel - eine kleine, vordergründig unscheinbare Nummer, die es aber wert ist, entdeckt zu werden. Dieses melancholische Lied ist ein Highlight auf dem Album.
"Zweite Chance" gefiel mir vom besungenen Thema her von Anfang an, vom Musikalischen her habe ich etwas länger gebraucht um dieses Lied zu für mich zu entdecken.
"Schöner starker Tag" ein Lied über Tage an denen alles gelingt und man die Welt umarmen und erobern möchte ("Heute fliegen alle Enterhaken"). Sehr schön und lädt zum Träumen ein.
"Von der Liebe" klingt wie ein später Gruß vom Album "Bohème".
"Vorsicht zerbrechlich" ist eine sehr tiefgehende, traurige Nummer. Erinnert an "Chancenlos" in der Stimmung von "Ende Dezember". Einer der emotionalen Höhepunkte des Album.
Meiner Meinung nach hat sich das Risiko des Richtungswechsels mit neuen Partnern und neuen Ausdrucksformen in künstelerischer Hinsicht gelohnt. Es ist deswegen ja nicht zu einem völligen Stilbruch gekommen. Das zeigt sich unter anderem daran, dass die neuen und alten Lieder im Rahmen eines Konzerts sehr gut miteinander "funktionieren".
Ich war von Anfang an begeistert und überzeugt von diesem Album, schon als ich es vor dem Erscheinungstermin bei kleinen Club-Konzerten kennenlernen konnte. Trotzdem haben sich mir in den knapp drei Wochen seit Erscheinen die Feinheiten einiger Lieder erst so richtig erschlossen.
Wo steht dieses Album?
Vielleicht ihr persönlichstes Album.
Möglicherweise auch ihr reifstes Album.
Und wahrscheinlich ihr bestes Album.
(Auch wenn mir alle Alben eigentlich gleich viel wert sind.)