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Meinen und Verstehen. Grundzüge einer psychologischen Semantik. [Taschenbuch]

Hans Hörmann
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)

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Kurzbeschreibung

1994
Das vorliegende Buch ist als Grenzüberschreitung par excellence angelegt. Es will dem Leser nicht ein System oder Modell des Meinens und Verstehens oder gar der Sprache oder des Sprechens vermitteln, denn solche Modelle könnten beim gegenwärtigen Stand unseres Wissens nur entweder zwar realitätsnah, aber wenig aussagekräftig sein, oder allzu spekulativ. Was dieses Buch anstrebt, ist sowohl bescheidener als auch anspruchsvoller: es will durch ständiges Hin-und-her-Gehen zwischen Linguistik, Psycholinguistik und Sprachphilosophie dem Leser deutlich machen, was er berücksichtigen sollte, wenn er über Meinen und Verstehen nachdenkt, und wie er dabei besser nicht denken sollte.

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Produktinformation

  • Taschenbuch: 552 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp; Auflage: 4. A. (1994)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518278304
  • ISBN-13: 978-3518278307
  • Größe und/oder Gewicht: 18 x 10,8 x 3,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 234.928 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Von Graf
Von Amazon bestätigter Kauf
Hörmanns "Meinen und Verstehen" ist 1978 erstaufgelegt und doch sind die Ergebnisse dieser Auseinandersetzung mit den Theorien der Psycholinguistik und Sprachphilosophie hochgradig spannend und erkenntnisreich. Hörmanns Mission ist hierbei insbesondere - titelprägend - geleitet von der Frage nach dem Meinen (Sprecher) und dem Verstehen (Hörer) - vor allem in der Entsprechung dieser beiden Vorgänge, gleichwohl der Fokus auf den Satz gerichtet ist, Sprecher und Hörer aber nicht ideal vorgestellt werden sollen. Das Buch ist weniger originär als mehr diskutierend. Hörmann beweist ein geradezu enzyklopädisches und profundes Wissen. Er konsultiert nicht nur diverse Linguisten, Sprachpsychologen wie Sprachphilosophen, er weiß auch die Theorien synthetisch zu verbinden, um Erkenntnisse zu generieren und Fehlerhaftes zu identifizieren.
Anhand der Kapitelstruktur ist erkennbar, dass die titulierten Begriffe eher eine multiperspektivisch angelegte Untersuchung erfordern, sodass wir der Logik ihres Aufbaus nicht immer folgen können und trotzdem eine Linie erkennen: wie verstehen wir einander? - und diese Frage ist nicht nur sehr komplex, sondern auch voll der Diskurse, von denen einige bares Wissen zutage fördern, andere nur verklären...

Hörmann beginnt mit der Problematik der Sprache als Zeichen, anders: die statisch-semiotische Auffassung von langue-parole/Zeichen-Bezeichnetes (Saussure). Im Weiteren wird der Behaviorismus als obsolet verabschiedet, jedoch seine Errungenschaften in der Wissenschaft des Sprachverhaltens geachtet. Auch Chomskys Modell einer Universalgrammatik, das übrigens syntaktisch konzipiert ist, muss vorerst wieder als unzureichend für unsere Fragen zurückgestellt werden. Hörmann bespricht hierbei vornehmlich die Begriffe der Kompetenz (kommunikative Kompetenz ist nach Syntax und Semantik die nächste Stufe der "Verwendungsadäquatheit", s. auch Pragmatik), Performanz (s. Searle und Sprechakte), Kontext und des (mentalen) Lexikons. Zusammenfassend zu diesen Begriffen kann gesagt werden, dass sie als ungenügend und fehlerhaft erkannt wurden; insbes. das Lexikon ist ein Modell für die geistige Organisation (Repräsentation) von Wörtern (Lexemen) und ihren Bedeutungen, das auch das speichern und erinnern inkludiert (Stichwort: lexikalisches Gedächtnis). Interessant ist an dieser Stelle die Nichtlogizität von Kategorien (z.B. ein Hierarchieprinzip, das ausgeschlossen werden kann). Also auch die Frage, wie Urteile gefällt werden, wenn nicht logisch (obschon die Möglichkeit nicht ausgeschlossen wird)? Auf die Erläuterung des "semantischen Raumes" (Kontinuum, semantische Features) gehe ich hier nicht weiter ein. Wichtig ist, dass Hörmann zu dem Schluss kommt, dass Syntax und Lexikon offenbar nicht psychologisch korrelierbar sind in dem Sinne, als dass sich Meinen/Verstehen hieraus ableiten ließ, jedoch auch die entwickelte Semantik "nicht fähig ist, 'Gebrauchen', 'Hervorbringen' und 'Verstehen' von Sätzen zu erklären..."
Beeindruckend ist das Modell der so g. Sinnkonstanz: dass wir trotz syntaktisch normaler Satzstruktur aber semantischer Anomalie (mein Beispiel: Der Richter ist rot. Wir befinden diese Äußerung zwar als syntaktisch korrekt (im Gegensatz zu: Ist Richter der rot.), gewinnen aber keine normale Vorstellung vom Prädikat (ist rot; im Gegensatz zu: Der Richter ist weise.), sodass nun das Metaphernmodell greift (z.B. Der Richter ist sozialdemokratisch)) einen Sinn konstituieren.
Weiter inauguiert Hörmann (nicht erstmalig, aber feierlich) den Begriff der Gerichtetheit (Intention): "Sinnvolles, Verstehbares konstituiert sich also nicht mühsam - etwa durch ständiges Übersetzen von Zeichen nach einem Code -, sondern es ist als Intendiertes immer schon da, bevor wir es durch eine semiotische Analyse zu konkretisieren beginnen. [...] Wir begegnen in der Welt nicht 'Dingen-an-sich', sondern 'Dingen-für-mich'..."
Des Weiteren werden Origo (d.h. der deiktische Verweisungsraum in actu) zusammen mit der Intention als bildend für den kommunikativen Raum bezeichnet. Die Deixis fungiert als pragmatischer Schlüssel: "Neither meaning nor syntax exists in a vacuum; nor do the two of them together exist independet of situational settings." Wir sehen also, wohin die Reise geht. Hörmann will uns sagen, dass der bloße Satz um gewisse "sprachliche" Einheiten erweitert werden muss, wenn zwischen Sprecher und Hörer etwas passieren soll (vornehmlich das Verstandenwerden des Gemeinten). Diese Einheiten sind neben des gesprochenen Satzes also auch das Welt-Wissen von speaker/listener, die Faktoren der Situation (Wo, wann, Gestik, Tonus etc.). "Sprechen ist [...] ein vielfach verflochtenes Ensemble verschiedener Handlungs-Mittel, die variabel zu den Zwecken Meinen und Verstehen eingesetzt werden können." Hörmann geht nun weiter der Bedeutung auf die Spur. Er "versteht" Bedeutung nicht als Mysterium, sondern um die nicht-isolierte, nicht-idealisierte Adäquatheit zwischen dem Gemeinten und dem Verstandenen. Damit sind semantische Strukturen mindestens genauso primär wie syntaktische! Der Satz bleibt jedoch im Fokus, genauer: "... nimmt also offenbar das als Prädikat fungierende Verbum die Schlüsselposition bei der Wahrnehmung eines Satzes ein." Und dabei mühen sich die Philosophen seit Jahrhunderten mit den "Dingen" und den "Eigennamen" ab.
Zunehmend klarer wird auch Hörmanns besondere Achtung vor einem Philosophen?! Es handelt sich hierbei um keinen geringeren (und für mich persönlich wohl "bedeutsamsten" Philosophen des 20. Jahrhunderts) als um Wittgenstein. So zitiert der Autor den Linguisten Fillmore: "Bedeutung erscheint als Verwendungszweck der Äußerung". Wir werden auf Verwendung (also Gebrauch) noch einmal zurückkommen. Zuvor muss erwähnt werden, dass Hörmann auch den Begriff der Präsupposition bespricht. Wohl ist diese nicht elegant definiert, scheint aber weniger ein grammatisches als mehr ein kognitives resp. kommunikatives Problem zu sein (wie übrigens auch die Semantik), die nicht ausschließlich auf Sprache reduzibel ist, denn schon Bühler formulierte (was Putnam heute propagiert, um die Umwelt erweitert): der "Ursprung der Semantik sei nicht beim Individuum, sondern bei der Gemeinschaft zu suchen."
Nach diesen ganzen linguistischen und psycholinguistischen Debatten switcht der Autor auf die Philosophen um. Wie oben bereits angemerkt, wird Wittgenstein in besonderer Weise hervorgehoben, denn dieser sucht nicht nach der Bedeutung von Bedeutung, sondern nach der Erklärung der Bedeutung eines Wortes, das wieder im kommunikativen Feld zu verorten ist. Hier wird auch die o. g. Performanz erläutert (Sprachspiele durch Regelfolgen, Wissen von Regeln und aber auch Horizont im Sinne der gemeinsamen Lebensform). Doch "es [ist ]der Akt der Äußerung - und nicht die Kenntnis bloß der Regel für den Aufbau des zu äußerndes Satzes -, worauf Meinen und Verstehen sich gründen." Hörmann geht intensiv auch auf die Searlsche Sprechakttheorie ein, die auch kein Allheilmittel zu sein scheint, jedoch evident macht, dass es mehr darum geht, den Sprecher zu verstehen und nicht den Satz.
Exkursiv ist der Abstecher zu den russischen Sprachpsychologen (man bedenke das Erscheinungsjahr!), welchen wir an dieser Stelle nicht vertiefen wollen.
Nun da Hörmann den Sprecher als eigentlich zu verstehenden identifiziert, steckt er auch das Feld der nonverbalen Sprache ab, überhaupt werden Sprache und Kommunikation besprochen, u.a. auch das Paradigma von der bloßen Codierung-Encodierung von Information, das allerdings mit der Performanz und den Sprechakten (der impliziten Äußerung in der Pragmatik) mehr als klar sein dürfte!, zudem die Anfänge der Sprache (ontogenetisch, also wie Kinder lernen): "Infants learn their language by the first determining, independent of language, the meaning which a speaker means to convey and by working out the relationship between the means and the language." Zum Beispiel wird hier die Objektkonstanz genannt (eine erste Form des Wissens). Interessant ist die Entwicklung von Meinen/Verstehen: "Weil das Kind versteht, was der Sprecher meint, erhält die sprachliche Äußerung des Sprechers Bedeutung." Studien haben wohl bewiesen, dass das tatsächlich stimmt: Weil das Kind versteht... Wenn es versteht (und nicht etwa erst lernt), muss eine "kognitive Bedeutung" schon im Kind vorhanden sein. Meinen und Verstehen sind also älter als Sprache. Hier steht vor allem Olson mit seiner kognitiven Theorie der Semantik: "Ein intentionales Moment ersetzt das referentielle."
Hörmann diskutiert ferner die Ich-Zentriertheit des Äußerungsfeldes (das geht über das Origo-Zeigfeld hinaus), bespricht die Vektoren (Richtungen) des Verstehens und kommt final zur These: Sprache sei Mittel zur Steuerung des Bewusstseins des Hörers. Er kommt zu dem Schluss: "Die Art, wie Sprache (in Produktion und Rezeption) verarbeitet wird, macht deutlich, dass Meinen und Verstehen nicht nur von einer der Äußerung selbst inhärenten Dynamik abhängen, sondern immer eine konstruktive Leistung eines im Duktus einer nicht bloß sprachlichen Handlungssituation stehenden Sprecher/Hörer darstellen. Lesen Sie weiter... ›
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