Buchrückseite
Hat ein Pferd eigentlich Gefühle? - Und ob! Die Antwort finden Sie in diesem Buch, gegeben von hoch-karätigen Tierärzten und Pferdetherapeuten, zusammengestellt von Fachautorin Karin Drewes und mit sachkundiger Beratung des bekannten Fachtierarztes für Pferde und Pferde-Tierschutz Dr. Karl Blobel. So mancher junge Mann berichtet, dass ihm seine Antwort auf die Frage „Das Pferd oder ich“ von seiner Freundin ohne zu zögern mit „Das Pferd!“ beantwortet wurde. Pferde sind mehr als Nutztiere. Sie geben uns ihre Kraft, ihre Treue und Zuneigung, körperliche Nähe und Vertrauen. Wer diese freundschaftliche, enge Verbundenheit schätzt, wird sich brennend dafür interessieren, was man tun kann, damit das Pferd sich wohl fühlt und gesund bleibt – oder wird. Mit geballter Fachkompetenz, informativ und dennoch höchst unterhaltsam lesen Sie in der Auslese der NORDPFERD-Seminare, was für das Wohlbefinden Ihres Pferdes wirklich wichtig ist. Die Herausgeberin Karin Drewes, selbst erfahrene Fachjournalistin, Autorin und Tierschützerin, hat eine faszinierende Sammlung lebendiger und gefühlvoller Beiträge zu einem lesenswerten Band zusammengefasst. Lesen und erleben – danach wird Sie das „Pferdevirus“ nicht mehr loslassen….
Auszug aus dem ersten Kapitel. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Dr. med.vet. Karl Blobel Schmerzen – Was sind Schmerzen, was bewirken sie, wie erkennt man sie? Autor: Pferdefachtierarzt Dr. med. vet. Karl Blobel aus Ahrensburg. Er hat diesen Urtext, nirgends nachlesbar, nach gründlicher Forschung selbst erstellt. - Was sind Schmerzen und was bewirken sie? - Schmerzäußerung beim Pferd und seine Interpretation - Schmerzausschaltung Schmerzen bedeuten quälende körperliche Empfindungen, die aber einen wichtigen, lebensnotwendigen Sinn haben. Zu jedem Leben gehören Schmerzen, bei Mensch und Tier. Ohne Schmerzen kann kein Lebewesen existieren. Jedoch ist der Schmerz individuell, entsprechend seinen Funktionen und den Lebensbedürfnissen des Tieres, ausgebildet. Es gibt Schmerzempfindungen, die z.B. beim Pferd akut zu einer Flucht- bzw. zu einer Abwehrbewegung, führen. Es gibt aber auch Schmerzen, die zur Duldung (Duldsamkeit) führen. An den vielseitigen Definitionen erkennt man, dass Schmerzen wirklich nicht objektiv erklärbar sind. Sie sind so individuell ausgeprägt, so momentan und teilweise so auf die Tierart und die Lebensfähigkeit eines Tieres fixiert, dass es schwierig ist, eine Definition zu finden. Das Fluchttier „Pferd“, es lebt in der Herde, immer wachsam, ständig in permanenter Fluchtbereitschaft, stets in Angst vor Angreifern, ständig in Unruhe. In dieser Herde kommt ein Pferd zu einer Geburt. Eine Stutengeburt ist im Gegensatz zu der beim Rind ein dramatisches Ereignis. D.h. die Stutengeburt geht ganz schnell über die Bühne, sie wird zügig abgeschlossen, und das Fohlen steht schnell auf und kann nach kürzester Zeit laufen. Warum ist das so? Das Pferd als Fluchttier ist in der Phase der Geburt hilflos, kann nicht flüchten, ist – liegend oder stehend – auf eine Ruhephase angewiesen. Es ist in dieser Phase schutzlos dem Feind ausgeliefert. Aus diesem Grund muss die Geburt eines Fohlens einfach schnell vorübergehen. Durch diese Schnelligkeit ist sie wesentlich schmerzhafter und dramatischer als bei anderen Tieren, z.B. beim Rind. Das Rind ist ein Angriffstier. Es hat Zeit für die Geburt- Es legt sich in eine Ecke und verteidigt sich vorn. Das Pferd muss als Fluchttier innerhalb kürzester Zeit wieder mobil sein. Genauso geht es dem frisch geborenen Fohlen. Das Fohlen muss schnell mobil sein. Das Pferd hat in dieser Phase, in der es schutzlos ist, enorme Schmerzen, weil es mental dazu beitragen muss, diese Schmerzen so zu dramatisieren, dass der Geburtsvorgang schnell „über die Bühne geht“. Der Geburtsvorgang in Minimalzeit ist für die Überlebenschance der Stute von riesengroßer Bedeutung. Stute und Fohlen müssen schnell wieder in die Herde integriert werden, um den Herdenschutz zu haben. Da haben wir den Geburtsschmerz als etwas unheimlich Positives. Wäre dieser Schmerz nicht, würde sich u.U. die Stute Zeit nehmen, wäre sie den Feinden länger ausgesetzt und dadurch möglicherweise dem Tode geweiht. Schmerzen können aber auch anders interpretiert werden. Z.B. ein Pferd hat sich bei einem Rennen das Bein gebrochen. Es ist in einer Aufregung. Beim Rennen ist der Fluchtreflex dermaßen ausgeprägt, wie es auch in der Natur der Fall wäre. Das Pferd – es sei denn, es bricht tot zusammen – spürt in dieser wahnsinnigen Flucht- und Aufregungsphase keine Schmerzen. Das bedeutet, dass ein Rennpferd, wenn es sich ein Bein bricht, sehr häufig auf drei Beinen weiter galoppiert bis ins Ziel und noch weiter. Dabei werden die Schmerzen, die Signale des gebrochenen Beines, überhaupt nicht registriert. Die Schmerzen setzen erst ein, wenn die Flucht vorüber oder die „Sicherheit“ gegeben, ist. Analog ist das beim Menschen genauso. Schmerzen sind durchaus auch positiv zu beurteilen. Schmerzen haben den Sinn, das Pferd zu schützen. Hat sich das Pferd z.B. eine Torsion, einen Sehnenschaden, einen Gelenkschaden zugezogen, fängt das Pferd an, ruhigere Bewegungen zu machen. Es belastet das Bein nicht oder nur schonend. Zum Beispiel beim Galopp hebt es das Bein in die Luft und galoppiert auf drei Beinen, je nach Grad der Schmerzen und ja nach Grad der Verletzung. Je größer die Verletzung, desto mehr Alarmsignale gehen an das Gehirn, und das Gehirn gibt die Bestimmung „Schmerz-Ruhe“ weiter. Das Pferd, der Körper des Pferdes, reagiert entsprechend. Es nimmt nicht nur die Schonhaltung im Galopp ein sondern auch natürlich die Schonhaltung im Schritt und im Trab. Es belastet das Bein nicht, es sei denn, es wäre gezwungen zu flüchten oder es werden dem Pferd Schmerzen zugefügt, die größer sind als die durch eine Verletzung hervorgerufenen. Dann dominieren die größeren Schmerzen, z.B. wenn ich ein Pferd reite, welches lahmt, und ich das nicht registriere, es aber durch Sporen, Gerte und Gebiss so in Rage bringe, dass diese Schmerzen, die ich dem Pferd zufüge, wesentlich größer sind als die Gliedmaßenschmerzen am Bein. Um eine Lahmheit an einer Gliedmaße festzustellen, muss ich das Pferd in einem entspannten Zustand vorführen. Das Pferd darf keine Angst haben, es darf nicht nervös sein, weil es sonst die Schmerzen nicht zeigt. Nur das ruhige Pferd zeigt Schmerzen, weil es natürlich auch an die Funktionsbremse selber denkt und diese Schonhaltung einnimmt. Das ist für uns Tierärzte und alle anderen Personen, die sich mit Schmerzen berufsmäßig beim Patienten befassen, von besonderer Wichtigkeit. Der Tierarzt muss 1) den Schmerz erkennen, 2) den Ort des Schmerzes lokalisieren und 3) bestimmen, wie groß der Schmerz ist. Mit der Schmerzausdrucksform des Pferdes kann ich Rückschlüsse auf die Größe einer Verletzung oder einer Erkrankung ziehen und Maßnahmen ergreifen. Schmerzen können hochgradig da sein und können verschwinden je nach Situation. Die Schmerzformen stehen jeweils in einer Verbindung zu anderen Überlebensmechanismen eines Körpers, also auch zur Physis eines Pferdes. Schmerzen kommen und gehen je nach Bedeutung und in Relation zu den anderen Körperfunktionen. Deshalb sind Schmerzen schwer messbar, weil sie laufend wechseln. Ist ein Pferd wochenlang eingesperrt und wird nach einer Ruhepause in die Halle gelassen oder auf die Weide, merkt es den Schmerz nicht, weil es sich bewegen darf. Hier wird der Schmerz durch eine Euphorie beeinflusst. Es spürt den Schmerz nicht, es springt und rennt. Erst, wenn es zur Ruhe kommt, empfindet es den Schmerz wieder. Durch die unnatürliche Haltung der Ruhe in der Box und das plötzliche Sichhingeben an die Freiheit werden Schmerzbremse und Schmerzfunktion verfälscht wiedergegeben. So tritt eine Disharmonie zur Schmerzbremse ein, und das Pferd verliert die Übersicht, andere Körperfunktionen zu schützen. Wir alle haben schon einmal festgestellt, dass solche Ereignisse sehr dramatisch zur Verschlechterung von Erkrankungen führen, wenn nämlich die Bremse des Schmerzes oder die Funktion von Schmerzen beim Pferd so missbraucht werden. Deshalb ist es wichtig, das Pferd – um Schmerzen beurteilen zu können – in einer möglichst natürlichen Lebensform zu halten, auch in einer natürlichen Bewegungsform. Der Schmerz lässt sich in anderen Regionen beeinflussen, z.B. Gebissschmerzen durch die Trense, durch Verschnürungen, Satteldruck, Peitsche, Sporen. Da werden natürliche Funktionsbremsen des Schmerzes erheblich beeinflusst, und das Pferd registriert nicht mehr den eigentlichen Funktionsschmerz zum Schutz einer Körperregion oder eines Organs. Das Pferd kann durch Hinzufügung anderer erheblicher Schmerzen den eigentlichen wesentlichen Schmerz nicht erkennen. Aus diesem Grunde kann man auch objektiv einen Schmerz unter dem Reiter kaum einschätzen. Es gibt nur wenige Tierärzte, die eine Lahmheitsuntersuchung unter dem Reiter beurteilen können. Das Wichtigste ist, je ruhiger das Pferd, je entspannter das Pferd, umso deutlicher sind die Schmerzen erkennbar und interpretierbar. Es gibt Hengste und ähnliche, sehr nervöse Tiere, die nie entspannt sind. Tiere dieser Art sind zu sedieren, zu beruhigen, damit sie keine anderen Ablenkungsmanöver wahrnehmen und dann in dieser Beruhigungsphase dem Schmerz nachhängen,...
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Dr.med.vet. Karl Blobel Pferdefachtierarzt: „Zu jedem Leben gehören Schmerzen“ Vorwort Sei bestimmt und sei dir bewusst, dass du in der so genannten Herdenrangordnung über deinem Pferd stehst. Lass das dein Pferd erkennen und … strafe es nie! Eigentlich unfassbar, dass die Menschen in diesen Jahren nichts – oder so gut wie nichts – dazu gelernt haben. Zum einen entwickelten sie immer abstrusere Speisepläne, aber auch Foltermethoden, dabei sind Pferd und Mensch doch eigentlich für eine Partnerschaft bestimmt. Das Pferd als Herdentier sucht den Partner „Mensch“, seinen Schutz und seine Gesellschaft – eine schicksalhafte Beziehung. Wie schön wäre es, wenn diejenigen, die stolz darauf sind, mit welcher Stärke sie ein Pferd gebrochen haben, wenn diejenigen, die ein Pferd mit brutalen Mitteln zureiten, es niederwerfen, zusammenschnüren, zermürben, wenn diese unangenehmen Zeitgenossen auf Xenophons Ratschläge gehört hätten, die da sagen: sei bestimmt, aber nicht brutal, verliere nie die Beherrschung, denn ein Wutausbruch bringt nichts, und oft musst du den Tag bereuen, an dem du dich hinreißen ließt. Aggression, zumindest im Umgang mit dem Pferd, bringt nichts. Vielmehr belohne dein Pferd mittels verschiedener Möglichkeiten, wenn es das getan hat, was du wolltest. Hingegen steigern Reiter, die ihre Pferde mit der Gerte strafen, nur die Furcht; denn sie verbinden die Furcht vor dem Hindernis mit Schmerzen.