"Es muss jemanden in dieser Familie geben, der nicht schreibt" - an diese Maxime hielt sich Katia Mann geborene Pringsheim lebenslang. Immer wieder bedrängt, ihre Lebenserinnerungen zu Papier zu bringen, gibt sie schließlich in den späten sechziger Jahren Elisabeth Plessen ein langes Interview. Aus diesen O-Tönen entstanden schließlich die "ungeschriebenen Memoiren", ein zauberhaftes Buch!
Es sind zugegebenermaßen Erinnerungen, die ein Schweigen über viele weniger glanzvolle Seiten des Familien- und Künstlerlebens der Familie mit einschließt. Bei der allerdings wirklich üppigen Biographien-Auswahl zu allen Familienmitgliedern ist das nicht wirklich ein Mangel. Der geneigte Leser hat ja die Wahl, was er über wen in der Familie lesen möchte. "Meine ungeschriebenen Memoiren" bilden in dieser wahrhaft reichen Buchauswahl eine besondere Perle!
Hier kommt nämlich der Mensch zu Wort, der dem Künstler und Menschen Thomas Mann am nächsten stand, ohne den Thomas Mann niemals eine solche Schaffenskraft hätte entwickeln können. Denn Katia Mann war der heimliche Motor hinter dem Künstler, umsichtig und umtriebig. Und doch stets auf Augenhöhe, was sie mehrfach wie selbstverständlich betont.
Aufgewachsen im großbürgerlichen Millieu Münchens, selber vielfach begabt, beschließt sie, ihr Leben dem Dichter und der schnell wachsenden Familie zu widmen. Bedingt durch den Nationalsozialismus wandern die Manns erst in die Schweiz, später in die USA aus. Katia Mann findet sich in jeder neuen Situation schnell zurecht und ermöglicht ihrem Mann, sich schnell wieder ausschließlich auf seine Arbeit zu konzentrieren.
Sie berichtet in einem ganz eigenen Ton von den Begegnungen und Wendepunkten im Leben mit Thomas Mann. Sie erweist sich als gute Beobachterin, als Pragmatikerin und als eine Frau mit unerhört rascher Auffassungsgabe, die sie immer wieder zu nutzen weiß. So ist dieses Buch viel mehr als nur eine Aneinanderreihung von Anekdoten. Auf den zweiten Blick gibt Katia Mann doch weitaus mehr von sich und ihrer Familie preis, als es anfangs den Anschein hat.
Katia Mann ist schließlich 97 Jahre alt geworden und hat ihren Mann fünfundzwanzig Jahre überlebt. Bei Entstehung dieses Buches war Katia Mann bereits tief in ihren achtziger Jahren. So hatte sie alles Recht, mit ihren Erinnerungen Prioritäten vor zu nehmen. Entstanden ist ein Einblick in ein Künstlertum und in ein anspruchsvolles "An seiner Seite"-Leben, dass so frisch und ehrlich erzählt wird, dass es immer wieder Freude macht, Katia Mann zu lesen!