Auch wenn "Meine spirituelle Biographie" für mich keine klassische Autobiographie ist, in der nämlich nicht nur biographische Texte zusammengestellt wurden, sondern eben auch Reden, Ansprachen und Erklärungen, so zeigt es doch die drei Hauptanliegen, des Dalai Lama, sein Leben als Mensch, buddhistischer Mönch und zuletzt als Dalai Lama, einen Einblick in sein Leben und Wirken zu geben.
Die Texte des Dalai Lama wurden von der Herausgeberin Sofia Stril-Rever in kursiver Schrift kommentiert und bietet dadurch eine grössere Übersichtlichkeit und Verständnis der zusammengestellten Texte. Aufgrund der Komplexität der Texte, wird der Titel dem Inhalt nur teilweise gerecht, denn im Grunde hat sich der Dalai Lama nicht hingesetzt und hat eine Autobiographie verfasst, dem ist denn nun doch nicht so.
Wir erfahren etwas darüber wie er als Kind durch das Orakel gefunden wurde, in einem völlig abgelegenen Dorf und wie die Nachfolger des Dalai Lama gesucht werden. Vor allem in der ersten Hälfte bekommen wir einen Einblick in die spirituelle Praxis des tibetischen Buddhismus, in dem von der "Verwandlung des Geistes" gesprochen wird, mit dem Ziel Leiden und dessen Ursachen zu befreien. Spiritualität als Rückkehr zu den wesentlichen menschlichen Werten, als Schlüssel zu unserem Überleben, als eine Revolution des Herzens, in der Liebe, Mitgefühl, Geduld, Toleranz, Vergebung und Verantwortungsgefühl im Zentrum steht.
Wir erfahren z.B., dass der Dalai Lama einen sechsjähringen Jungen, den Gedhun Choekyi Nyima als Reinkarnation des zehnten Panchen Lama, des zweithöchsten Würdenträgers des tibetischen Buddhismus bestimmt hat und heute inhaftiert ist. Oder auch, sollte der Dalai Lama nicht in seinem Land sterben, sein Nachfolger aus einem anderen Land kommen kann.
In einfacher sympathischer Sprache erzählt und dokumentiert, bekommen wir in der ersten Hälfte mehr einen persönlichen Einblick in das Leben des Dalai Lama, was in der zweiten Hälfte dann doch immer mehr politische Züge annimmt und von der Okkupation China's im Jahre 1949 erzählt, von einem mit Füssen getretenen Land, dass um sein kulturelles Erbe genauso bangt als um seine buddhistischen Werte und Reliquien vergangener Zeiten, der Zerstörung von Klöstern in einer 6 Millionen Republik, der man Zwänge einverleibt, Han-Chinesen ansiedelt, und Einheimische bis auf Tiefste was an Menschrechtsverletzung vorstellbar ist, gnadenlos durchzusetzen vermag.
So gerne ich die Texte von Dalai Lama und seine Sprache mag, von der Seele dieses grossen Menschen berührt wurde, denn seine Texte können etwas wie Zuversicht und Hoffnung ausstrahlen, ja wir können durchaus von seiner Weisheit für unser eigenes Leben etwas abgewinnen, was dieses Buch wohl für mich so kostbar macht und doch, kann es einen traurig machen, wieviel dieser Mensch für seine Land tut und wie wenig er von der Welt an Unterstützung bekommt. Ein Land das nach wie vor an seiner Besetzung leidet und um seine Freiheit, Unabhängigkeit und Autonomie kämpft. Was bleibt ist die Frage, ob die Schulung innerer Werte wie Mitgefühl alleine reichen, die Welt zu verändern oder die Befreiung von Tibet zu erlangen. Ich selbst hege daran Zweifel, ohne Unterstützung von Aussen wird wohl Tibet weiterhin unter dem Zwang von China leiden müssen, dessen Befreiung ich diesem armen Land nur von ganzem Herzen und grosser Sympathie wünsche und schliesse mit einem Zitat der Herausgeberin: (292)
"Die Flamme der Freiheit verlischt noch lange nicht, wenn sie im Herzen eines menschlichen Wesens brennt, dessen Leben nicht mit dem Tod endet."