Vorerst, in diesem kleinen Buch, möchte ich nur eine einzige Geschichte erzählen: die von Großmutter Tonia und ihrem Sweeper, den Onkel Jeschajahu ihr aus den Vereinigten Staaten schickte.
Diese Geschichte ist eine wahre Geschichte, ihre Helden sind real und ihre Namen echt. Aber wie alle Geschichten in unserer Familie hat auch sie einige Versionen, jede mit ihren Verbesserungen. Und noch etwas muss ich vorausschicken: Hie und da werde ich eine kleine Nebengeschichte einfügen, die dem Verständnis und der Orientierung dient, werde eine vergessene Tat aus dem Schlaf kitzeln und versunkene Bilder heraufbeschwören. Hier und da wird Kichern in einen Schrei umschlagen und ein Weinen in Gelächter.
("Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger", Seite 13, 14).
Wer eine humorvoll erzählte Familiengeschichte voller Herzenswärme und Leben sucht, wird mit diesem Roman fündig werden. Natürlich gibt es von jeder Geschichte mehrere Versionen und wie der Autor dieses Werkes erklärt, wählt man in seiner Familie die schönste. Treu diesem Motto ergeben, berichtet er, wie ein Staubsauger der Marke General Electric der Held dieses Buches werden konnte und warum die damit verbundene Geschichte von Generation sogar an jene weitergeben wird, die Großvater Aaron nicht kannten, nicht den Sweeper, ja nicht einmal Tonia selbst. Wer diesen Roman gelesen hat, wird diese Tatsache als selbstverständlich betrachten oder sogar als notwendig, denn sie ist es wert, in Erinnerung gebracht zu werden. Und der unbeteiligte Leser bedankt sich für das Geschenk, diesen Andenken mit den Beteiligten dieser Geschichte ein wenig teilen zu dürfen.
Die Sache war so... So beginnen Tonias Geschichten und es war sicherlich kein leichter Start für die junge Frau aus der Ukraine, die mit der so genannten Dritten Einwanderungswelle aus ihrer Heimat nach Israel kam, wo sich Aaron, ein Pionier der ersten Stunde und damit Gründungsmitglied des ländlichen Nahalal je nach Version ihrer gemeinsamen Liebesgeschichte auf den ersten in sie verliebte. Auf jeden Fall waren das damals in den 1920er-Jahren keine leichten Zeiten und Tonias größter Feind war dabei schnell ausgemacht. Es war der allgegenwärtige Schmutz, dem sie beinahe fanatisch zu Leibe rückte. Dabei bestand natürlich immer die Gefahr, dass Verwandte und andere Besucher neuen Schmutz ins Haus tragen könnten. Daher wurden die meisten im Freien bewirtet und die berühmte und berüchtigte Kuhstalldusche sorgte für Schonung der Fliesen im verschlossenen und geheimnisumwitterten Bad im Innern ihres Hauses. Bis zu dem besonderen Tag, als der amerikanische Staubsauger ordentlich verpackt den Haushalt in Nahalal bereicherte war damals noch ein langer Weg. Bis dahin plaudert der Autor munter über die verschiedenen Familienmitglieder zu denen im weiteren Sinne auch die Haustiere gehören, wie zum Beispiel das Pferd Whity, welches auf einem der Photos abgebildet ist, die den Text des Romans bereichern. Onkel Menachem ist an einem Tag der 1950er-Jahre mit Pferd und Wagen auf dem Weg in die Molkerei. An so einem Tag besucht ihn auch sein kleiner Neffe aus Jerusalem, der später die Versionen der Familiengeschichten zusammentragen wird. Großmutter Tonia betrachtet den Enkel etwas genauer und stellt mit russisch-jiddischen Akzent fest, dass er "misserrobel" aussieht und ihn gleich mit einem Löffel frischer Sahne kuriert. Überhaupt ist das Vokabular der Großmutter bemerkenswert und prägt den neugierigen Meir genauso wie die anderen der Familie. Verstorbene Bekannte sind nach ihren Worten "nicht mehr", wobei die Formel "Es war ein schrecklicher Tod" folgt. Um nur ein Beispiel zu nennen.
Es ist eine Freude den authentischen Roman von Meir Shalev zu lesen. Man darf herzhaft lachen und weinen und sich verwickeln lassen in die phantasievolle und zugleich bodenständige Erzählweise, die so vorzüglich unterhält. Diesmal hat der Klappentext wirklich nicht zu viel versprochen, wenn den Roman u.a. als "bezauberndes Erinnerungsbuch" anpreist.