Könnte eine Hose Geschichten erzählen, so wären es die Geschichten ihres Trägers, der sie Monate oder gar Jahre lang wie eine zweite wärmende und schützende Haut mit sich herumtrug. Sie könnte viel erzählen: vielleicht von drögen Familienfeiern, vielleicht von den gutgemeinten Ratschlägen der Tanten, oder von den Eltern aus der Bonner Republik, von ihrer Zeit vor der Wende.
David Wagners Ich- Erzähler ist für kurze Zeit eins mit seiner neuen "nachtblauen Hose". Eine flüchtige Liebe hält so lange wie seine Hose. Der Leser wird hineingewebt, in diese verwobene, immer wieder bereits vergangene Geschichte. Der "Held" studiert in Berlin Jura und lernt auf der Geburtstagsfeier seines Freundes dessen damalige Freundin Fe kennen. Die Beiden fahren, nachdem er, der keinen Namen hat, den Mercedes seiner Mutter gegen einen Betonpfosten setzte, mit dem Zug nach Köln/ Bonn. Es ist eine Reise in die Vergangenheit, wieder und wieder kommen alte Erinnerungen hervor, verknüpft mit der Hose, die er damals trug. Eine Reise der Déjà-vus in eine alte vergangene Bundesrepublik, in die Kindheit beider. Seine Eltern trennten sich, Fes blieben zusammen, ohne Bindung. "Nutellakinder und Niveatöchter", die Kinder hatten alles, die Haushälterin, Frau Ops, räumte auf, kochte das Mittagessen. Innerlich waren die Kinder leer, warteten auf den Anfang des Lebens, zogen zum Studium in das verheißungsvolle Berlin, "konntest du nicht in Freiburg studieren ?" fragt die Mutter vorwurfsvoll. Die '68er- Ideale der Eltern stauben, wie ihre Beatles- Platten, im Schrank vor sich hin. Der Vater arbeitet als Ministerialbeamter und ist leidenschaftlicher Marmeladenkoch geworden, seitdem er von seiner Frau geschieden ist ("wir werden uns trennen, für dich wird sich nicht viel ändern"), die jetzt in London lebt.
Die Liebe der "Nutellakinder" endet so abrupt, wie sie angefangen hatte, mit dem Ankommen in den frühesten Erinnerungen. Ihre Beziehung basierte auf dem alten Deutschland und der Erinnerung daran. Zum Heutigen konnten die beiden nicht gemeinsam finden. Der Ausflug in das Vergangene endete beim Einkaufen einer neuen Hose mit dem Ende der Erinnerungen der Alten.
Bewundernswert für dieses Romandebüt ist nicht nur die Geschichte, gut zu lesen, elegisch und kurzweilig, ein Stückweit traurig und melancholisch, sondern insbesondere Wagners wunderbarer Umgang mit Sprache. Er versteht auf geniale Art und Weise bereits in seinem Debüt den Leser in die Geschichte einzugarnen, ihn mit Worten zu umweben, ihn in seine Sprache zu kleiden.
Das Buch ist eindringlich geschrieben, es erinnerte mich ein wenig an "Arnes Nachlass" von Siegfried Lenz.