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Gute junge deusche Literaur aus der Bonner REpublik, 3. April 2001
Könnte eine Hose Geschichten erzählen, so wären es die Geschichten ihres Trägers, der sie Monate oder gar Jahre lang wie eine zweite wärmende und schützende Haut mit sich herumtrug. Sie könnte viel erzählen: vielleicht von drögen Familienfeiern, vielleicht von den gutgemeinten Ratschlägen der Tanten, oder von den Eltern aus der Bonner Republik, von ihrer Zeit vor der Wende. David Wagners Ich- Erzähler ist für kurze Zeit eins mit seiner neuen "nachtblauen Hose". Eine flüchtige Liebe hält so lange wie seine Hose. Der Leser wird hineingewebt, in diese verwobene, immer wieder bereits vergangene Geschichte. Der "Held" studiert in Berlin Jura und lernt auf der Geburtstagsfeier seines Freundes dessen damalige Freundin Fe kennen. Die Beiden fahren, nachdem er, der keinen Namen hat, den Mercedes seiner Mutter gegen einen Betonpfosten setzte, mit dem Zug nach Köln/ Bonn. Es ist eine Reise in die Vergangenheit, wieder und wieder kommen alte Erinnerungen hervor, verknüpft mit der Hose, die er damals trug. Eine Reise der Déjà-vus in eine alte vergangene Bundesrepublik, in die Kindheit beider. Seine Eltern trennten sich, Fes blieben zusammen, ohne Bindung. "Nutellakinder und Niveatöchter", die Kinder hatten alles, die Haushälterin, Frau Ops, räumte auf, kochte das Mittagessen. Innerlich waren die Kinder leer, warteten auf den Anfang des Lebens, zogen zum Studium in das verheißungsvolle Berlin, "konntest du nicht in Freiburg studieren ?" fragt die Mutter vorwurfsvoll. Die '68er- Ideale der Eltern stauben, wie ihre Beatles- Platten, im Schrank vor sich hin. Der Vater arbeitet als Ministerialbeamter und ist leidenschaftlicher Marmeladenkoch geworden, seitdem er von seiner Frau geschieden ist ("wir werden uns trennen, für dich wird sich nicht viel ändern"), die jetzt in London lebt. Die Liebe der "Nutellakinder" endet so abrupt, wie sie angefangen hatte, mit dem Ankommen in den frühesten Erinnerungen. Ihre Beziehung basierte auf dem alten Deutschland und der Erinnerung daran. Zum Heutigen konnten die beiden nicht gemeinsam finden. Der Ausflug in das Vergangene endete beim Einkaufen einer neuen Hose mit dem Ende der Erinnerungen der Alten. Bewundernswert für dieses Romandebüt ist nicht nur die Geschichte, gut zu lesen, elegisch und kurzweilig, ein Stückweit traurig und melancholisch, sondern insbesondere Wagners wunderbarer Umgang mit Sprache. Er versteht auf geniale Art und Weise bereits in seinem Debüt den Leser in die Geschichte einzugarnen, ihn mit Worten zu umweben, ihn in seine Sprache zu kleiden. Das Buch ist eindringlich geschrieben, es erinnerte mich ein wenig an "Arnes Nachlass" von Siegfried Lenz.
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Des Kaisers alte Hose, 21. November 2000
Von Ein Kunde
Über Halbwertzeiten von Hosen, Romanzen und Kindheitstraumata Ein junger Mann, dessen Gedanken immer dann in greifbare und entrückte Vergangenheiten abschweifen, wenn er die Hosen runterläßt. Auf fremden Toiletten oder beim Ausziehen in einer Umkleidekabine. Und er erzählt sie, die Geschichte seiner zerschlissenen nachtblauen Hose, die genauso lange tragbar war wie eine Liebe. Und auch wenn man über die Hose weit weniger erfährt, als der Titel vermuten läßt, ist sie Drehpunkt für seine Assoziationsketten, -fäden, -fetzen, die immer zu ihm und seiner Hose zurückkehren und sich von dort in neuen Erinnerungskanälen verlieren. Meine nachtblaue Hose ist ein Roman über eine in Berlin begonnene Liebe und über Bonner Kindheitsgeschichten in den 60er und 70er Jahren, mit all den Wirtschaftswunder-Verwandten und Konfirmationsfeiern. Dem Marmelade einkochenden Vater, der nur am Telefon präsenten Mutter, einer einkaufssüchtigen Tante, einem kunstharzverliebten Onkel, einer traumatisierenden Scheidung. Und es ist ein Buch über Langeweile. Unerträgliche Langeweile, die seine Kindheit begleitet, die an ihm klebt, wie eine der Süssigkeiten von denen er gerne träumt, und die allen vorstellbaren Gedanken ausreichend Raum gibt. Man hört ihn über viele Seiten denken, hört ihn in gleichgültiger Passivität Bruchstücke seines Lebens vorbeiziehenlassen, nur gelegentlich läßt er den Leser symbolische Sätze aktueller oder vergangener Gesprächspartner hören und dann, in einem kleinen Nebensatz rückt die aktuelle Zeitebene einen einzigen Tag vor. Auf den 183 Seiten passiert nichts, wirklich nichts. Ist man aber bereit, sich als Treibholz durch die Erinnerungsströme des Erzählers gleiten zu lassen, erfährt man sehr viele kleine wichtige Dinge, die durchaus nicht langweilig sind.
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