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Meine griechische Taverne<br />Ein Sommer auf Patmos
 
 
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Meine griechische Taverne
Ein Sommer auf Patmos [Taschenbuch]

Tom Stone , Renate Reinhold
3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (8 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

»Ein Fest der Sinne!« (Publishers Weekly )

Kurzbeschreibung

Schon vor Jahren hat der amerikanische Autor Tom Stone sein Herz an die zauberhafte griechische Insel Patmos und ihre eigensinnigen, aber herzlichen Bewohner verloren. Daher geht sein größter Traum in Erfüllung, als er die Gelegenheit erhält, dort einen Sommer lang eine kleine Taverne zu führen. In dieser sinnenfrohen Welt genießt er das Meer, die Oliven, den Wein – und muss doch feststellen, dass auch dieses Paradies eine Schlange beherbergt ...


Klappentext

"Der Wert eines so aufrichtig und gut geschriebenen Buches ist kaum zu überschätzen."
Los Angeles Times

"Geständnisse eines Küchenchefs mit Ouzo."
Time Magazine

"In seinen bittersüßen Memoiren liefert Stone einen authentischen Reisebericht jenseits aller schönfärberischen Klischees."
Library Journal

Über den Autor

Tom Stone arbeitete zehn Jahre am Broadway, bevor er das hektische New York verließ, um in der Abgeschiedenheit und Ruhe der ägäischen Insel Patmos seinen ersten Roman zu vollenden. Was als zeitlich eng umrissener Arbeitsurlaub gedacht war, sollte sich über 22 Jahre erstrecken und dem Autor eine einzigartige zweite Heimat bescheren. Neben seinen griechischen Memoiren verfasste Tom Stone einen Roman, zahlreiche Bücher über Griechenland und mehrere Drehbücher. Heute lebt er in Venice, Kalifornien.

Auszug aus Meine griechische Taverne - Ein Sommer auf Patmos von Tom Stone, Renate Reinhold. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Wenn Sie heute die Insel Patmos besuchen, werden Sie weder ein Restaurant mit dem Namen »Die schöne Helena« noch ein landwirtschaftlich genutztes Tal und einen Strand mit dem Namen Livádi finden. Neben den geographischen Bezeichnungen habe ich auch die Namen der in meiner Geschichte vorkommenden Personen geändert, weil viele von ihnen entweder noch auf der Insel leben oder sie regelmäßig besuchen und ich ihre Privatsphäre nicht verletzen will.
Die einzelnen Details und die Geschichten, die sich um die Insel Patmos ranken, entsprechen hingegen der Wahrheit, ebenso die Schilderung meines Versuchs, in einem Sommer vor nicht allzu langer Zeit an diesem Ort eine Taverne zu betreiben. Sollten Sie dieses Fleckchen Erde irgendwann einmal besuchen und sich dort in irgendein beliebiges kleines Restaurant setzen, werden Sie feststellen, dass es – ebenso wie alle anderen Restaurants in Griechenland – der Schönen Helena sehr ähnlich ist. Ich zweifle nicht im Mindesten daran, dass bereits 95 nach Christus, dem Jahr, in dem der heilige Johannes nach Patmos kam, ein Gastbetrieb dieser Art existierte, eine Taverne, wo die Einheimischen – neugierig auf Nachrichten aus der Welt jenseits ihrer Insel – Reisende mit offenen Armen willkommen hießen und sie mit einem Becher Wein und einem schmackhaften Mahl bewirteten.
Und wer weiß, vielleicht saß auch damals an einem Tisch in der Ecke jemand wie der Mann, den ich in meiner Geschichte Theológos genannt habe, und wartete nur darauf, den Fremden eine Lektion zu erteilen.

Vorspeise

Das Wort Gottes
Das Telefon klingelte, gerade als ich mich in den unfreundlichen kretischen Winter hinauswagen und zu meiner Arbeit trotten wollte. Die Schule, an der ich unterrichtete, lag knapp einen Kilometer von meiner Wohnung entfernt in einem grauen Betonblock im modernen Teil von Rethymnon, direkt an der Autobahn, die an den Toren der Altstadt vorbeiführt. Diese private Schule bestand aus ein paar schäbigen Räumen im ersten Stockwerk des Gebäudes, wo meine griechischen Kollegen und ich spätnachmittags und abends Englisch als Fremdsprache unterrichteten. Unsere Kursteilnehmer waren meist lustlose städtische Angestellte, die sich eine Beförderung und ein besseres Gehalt erhofften, und Oberschüler, die eine Laufbahn als Fremdenführer, Bankangestellte oder bei der Touristenpolizei anstrebten. Mein Gehalt war lächerlich niedrig, und die Wandtafeln in den Klassenzimmern waren im Lauf der Jahre mit so vielen Schichten blassgrüner Farbe versehen worden, dass man beim Schreiben das Gefühl hatte, man würde den Rumpf eines alten Frachters mit Kreide beschriften.
Danielle, meine Frau, nahm den Telefonhörer ab und rief mich aus dem Regen zurück in die Wohnung. Als ich ins Wohnzimmer trat, hielt sie den Hörer in der einen Hand und einen Bogen hauchdünnes, glänzendes Blattgold in der anderen. Das Blattgold war für eine byzantinische Ikone bestimmt, an der sie gerade arbeitete, ein Exemplar einer Reihe von Kopien antiker Vorlagen, die sie an die örtlichen Souvenirläden zu verkaufen hoffte. Auch damals vor achteinhalb Jahren, als wir uns auf der Insel Patmos kennen gelernt hatten, hatte sie Ikonen kopiert, aber zu jener Zeit hatte sie diese Arbeit als Intermezzo verstanden und gehofft, in absehbarer Zeit ihren Traum verwirklichen und eigenständig schöpferisch tätig sein zu können. Jetzt aber hatten wir zwei Kinder, für die wir sorgen mussten, und so kopierte sie wieder Ikonen, um Geld zu verdienen, und ich, ich musste Englischkurse geben, statt an einem neuen Roman zu arbeiten. Danielle hatte sich mit typischer französischer Gelassenheit mit diesen Gegebenheiten abgefunden. Ich hingegen, Amerikaner und inzwischen in meinem zweiundvierzigsten Lebensjahr, hatte immer noch meine Zweifel, ob es wirklich etwas Gutes war, wenn man seine Träume aufgab und einer geregelten Arbeit nachging.
Danielle hielt den Hörer gegen ihren Oberarm gepresst und sagte: »Es ist Theológos.«
In einer Ecke des Wohnzimmers spielten unsere beiden flachsköpfigen Kinder – die sechsjährige Sara und Matt, der bald zwei wurde – mit der Katze. Sie saßen vor dem gusseisernen Ofen, um den wir uns nachmittags und abends versammelten und darauf warteten, dass sich der Raum mit der hohen schimmeligen Zimmerdecke über uns endlich erwärmte. Als wir diese Wohnung in der Altstadt gemietet hatten – vier höhlenartige Zimmer in der ersten Etage eines heruntergekommenen, mit einem marmornen Portikus geschmückten venezianischen Stadthauses aus dem siebzehnten Jahrhundert –, hatten wir geglaubt, ein Schnäppchen gemacht zu haben. Inzwischen – wir verbrachten bereits den zweiten Winter in Rethymnon – wussten wir nur allzu gut, wer hier das Schnäppchen gemacht hatte – nämlich unser Vermieter.
»Theológos?«, fragte ich ungläubig.
»Von Patmos. Livádi.«
Ich warf Danielle einen überraschten Blick zu. Obwohl wir auf Patmos in dem Tal von Livádi über sieben Jahre sommers wie winters gelebt und dort ein Haus gekauft und renoviert hatten, rechneten wir nicht damit, je wieder etwas von unseren früheren Nachbarn dort zu hören. Die Bewohner dieses Tals waren noch reservierter als die übrigen Inselbewohner und bezeichneten sogar die Einwohner des acht Kilometer entfernten Hafenstädtchens als xéni, Fremde. Und das Telefon war in ihren Augen zwar eine nützliche, aber gleichzeitig auch gefährlich extravagante Einrichtung, die sie nur selten nutzten, schon gar nicht für Ferngespräche.
»O Ladós?«, sagte ich, seinen Spitznamen gebrauchend – eine unbedingte Notwendigkeit auf Patmos, denn dort schien die Hälfte der männlichen Bevölkerung entweder auf den Namen Theológos getauft worden zu sein oder auf Ioánnis (Kurzform »Yánnis«), zu Ehren des heiligen Johannes Theológos, dem Verkünder des Wort Gottes, Ágios Ioánnis O Theológos. Auf der Insel Patmos war es, wo Johannes die Visionen empfing, die in der Offenbarung – auf Griechisch Apokálypsi – niedergeschrieben wurden. Theós heißt Gott und lógos Wort oder Lehre; folglich bedeutet theológos Verkünder von Gottes Wort.
Danielle nickte.
Theológos war der Besitzer eines einfachen, aber florierenden Restaurants am Strand von Livádi. Eigentlich war es kein richtiges Restaurant, eher das, was die Griechen eine táverna nennen – kleiner und preiswerter als ein Restaurant (estiatórion) und meist ein Familienbetrieb. Als ich das erste Mal nach Patmos kam, hatte das Lokal noch I Oréa Eléni (Die schöne Helena) geheißen, aber im Jahr darauf hatte sich Eléni, Theológos’ Frau, von ihrem Mann getrennt und war mit der gemeinsamen Tochter fortgezogen, woraufhin der erzürnte Ehemann den Baum vor der Taverne fällte und den Namen des Restaurants in I Oréa Théa, Die schöne Aussicht, änderte – ein Name, den es in der Tat verdiente. Die Taverne lag an der parallel zum Strand verlaufenden Straße, und von der Terrasse aus konnte man hinter Tamarisken den Sand- und Kiesstrand sehen und hatte einen herrlichen Blick auf die weite geschwungene Bucht, in der bunte Fischerboote – kaíkia – auf den glitzernden Wellen tanzten. In der Ferne erhoben sich anmutig die Hänge von Chiliomódi, eine kleine Insel vor der Küste von Patmos, auf der man Ziegenherden weiden ließ. Im Hintergrund konnte man im Dunst weitere kleine Inseln des Dodekanes erkennen, und an klaren Wintertagen war sogar die dunkelpurpurne Wellenlinie der etwa sechzig Kilometer entfernten türkischen Küste zu sehen.
Danielle reichte mir den Telefonhörer und ging zurück zu ihrem Arbeitstisch, wo sie mit geschickten Fingern das Blattgold auf die Ikone auftrug, an der sie gerade arbeitete. Sie war zweiunddreißig Jahre alt, aber selbst in ihrem unförmigen Pullover und nach zwei Kindern sah sie immer noch schlank und grazil wie eine Zwanzigjährige aus. Während sie sich über ihre Ikone beugte, fiel ihr eine Strähne ihres kastanienbraunen Haars ins Gesicht, und ihre aparten hoch stehenden Wangenknochen, die mandelförmigen Augen und ihre leicht gebogene Nase waren angespannt vor Konzentration. Unsere Kinder hatten ihr helles Haar von der skandinavischen Seite meiner Familie geerbt, aber die fein geschnittenen Gesichtszüge waren eindeutig ein Vermächtnis ihrer französischen Mutter.
»Theológo!«, rief ich in den Hörer und gebrauchte dabei die griechische Anredeform, bei der das s am Ende des Namens wegfällt. »Wie geht es dir?«
Theológos redete nicht gerne um den heißen Brei herum. Als ehemaliger Seemann der Handelsmarine, capitánios, wie er behauptete, der alle Weltmeere befahren hatte, kam er gleich zur Sache. Besonders bei Ferngesprächen. Sobald er nun meine Stimme hörte, lichtete er den Anker, setzte die Segel und ließ mir kaum die Gelegenheit, ihn zu begrüßen.
»Thomá!«, bellte er ins Telefon, die griechische Version meines Namens, dass es von Patmos bis Kreta schallte. »Hör zu! Willst du im Sommer meine Taverne pachten?«
Theológos. Das Wort Gottes.

Die schöne Helena
»Thomá, bist du noch dran?« Er wartete auf meine Antwort, während es im Hörer knisterte und krachte. Im Winter bei schlechtem Wetter musste man stets damit rechnen, unterbrochen zu werden, besonders, wenn man von Insel zu Insel telefonierte. »Thomá! Hör mir gut zu. Dieser Mann aus Athen – der, der sie vor zwei Jahren schon mal gepachtet hat –, der möchte sie wiederhaben, aber ich hab an dich gedacht. Du hast doch immer gesagt, du hättest gern meine Taverne. Weißt du noch?«
Natürlich wusste ich es noch. Bei seinem Angebot stieg augenblicklich das Bild der Schönen Helena vor meinem geistigen Auge auf (ich konnte mir die Taverne einfach nicht unter einem anderen Namen vorstellen) wie Aphrodite aus dem glitzernden Schaum. Ich erinnerte mich deutlich an jene Sommermorgen, an denen ich an meinem Tisch beim Strand genüsslich einen griechischen Kaffee schlürfte, mir der Duft der Tamarisken in die Nase stieg und ich dem friedlichen Plätschern lauschte, wenn die Wellen leise gegen ein Fischerboot schlugen. Nur allzu gern dachte ich auch an die nach Oregano duftenden gemächlichen Mittagessen mit Danielle zurück, an unser Haus auf dem Hügel, wo es dank der dicken Steinmauern wunderbar kühl war und wo wir entweder Siesta hielten oder – wenn die Kinder schliefen – uns liebten; und ich dachte wehmütig an die Abende, wenn die Welt draußen bedeutungslos wurde und nur noch der kleine, von den Lichtern der Taverne beleuchtete Fleck zählte, wenn sich jene verrückte Ausgelassenheit, von den Griechen kéfi genannt, auf die Gäste senkte wie Feuerzungen vom Himmel …
Die Schöne Helena war eines jener typischen Restaurants, wie man sie überall in Griechenland findet; wo man Platz nimmt und genau weiß, dass man, wäre man der Besitzer, mit ein paar kleinen Veränderungen sofort einiges verbessern könnte. Man bräuchte nur hier und da ein paar Bambusmatten anzubringen, für weicheres Licht zu sorgen, anständige Toiletten einzubauen, ein paar Kellner zu engagieren, die für ihre Arbeit wenigstens ein Mindestmaß an Interesse aufbrachten, ein paar interessante Gerichte anzubieten und vor allem das Essen heiß zu servieren. Für den Rest würde die schöne Lage sorgen.
Als sich Theológos, statt sich dem immer größer werdenden Ansturm der Touristen zu stellen, vor ein paar Jahren darauf verlegte, sein Lokal den Sommer über zu verpachten, hatte ich ihn des Öfteren gefragt, warum er es nicht mir überließ.
Eine Frage, die nicht ernst gemeint war. Obwohl ich ein passionierter Hobbykoch war und auch bereits in einem Restaurant gearbeitet hatte, war ich bei meinem Angebot von einem Übermaß an Retsina und kéfi beflügelt gewesen. Auch Theológos wusste das und hatte mit mir zusammen über meine Offerte gelacht. Jetzt aber nahm er mich anscheinend beim Wort.
Ich schaute auf meine Armbanduhr. Ich konnte mich diesem Gespräch noch etwa weitere fünf Minuten widmen, ohne dass aus meinem gemächlichen Gang zur Sprachenschule ein Gehetze werden würde.
Aus purer Neugier fragte ich: »Wie viel?«
Sofort wurde Danielle hellhörig.
Theológos ließ eine kleine Weile verstreichen, ehe er antwortete: »Der Athener hat mir dreihundertfünfzigtausend geboten. Dir würde ich sie für dreihunderttausend geben. Aber keine Drachme weniger.«
Ungefähr siebentausend Dollar.
»Theológo, selbst wenn ich wollte, aber so viel Geld habe ich einfach nicht.«
Danielle bedachte mich mit einem langen Blick.
»Ich dachte, du hast dein Haus verkauft«, erwiderte Theológos.
Darauf war ich nicht vorbereitet. »Wer hat dir denn das erzählt?«
»Ime Patmiótis! Ich bin schließlich aus Patmos. Jeder hier weiß über die anderen Bescheid. Du hast doch dein Haus verkauft, stimmt’s? An diesen holländischen Arzt, dessen Tochter es als Mitgift haben will?«
Es war erstaunlich, was er alles wusste.
»Ja. Aber«, log ich, »wir haben das Geld noch nicht bekommen. Und außerdem wollen wir es für die Kinder anlegen. Für ihre Zukunft. Das College …«
Jetzt spitzten auch meine Kinder die Ohren. Zumindest Sara, während Matt noch immer ganz versunken damit beschäftigt war, der Katze das Fell vom Rücken zu ziehen.
»Ach! Na ja, wenn das so ist …« Theológos schob seine Karten wieder zusammen.
Freunde von mir, die Restaurants auf Mykonos besaßen, hatten mir erzählt, dass sie in einem einzigen Sommer so viel verdienten, dass es für das ganze Jahr reichte. Und jetzt verbrachten sie wahrscheinlich gerade den Winter in Paris oder New York, gingen ins Theater, speisten in den besten Restaurants, wohingegen ich …
»Theológo, warte doch. Ich muss erst darüber nachdenken.«
Danielle sah mich alarmiert an. Ich konnte es ihr nicht verdenken. Sie kannte meine Veranlagung – ein Vermächtnis meines verstorbenen Vaters, Architekt und Immobilienhändler aus Washington, D. C. –, mich in grandiose Projekte zu versteigen. Eben dieser Hang hatte mich ursprünglich überhaupt nach Griechenland geführt und uns unser Bauernhaus auf Patmos ermöglicht. Doch Danielle wusste auch, dass mein Vater über siebzigtausend Dollar Schulden hinterlassen hatte, und zwar zum größten Teil bei seinem Buchmacher.
»Thomá!«, trompete Theológos in den Hörer. »Élla! Komm zurück! Alle vermissen dich! Du bist einer von uns – Patmiótis!«
Dann brach die Verbindung ab.

Patmiótis
Das Erste, was die Leute wissen wollen, ist immer, wie man das überhaupt schafft – wie man seine berufliche Karriere einfach hinwerfen (ich war Bühneninspizient und Regieassistent an einem Broadway-Theater gewesen), alle Zelte abbrechen kann, um fortan auf einer griechischen Insel zu leben. Nun, natürlich plant man so etwas nicht. Praktisch alle mir bekannten Ausländer, die für längere Zeit in Griechenland gelebt haben, sagen das Gleiche: »Ich wollte eigentlich nur ein paar Wochen (Tage/Stunden) bleiben. Aber dann …«
Aber dann passiert etwas. Zum Beispiel verliebt man sich.
Auch ich hatte nur einen Sommer dort bleiben wollen, vier, fünf Monate höchstens, um mir den Traum zu erfüllen, irgendwo in der Fremde einen Roman zu schreiben. Kurz zuvor war meine Mutter an einem Schlaganfall verstorben und hatte mir eine kleine Erbschaft hinterlassen. Ich legte zehntausend Dollar ziemlich planlos in irgendwelchen Aktien an, und mit dem Rest, etwa zweitausend Dollar, zog ich los und reiste nach Griechenland, wo ein befreundeter Maler lebte, Dick Evans, ein ehemaliger Kollege von mir am Broadway, der mir helfen wollte, mich einzugewöhnen. Ich war vierunddreißig und wollte meinen Traum endlich Wirklichkeit werden lassen, ehe es zu spät dafür war, ehe ich heiratete und eine Familie gründete – und die »schwere Katastrophe« über mich hereinbrach, um es mit Alexis Sorbas’ Worten auszudrücken.
»Wenn der Herbst kommt, bin ich wieder da«, verabschiedete ich mich bei meinen Freunden.
An einem strahlenden, windigen Märztag kam ich in Griechenland an. Nach kurzen Aufenthalten in Athen und auf der Insel Mykonos, wo ich mich mehr in der Kunst des chasápiko (Sorbas’ Tanz) übte als in der Kunst des Schreibens, kam ich zu dem Schluss, wenn ich meinen Roman wirklich fertig bringen wollte, müsste ich mich irgendwohin zurückziehen, weit weg von den Verlockungen, die entlang der ausgetretenen Touristenpfade auf mich warteten.
Meine Wahl fiel auf Patmos, was einfach daran lag, dass ich die Augen schloss und mit dem Finger auf eine Karte der Ägäis tippte, erfüllt von dem seligen Vertrauen, dass nun, da ich in Griechenland war, meine Zukunft in den Händen gütiger Mächte lag, die schon dafür sorgen würden, dass sich alles zu meinen Gunsten entwickelte, ganz egal, wo mein Finger schließlich landete. »Aber warum ausgerechnet Patmos?«, fragte ich meinen Freund Dick. Der hatte auch noch nicht von dieser Insel gehört.
Ein alter Reiseführer, Fodor’s Guide to Greece, den ich auf dem Flohmarkt in Athen aufgestöbert hatte, hatte nicht viel über diese Insel zu berichten. Nur so viel, dass sie, etwa elf Kilometer lang, fünf Kilometer breit, am Rand der östlichen Ägäis liegt, zum Dodekanes gehört, einer Inselgruppe, die dem türkischen Festland vorgelagert ist, und dass man mit dem Schiff von Piräus aus zehn Stunden dorthin unterwegs ist, die gleiche Zeit, die man braucht, die Insel von dem südlich von Patmos gelegenen Rhodos aus zu erreichen. Es legten jedoch nur wenige Schiffe dort an, weil die Kaianlage von Patmos zu klein für große Fährschiffe sei. Der Reiseführer enthielt auch einige spärliche Informationen über den heiligen Johannes und seine Offenbarung, ferner ein grobkörniges Schwarzweißfoto des Hafens mit ein paar grauweißen Gebäuden und grauen Felsen, die sich in der Ferne unter einem grauen Himmel mit der milchig-grauen See vermischten. Nun ja, dachte ich, ansehen kann ich es mir ja mal. Wenn es mir nicht gefällt, fahre ich eben weiter zur nächsten Insel.
Und so stolperte ich an einem klaren Maimorgen früh um sechs Uhr an Deck eines schäbigen alten Fährschiffes, der inzwischen legendären Miméka, um einen ersten Blick auf Patmos zu werfen, gänzlich unvorbereitet auf das, was sich meinen Augen offenbaren sollte. Verschwunden war das graue Einerlei von Himmel, Felsen, Meer. Stattdessen tauchte die Morgensonne die hohen zerklüfteten Sandsteinfelsen der Küste in ein warmes Goldbraun, und die Hänge und Niederungen waren dank der Winterregen überzogen von üppigem Grün. Vom Hafen aus glitten winzige Fischerboote durch das glitzernde tiefblaue Wasser auf unsere Fähre zu. Die meisten Passagiere sahen in diese Richtung oder bestaunten die mächtige, dunkle, mit Zinnen versehene Anlage des Klosters zum heiligen Johannes, die sich auf einem Hügel südlich des Hafens erstreckte. Doch irgendetwas zog meine Aufmerksamkeit Richtung Norden, wo sich in der Ferne ein paar schneeweiße kleine Bauernhäuser in ein sattgrünes Tal schmiegten. »Dort!«, flüsterte mir eine Stimme zu. »Genau dort möchtest du hin!« »Dort« war, wie ich später erfuhr, Livádi.
Der Kai, an dem unsere kaíkia anlegten, war kaum mehr als die dürftig mit Steinen befestigte Sandstraße, die parallel zum Hafen verlief, etwa eine Treppenstufe über der Wasseroberfläche. Skála – so hieß das Hafenstädtchen – bedeutet auf Griechisch »Treppe«, und wahrscheinlich rührte der Name dieses Orts ganz einfach davon her. In der Tat sah die Hafenanlage aus, als hätte sie sich nicht wesentlich verändert seit den Tagen, als Johannes vor fast zweitausend Jahren, von Ephesus kommend, von Bord seines kleinen Schiffes ging.
Das heißt, mit Ausnahme der riesigen Betonblöcke, die sich am Rand des Hafenbeckens auftürmten. Vor kurzem erst hatte die griechische Regierung beschlossen, den Türken zu demonstrieren, wie deutlich der griechische Anspruch auf den Dodekanes war, und mit dem Bau einer neuen Kaianlage auf Patmos begonnen, dem später Militärlager und Unterstände an der dem türkischen Festland zugewandten Inselseite folgen sollten.
Im Hafenbecken lag noch untätig ein rostiger Baggerkahn, der den Meeresboden für die Betonblöcke vorbereiten sollte, und wartete darauf, zu geziemender Zeit seinen geräuschvollen, den ganzen Tag andauernden Betrieb aufzunehmen.
Inmitten der Wellen tanzte eine signalrote Boje, gut hundert Meter vom westlichen Ufer entfernt. Wie ich später erfuhr, markierte sie die Stelle, wo ein gefährlich spitzer Felsen, der leicht den Rumpf eines großen Schiffes aufschlitzen konnte, bis dicht unter die Wasseroberfläche ragte. Die Leute sahen – und sehen noch heute – in ihm die versteinerte Gestalt von Yénoupas, ein böser mágus, den der heilige Johannes in einen Stein verwandelte, als er mit ihm um die Herzen, den Geist und die Seelen der Einwohner von Patmos kämpfte.
Dieser Kampf ist noch nicht zu Ende – woran ich immer wieder während meines Aufenthalts auf dieser Insel erinnert wurde –, und die Geschichte von dem Konflikt zwischen Johannes und Yénoupas, wie man sie hier auf Patmos erzählt, enthüllt so viel über diese Insel, dass es sich lohnt, sie an dieser Stelle zu erzählen.

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