Das Leipzig der achtziger Jahre erinnere ich als eine bunte, lebendige und weltläufige Stadt. Betrachtet man Norbert Vogels zwischen 1966 und 1991 entstandene Fotos der Metropole - die der Schriftsteller Uwe Johnson (1934-1984) einst die "heimliche Hauptstadt der DDR" nannte - erweist sich die Erinnerung als trügerisch. Das mag auch daran liegen, dass die eigene Heimatstadt seinerzeit noch grauer war als die Mustermesse-Stadt, die in der DDR als deren "Schaufenster zur Welt" bezeichnet wurde. Wenn es so war, dann ist es vorstellbar, dass westeuropäische Besucher, die die Stadt alljährlich zur Frühjahrs- und Herbstmesse frequentierten, wenig Lust verspürten, den Laden hinter diesem Schaufenster zu betrachten.
Norbert Vogel, Jg. 1944, lebt in Eichwalde und hat in den sechziger Jahren Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert. Er gewährt uns einen Blick auf sein Leipzig, das er bis zum Einheitsjahr fotografisch begleitet hat. Fürwahr, die Stadt war, nach heutigem Ermessen, ebenso trostlos wie das verfallende Halle, das Helga Paris zwischen 1983 und 1985 fotografiert und in dem 1991 erstmals erschienenen Band 'Diva in Grau' dokumentiert hat.
Norbert Vogels Schwarz-Weiß-Fotos - die weder chronologisch noch thematisch geordnet sind - zeigen uns, sofern man nur in der DDR aufgewachsen ist, unsere Vergangenheit. Denn die Bilder in dem maroden Land ähnelten sich zwischen Arkona und Zwickau. 1981 konnten Kinder in Leipzig-Plagwitz, wie in "Meine graue Stadt" zu sehen, auf der Straße freilich noch Fußball spielen, weil der Verkehr überschaubar war. Die auf Gewässern schwimmenden Platten, die Norbert Vogel 1977 aufnahm, waren nicht aus Eis, sondern aus geronnenen Phenolrückständen der chemischen Industrie. Und auf vielen Fotos liegt Nebel über Leipzig, von dem man wünscht, er möge nur jahreszeitlich bedingt sein. Realiter handelt es sich um Smog, der auch die Fassaden der Pleiße-Stadt schwärzte. Die letzte Hoffnung, die hier 1989 noch leuchtete, war die Lichtreklame der gleichnamigen Kneipe im Stadtteil Lindenau.
Kaum zu glauben, dass die DDR-Regierung in der Endzeit des Landes mehr oder minder ernsthaft erwogen hatte, sich mit Leipzig als Austragungsort für die Olympischen Spiele 2004 zu bewerben. Das war wohl eine Kurzschluss-Reaktion, nachdem Walter Momper, der damalige Regierende Bürgermeister West-Berlins, Honecker 1989 vorgeschlagen hatte, dass sich beide Teile Berlins um die Austragung der Sommerspiele 2004 bewerben mögen: "Gut, wenn Sie sich mit Westberlin bewerben, dann bewerben wir uns mit Leipzig", wies Honecker den Vorschlag Mompers entrüstet zurück. (So zu lesen in einem "Dosenöffner für die DDR" betitelten Beitrag der "taz" vom 26. August 2009.) Zu einer Bewerbung der DDR kam es natürlich nicht. Sie wäre, auch ohne die Wende von 1989, nicht zu leisten gewesen. Aber auch der 2003 unter anderen politisch-infrastrukturellen Voraussetzungen gestartete Versuch, die Olympischen Sommerspiele 2012 nach Leipzig und in das Umland zu holen, scheiterte.
Bernd Lindner - leider wird dem Leser nicht mitgeteilt, wer dieser Autor ist - irrt sich in seinem einleitenden Essay beim Thema "Hotel Merkur", dem heutigen "Westin", gleich zweifach. Das 96 Meter hohe Gebäude wurde nicht von einem schwedischen, sondern von einem japanischen Unternehmen errichtet. Das einstige Interhotel ist auch nicht Mitte der achtziger Jahre erbaut worden. Der Grundstein wurde vielmehr im September 1978 gelegt und am 13. März 1981, mit Beginn der Frühjahrsmesse, wurde es seiner Bestimmung übergeben.
Das Leipzig, das Norbert Vogel im Bild überliefert, stimmt gewiss nicht nostalgisch. Man möchte es so wenig wiederhaben wie die größte DDR der Welt, in der es lag - und verfiel.