Aus der Amazon.de-Redaktion
Manchen hätte das verbittert. Nicht so Claudia Rusch, die natürlich auch eine ganze Menge Glück gehabt hat. Ein Glück, das man sich selbst gewünscht hätte, war beispielsweise die Direktorin, die die Schullaufbahn der gelangweilten Querulantin rettete, indem sie ihr erlaubte, sich während des Unterrichts in ihre Privatlektüre zu vertiefen. Zuvor waren, wie die Autorin glaubhaft macht, "Heerscharen von Lehrern" an ihr gescheitert. "Meistens versuchten sie es durch Isolation: Sie setzten mich allein auf die hinterste Bank, sie setzten mich allein auf die vorderste Bank. Es half nicht. Ich quatschte, ich raschelte, ich störte. Natürlich -- ich langweilte mich. Es war ein Problem. Wir alle waren unzufrieden und ich hatte Schuld."
Doch nicht nur aus der Schule plaudert Rusch. Ebenso unterhaltsam erzählt sie von dem Alltag in der DDR, von der Jugendweihe, vom schwierigen Verhältnis zur Banane und zu Schokoladenriegeln aus dem Westen, von der Stasi und deren Spitzeleien, von dem befreienden Gefühl gerade in dem Moment amtlich erwachsen zu werden, als der DDR-Spuk endlich ein Ende hat.
"Es kommt nicht in jedem Programm vor, dass im Verlagshaus einhellige Begeisterung für ein neues Buch besteht", heißt es in einem Brief des Lektors an die Presse. Doch genau dies sei bei dem Buch von Claudia Rusch der Fall gewesen. Und tatsächlich -- auch wenn es nach einer abgegriffenen Floskel klingt: Meine freie deutsche Jugend ist ein wichtiges (und ein vergnügliches!) Buch über die Realität des Sozialismus in der DDR. --Andreas Vierecke
Audiobook-Rezensionen
Claudia Rusch erinnert sich an ihre früheste Kindheit, in der sie sich durch die Stasi-Autos bewacht fühlte. Da ihre Mutter zum Freundeskreis von Robert und Katja Havemann zählte, waren die Stasi und ihr Schutz für sie von Kindheit an Selbstverständlichkeiten. Dass Kakerlaken nicht nur die Stasi bezeichnen, sondern auch reales Ungeziefer, lernte sie allerdings erst nach dem Mauerfall. Anlässlich der Feier zu ihrer Jugendweihe saßen zwei Väter an ihrer Seite: ihr leiblicher in weißer Paradeuniform und der Mann, bei dem sie mit ihrer Mutter lebte, der lange Haare trug und ein Verweigerer war. Nach dem Mauerfall, der sie davor bewahrte, ihre Eltern vielleicht für immer zu verlassen hier richtet sie einen nicht zu überhörenden massiven Vorwurf an das Regime, es ist die Tatsache, dass Eltern und Kinder aus Oppositionskreisen zu einer schmerzlichen Trennung gezwungen wurden ist sie überzeugt, dass alles zu früh passiert war. Es gibt für sie keine Zweifel, dass ihre Grundlagen die DDR als den besseren Staat auszeichneten. Eindrucksvoll macht die Autorin deutlich, dass nicht nur das Überwachungssystem, sondern auch die Mangelwirtschaft und die in ihrem Fall resultierende Leidenschaft für Raider die Menschen maßgeblich prägte.
Neben komischen Alltagsepisoden und fast schon absurd zu nennenden Szenen wie etwa dem Badeausflug in Südfrankreich, der die FKK-Kultur der DDR zeigt, erzählt Claudia Rusch allerdings auch von Ereignissen, die weniger in die Kategorie es war nur anders, aber alles nicht so schlimm eingereiht werden können: z.B. von der besten Freundin der Mutter, die sich als IM entpuppt, und vom Großvater, der in einem Stasi-Gefängnis gestorben ist.
Claudia Rusch, 1971 in Stralsund geboren, wuchs in Rügen an der Ostsee auf. Später zog sie mit ihrer Mutter nach Brandenburg, 1982 dann nach Ostberlin. Da sie mitten in der DDR-Bürgerrechtsbewegung groß wurde, war die Stasi für sie nichts Besonderes. 1990 machte sie Abitur und studierte danach Germanistik und Romanistik. Sie arbeitete sechs Jahre lang als Redakteurin beim MDR in Magdeburg. Seit 2001 lebt sie als freie Autorin in Berlin.
Alles in allem eine äußerst interessante Sammlung von Geschichten über das Alltagsleben in der DDR. Wer sich darüber informieren möchte, wird in dieser Quelle sicherlich fündig. Die Autorin, die die DDR-Geschichte keineswegs erklären will, trägt ihre komisch und gleichzeitig tragischen Erzählungen lebhaft, auch kritisch und in einem erfreulich leichten Ton vor.
Autorenlesung, Spieldauer: ca. 144 Minuten, 2 CD. Auch als MC erhältlich (389940369X). -- culture.text
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Perlentaucher.de
Jens Bisky lobt dieses Buch, in dem sich die Autorin in fünfundzwanzig Texten an ihre Kindheit und Jugend in der DDR, aber auch an Begebenheiten in der Nachwendezeit erinnert, als besonders treffende Beschreibung der "tickigen, halb bedrohlichen Atmosphäre der späten DDR". Im Gegensatz zu "Kuschelangeboten", die in anderen Erinnerungsbüchern an die DDR gemacht würden, versuche Rusch nicht, das Schmerzhafte ihrer spezifischen Erfahrungen in der DDR zu vergessen, so der Rezensent zustimmend. Und auch, wenn die Autorin hauptsächlich "absurde, komische Szenen" schildere, erzähle sie auch einiges, was sie bis heute nicht verzeihen kann, betont Bisky. Insbesondere, dass sich oppositionelle Eltern in der DDR gezwungen sahen, ihre Kinder in den Westen "wegzugeben", erzürnt Rusch immer noch, so Bisky. Während er die Begebenheiten bis zur Wende als sehr "flott" geschrieben lobt, findet er die Erzählungen aus der Nachwendezeit eher "blass". Als richtig "peinlich" aber moniert er das Nachwort von Wolfgang Hilbig, an dem ihn das "Pathos" sehr stört. Dennoch schwärmt er am Ende seiner Kritik, "mehr" als in diesem Buch "könne das Genre der Kindheitserinnerungen" kaum leisten.
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Buchnotiz zu : Die Tageszeitung, 29.07.2003
In Claudia Ruschs "Meine freie deutsche Jugend" sieht Rezensent Gerrit Bartels ein DDR-Erinnerungsbuch, das ohne die Sentimentalitäten und Verklärungen der derzeit populären Zonenkindererinnerungsbücher auskommt. Rusch, aufgewachsen im Umfeld der DDR-Bürgerrechtsbewegung und stets von der Stasi bespitzelt, beschreibt die DDR nicht als einen romantischen Kindheitsort, sondern als "strenge Lebensschule", berichtet Bartels. Sie sei kein Zonenkind gewesen, sondern eine Außenseiterin von früh an, die in ihren Erinnerungen nicht "ich" und "wir" verwechsele und ihr Anderssein im Vergleich zur Generation Golf betone. Auf Bartels wirken Ruschs Erinnerungen "privat und offenherzig", aber oft auch "undurchschaubar und lose". Ernste Anekdoten und mitunter kitschige Pointen wechselten sich ab. Über manche der Personen, die Mutter etwa, die eng befreundet mit Katja und Robert Havemann war, hätte er gerne etwas mehr erfahren. Generell moniert er, dass sich die DDR-spezifischen Schwierigkeiten und Zumutungen bei Rusch oft eher nur erahnen als mitfühlen lassen.
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Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 30.07.2003
"Ungemein wahrhaftig", "anrührend" und "mit viel Witz erzählt" findet die Rezensentin Erika Deiss diese fünfundzwanzig Kurzgeschichten von Claudia Rusch über deren DDR-Vergangenheit. Die Autorin "schildere mit großer Liebe zu den Menschen das normale Leben ganz normaler Leute" in der damaligen DDR. Sehr "authentisch" erscheinen der Rezensentin diese "exemplarischen Geschichten", die sie "in bester deutscher Journalistentradition" aufgeschrieben sieht. So bezeichnet sie dieses Buch denn auch als "Quelle ersten Ranges", wenn man sich über das Alltagsleben während des DDR-Regimes informieren will.
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