Wir tauchen ein in ein dokumentiertes Leben, das gut 30 Jahre eines Korrespondenten zeigt, der Anfang der siebziger bis Ende der neunziger Jahre für das Spiegel-Magazin gearbeitet hat. Auch wenn Tiziane Terzani (1938-2004) gegen Ende seines Lebens, keine Energie mehr aufbringt, Ordnung in seine Berge von Foto's und Kontaktstreifen zu bringen, setzt er sich vor seinem Tod mit seinem Sohn Folco zusammen, um ihm eine systematische Katalogisierung zu überlassen. Daraus entstanden, ist ein beeindruckender Fotoband, mit ausgesuchten kurzen Texten, die aus veröffentlichten Büchern und unveröffentlichen Schriften, etwa seiner unveröffentlichten Tagebücher, passender und authentischer nicht sein könnten.
In chronologischer Ausrichtung, bekommen wir Einblick in Vietnam Anfang der siebziger Jahre, China Anfang der achtziger Jahre, dessen Buchanteil am Grössten ist, und ein gutes Drittel des gesamten Buches einnimmt, Tibet in den achtziger, Japan zwischen 1985-1990, dessen Anteil am Kleinsten ist, der Sowjetunion von 1989-1991, das tropische Asien, 1972-1994, gemeint sind damit die Philippinen, Kambodscha, Indochina, Thailand, Luang Prabang, dem Flussdelta Mekong, Mustang, 1995, ein ehemaliges Königreich im Himalaya, das heute zu Nepal gehört, Indien 1994-2000 und schliesslich der Himalaya 2000-2004, in dessen Schlusskapitel ich mich bei der Durchsicht des Bandes gleich verliebt habe..denn es ist mit Farbfotographien und einem wunderschönen Aquarell des Autors versehen..
Der Band beginnt mit Vietnam, Terzani erlebt das Ende des Krieges, die Revolution in Indochina. Der damalige junge Journalist, eben erst in Vietnam angekommen, war erschüttert vom Krieg, von den Toten am Strassenrand. In Negativ-Bögen, sieht man verkleinert Tote im Krieg- Folco Terzani entscheidet sich jedoch, diese Bilder nicht der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und nimmt diese nicht im Buch auf. Dazu schreibt er: "Diese Foto's kann man jedoch kaum zeigen, sie sind der reine Horror..Er fotografierte ohne jeden künstlerischen Anspruch, nur von der Fassungslosigkeit geleitet, dass es so etwas wirklich gibt.."
Den grössten Seitenanteil nimmt China ein, das ein China Anfang der achtziger Jahre zeigt, ein Fotoband, mit excellenten Schwarz-Weiss Aufnahmen, die teilweise auch seine Kinder und seine Frau zeigen. Spätestens hier merkt man, dass dieses Buch unter die Haut gehen kann. Terzani gibt einen Einblick in dieses Land, wie wir es uns kaum vorstellen können. Er schreibt: "Ich gab die Suche nach den neuen Menschen auf, als mir klar wurde, dass es in China einen alten Menschen gab, einen wunderbaren Menschen mit einer überwältigenden Kultur. Also begann ich diesen Menschen nachzuspüren und dem, was von diesem grossartigen alten China geblieben ist.." Ein Freund rät ihm.."Hör auf, dich wie ein Chinese zu kleiden und mit dem Fahrrad durch die Gegend zu fahren, sonst hält dich die Polizei noch für einen Spion.." Man kann ein wenig vom Kommunismus wahrnehmen: "Erst kamen die Kollektive, dann die Volkskomunen. Damit verschwanden auch die letzten Spuren von Privateigentum. Gemüsegärten und Hoftiere, wie Hühner und Schweine, übergab man dem Staat. Dorfmärkte und Jahrmärkte wurden verboten. Der Kommune gehörte alles, sie wachte über jeden Menschen jedes Ding." Terzani selbst kommt in Kontakt mit dem Polizeistaat, wird verhaftet, verhört, in die Umerziehung geschickt und schliesslich des Landes verwiesen. Ein beeindruckendes Zeugnis über China, das China-Liebhaber ansprechen könnte.
Terzani erzählt von einer alten Frau, die er auf dem Lehmboden des Marktes von Hunyuan sieht, sie verkauft dort Schildkröten, erzählt den Leuten vom Ursprung dieses Tieres: "Die Schildkröte kennt die Geheimnisse des Himmels und der Erde.." sagt sie und zeigt auf den geheimnisvoll gemusterten Panzer. "Präsident Mao mag den Fluss Lauf der Flüsse verändert und Berge versetzt haben. Den Panzer der Schildkröte aber hat er nicht zu ändern vermocht." Die Menge lacht.
Ein Buch das von Menschen, vor allem von Menschen, von Natur, von Schicksalen, von Schauplätzen, Lebensplätzen, Ruinen, Bäumen, Gesichtern, dem Alltäglichen, von einem Leben jenseits von Europa erzählen, in einer Art, wo man mehr von diesem Menschen Terzani lesen will und bereits nach anderen Buchveröfftentlichungen liebäugelt, weil man von diesen kostbaren Texten und dem wie sie einen im Innern treffen können, nicht mehr entziehen kann. Ein überaus lesenswertes Buch, wo man sich gerne an einem Herbstabend zuhause in jene ostasiatische Welt entführen lässt, um jene Lebensessenz einzufangen, auf der Terzani sein Leben lang auf der Suche war. Die Foto's auf der Innenseite des Umschlag's sind so interessant, man wünschte sich, sie alle hätten mehr Platz in dem Band bekommen. Ein Buch das einlädt, an jenen Orten zu verweilen, einen Moment still zu werden, um jene Momente aufzunehmen, von denen Terzani in einer betrachtenden Art und Weise dem Leser etwas näher bringt, das so weit weg und trotzdem so nah erscheint..
Ganz besonders eindrücklich empfinde ich, wie dieser Mensch, sich am Lebensende im Himalaya zurückzieht, um die Begegnung mit sich selbst zu suchen. Er schreibt:"Vom Rest der Welt abgeschnitten, bin ich dort ausschliesslich mir selbst nachgegangen und habe endlich für einen Moment den Hauch des Jenseits gespürt...Ich lebe zurückgezogen in einer Hütte im indischen Himalaya..Wenn ich schreibe, sitze ich auf dem Holzfussboden, ein Sonnenkollektor speist meinen kleinen Computer, Wasser schöpfe ich aus einer Quelle, an die auch die Tiere des Waldes kommen, manchmal sogar ein Leopard. Reis und Gemüse bereite ich mir auf meinem Gaskocher zu und achte dabei darauf, das benutzte Streichholz nicht fortzuwerfen. Alles hier ist knapp, nichts wird verschwendet. Man lernt schnell, auch die kleinsten Dinge ihren Wert beizumessen..Es ist schön in einem alternden Körper zu leben. So kann ich die Berge betrachen, ohne sie besteigen zu wollen. Als junger Mann hätte ich den Wunsch gehabt, sie zu bezwingen. Nun kann ich mich von Ihnen bezwingen lassen.."
Fazit: Ein Buch voll reicher Momentaufnahmen der Welt, von einem Menschen der ein reiches Leben erlebt hat, versucht hat, die Welt und dessen Atmosphäre in Wort und Bild einzufangen. Ein Korrespondent, der irgendwann einsah, dass die Momente und Plätze nach denen er suchte, etwas wiederspiegelten, was er in sich selbst zu finden begann. Seine Texte und Fotographien, sind nichts Künstliches, oder gar Abstraktes, sie sind konkrete Momente, wie sie wirklich erlebt wurden. Er schreibt:"Ich spüre, dass mein Leben, dem Ende zugeht und doch nicht endet, denn es ist Teil des Lebens all dieser Bäume, des Lebens an sich. Wie schön, sich im Leben dieses Kosmos aufzulösen und Teil des Ganzen zu sein."
Empfehlung.