Draussen: Ein Mädchen, sein Vater und ihr Leben in den Wäldern.
Ein im Frühjahr des Jahres 2004 veröffentlichter Artikel im Lokalteil von 'The Oregonian' hatte Peter Rocks die Grundlage zu diesem Roman geliefert. Im Zeitungsartikel wurde davon berichtet, dass ein 53jähriger Kriegsveteran vier Jahre lang mit seiner dreizehnjährigen Tochter im Stadtwald von Portland, Oregon gelebt hatte. Nachdem die beiden von einem Jogger entdeckt und der Polizei gemeldet worden waren, fanden die Behörden auf einer Pferdefarm im Yamhill County einen Ort, wo die beiden sich langsam an das Leben in der Zivilisation gewöhnen sollten. Untersuchungen ergaben, dass sowohl Vater als auch Tochter sich bester körperlicher Gesundheit erfreuten. Auch schien der Vater seiner Tochter Bildung angedeihen zu lassen; entsprechende Tests ergaben, dass sie ihren Altersgenossen schulisch weit voraus war. Aber die Welt, in die man sie dann zwang, war einfach nicht die ihre.
Zwei Wochen später ein weiterer Zeitungsartikel. Vater und Tochter sind verschwunden; spurlos. Die Sache liess Peter Rock keine Ruhe und um seine eigene Neugierde zu befriedigen, musste er die Geschichte von Vater und Tochter eben selber erzählen. Und das tut er mit 'Meine Wildnis'. Er versucht, in die Haut der 13jährigen Caroline zu schlüpfen und erzählt die Geschichte aus ihrer Sicht in einer Sprache wie sie unprätentiöser nicht sein könnte.
"'Aber grundsätzlich glaube ich, dass uns das Lesen von Literatur eine andere Art des Mitgefühls ermöglicht, dass es einer der besten uns zur Verfügung stehenden Wege ist, um Zugang zu den Gedanken einer anderen Person zu finden, uns in ihre Lage zu versetzen.'"
Die Gestaltung des Buchs lässt keine Zweifel, dass die Geschichte im Wald spielt. Das Cover vermittelt ein Gefühl, als würde ich auf dem Waldboden liegen und versuchen, einen Blick auf den Himmel zu erhaschen. Aber ich sehe vor allem eins; ein grünes Blätterdach am Ende hoher schlanker Bäume. Genau das, was Caroline tagtäglich sieht. Sie erzählt vom Alltag im Wald und von den Ausflügen in die Stadt, wo ihr Vater monatlich seine Invalidenrente abhebt und sie Dinge besorgen, die es im Wald nicht gibt. Von den anderen Obdachlosen, von denen sie sich fernzuhalten versuchen. Von der Angst vor Entdeckung, wobei sie selber gar nicht weiss, warum die anderen Menschen denn so gefährlich sein sollen.
"'Stetigkeit beraubt auch den Menschen von grosser Seele seiner Aufgaben. Er kann sich ebenso gu"t damit begnügen, seinen Schatten an der Wand zu betrachten.'"
Peter Rock lässt Caroline von Wind und Kälte, vom Klettern auf Bäume und vom Schachspielen mit ihrem Vater erzählen. Und davon was passiert, als ihr Leben im Wald ein abruptes Ende findet. Genau so hätte es sein können. Niemand wird es je erfahren, denn Vater und Tochter sind spurlos verschwunden.
Fazit: Ein faszinierendes Buch über ein ungewöhnliches Leben. Absolut lesenswert!