"Das Unglück, blind zu sein, ist unermeßlich, unersetzlich. Aber es beraubt uns nicht unseres Anteils an den Dingen, auf die es ankommt: an Hilfsbereitschaft, Freundschaft, Humor, Phantasie, Weisheit."
Ich empfehle das Buch all jenen Menschen, die ein zartes Gemüt haben und die Natur lieben, und zugleich auch all jenen Menschen, die der Meinung sind, dass die vollkommene Welt- und Selbsterfahrung vom Funktionieren der fünf Sinne abhängig ist. Zugegeben, Frau Keller war nicht unbedingt der Partyclown, und manche Kritiker sagten ihr nach, sie sei gar "humorlos", und auch für Sex hatte sie angeblich kaum was übrig. In beinahe ständiger Begleitung durch Annie 'Teacher" Sullivan (die in fortgeschrittenem Alter mit Krankheit und Depressionen zu kämpfen hatte) und danach auch Betreuerin Polly verwandelte sie sich in eine unermüdlich lernende, pazifistische, tierfreundliche, sprachbegabte, naturliebende und über weite Strecken ihres Lebens von Grund auf glückliche Frau. Sie erfreute sich der Freundschaft mit verehrten und liebgewonnenen Begleitern wie Albert Einstein und Mark Twain, mit Emanuel Swedenborg, Alexander Graham Bell, Charlie Chaplin und Maria Montessori. Vieles in diesem Buch erinnerte mich an Emersons Naturromantik und im gelungenen Nachwort von Werner Pieper, in dem er das Leben und Wirken Helen Kellers beschreibt, fand ich auch den Hinweis auf Emerson, der zusammen mit Goethe und Kant zu den großen Geistern zählte, die Helen Keller auf mannigfache Weise (Naturphilosophie, Dichtung und Romantik, abstraktes Denken) inspirierten. Sie erlebte (und "sah voraus") den Ausbruch zweier Weltkriege, engagierte sich zur Zeit des Ersten WK politisch auf Seite der Arbeiterbewegungen und Frauenrechtlerinnen, im Zweiten kümmerte sie sich aufopfernd um Kriegsversehrte und betreute Behinderte. Sie hielt unzählige Vorträge in vielen Ländern über Gott, die Liebe, die Freude, das Leben und erhielt zwei Ehrendoktorwürden. Eine ganz außergewöhnliche Schriftstellerin, die oft kritisiert und/oder für fremde Zwecke (z.B. Kirche, Wirtschaftsmythen) instrumentalisiert worden ist.
"Das menschliche Gehirn ist so von Farbe durchdrungen, dass es sogar die Sprache des Blinden färbt."