Da sich noch immer niemand gefunden hat, der eine Gesamtausgabe der Werke Lessings fertigbringt (Schande über die deutsche Editionslandschaft!), ist man dem Verlag Matthes & Seitz für jedes Bröckchen Lessing dankbar. Lessings charmante, geistreiche und - im besten Sinne - tiefsinnige Tierbetrachtungen stellen einen literarisch-philosophischen Schatz dar, denn so etwas wird heute gar nicht mehr hergestellt! Dem Philosophen, Feuilletonisten, Agitatoren, Aktivisten, Erwachsenenpädagogen, Sozialisten, Lärm-Bekämpfer, Feministen, Dichter, Tier- und Blumenfreund Theodor Lessing gelingt es mühelos, phänomenologisch exakteste Beobachtung mit Humor, Anmut und Wohlwollen zu verbinden, und dabei nicht nur vom Hölzchen aufs Stöckchen und vom Hündchen aufs Kätzchen zu kommen, sondern auch vom Tierporträt zur Gesellschaftssatire, von philosophischen Ab- zu kosmischen Ausschweifungen, vom Kröten-Quaak zur Reichstagsdebatte, vom Ziegenbock-Kämpfchen zum Professoren-Alltag, vom furchtsamen Schnuffelkaninchen zur Psychologie der Angstneurose. Auch die Stubenfliege unterhält Beziehung zur Weltseele, und jedes recht verstandene und sorgfältige gezeichnete Tier hat das Potential, menschliche Seelenlandschaften verdeutlichend zu beleuchten oder der menschlichen Tragikomödie im ganzen und einzelnen als erhellende Illustration dienlich zu sein. Man muß nur wollen, nachdenken - und schreiben können wie Lessing!
Lessings Sprache atmet ein Pathos, das bei manch andrem unfreiwillig komisch wirkte, doch der treuherzige deutsch-jüdische Kosmiker und Sozialist mit der zarten Poetenseele macht seine gelegentlichen sprachlichen Parfümschwaden ("urdeutsche Seelenlandschaft", "leibgewordener Meuchelmord", "der Abend ein Sonnentod", "entblutet", "Angstseele", "wollusttrunkene Fackel der Liebessehnsucht") seltsamerweise mehr als erträglich - durch seinen Charme und seine geistvolle Kombinationskraft. Was diesem herausragenden Vertreter jüdischer Intelligenz in Deutschland vollkommen abgeht, und das ist bei diesem Thema (Tier, Umwelt, Natur) entscheidend, - das ist jede Form verlogener Sentimentalität. Lessing ist nämlich kein altjüngferlicher Kätzchen-Behudler und Hündchen-Versteher, der die harte Realität des Humanen leugnet: Dass wir nämlich zu der Spezies wurden, die wir sind, weil wir jagen, töten und Fleisch verzehren. Der homo sapiens ist im Wesen ein "homo necans": ein Raubtier, das Mitgeschöpfe tötet und frisst. Lessing kittet den Riß zwischen industrieller Massenschlachtung und Haustierumkuschelung nicht; im Gegenteil legt er den Finger in jede Wunde, und aus manchem scheinbar harmlosen Tierporträt steigt urplötzlich die herzzerreissende Klage über das, was der Mensch als Domestizierer, Züchter, Hüter und Halter, als Nutzer und Metzger den Tieren angetan hat. Da wird der Mast-Truthahn zum degenerierten Gott der "Urwälder Louisianas" oder zu einem König im Exil, dem ein aufflackernder polemischer Furor gilt, der plötzlich daran erinnert, dass Lessing auch der Verfasser des Buchs über den "jüdischen Selbsthass" gewesen ist. Darf man eigentlich gegen (bestimmte) Tiere ... polemisieren? Der allseits verehrte Tiervater Brehm hat es ausgiebig getan und damit unfreiwillig ein neues komisches Genre der Literatur begründet. Wenn hingegen Theodor Lessing seinem Schauder und Abscheu vor den Hyänen freien Lauf lässt, ist uns nicht zum Lachen ,denn hier spricht nicht menschliche Selbstgerechtigkeit, sondern ein fast metaphysisches Grauen vor Verworfenheit und Bosheit, ein Grauen, auf dessen Grund das Bewusstsein eigener Schuldigkeit lauert.
Lessing inszeniert sich nicht - wie manche heutigen Tierfreunde und -befreier - als moralischer Ankläger und Harmonie-Träumer, aber seine feinsinnigen Beobachtungen machen nicht halt vor der habituellen - und oft genug auch gedankenlosen - Grausamkeit, mit der wir unsere Mitgeschöpfe bedenkenlos verzehren, verbrauchen und vernichten. Lessing bringt es fertig, dass uns zu seiner Kennzeichnung längst versunkene Worte wieder einfallen: Herzensbildung, Gemüt, Güte, Seelentakt. So frei Lessings Sicht der Natur von kitschiger Sentimentalität ist, so fern liegt sie auch der objektivistischen, rein materialistischen Sachlichkeit des heutigen an den Naturwissenschaften orientierten Natur- und Umweltjournalismus. Bei Lessing ist Fauna und Flora noch im wahrsten und besten Sinne ... beseelt. Lessing spürt dieser Beseeltheit mit einer buchstäblich über-menschlichen Empathie nach, ohne Tiere deshalb unsinnig zu anthropomorphisieren. Wenn er sein Kaninchen Nini ("eine entzückend anmutige Blondine") porträtiert und uns die "lebensängstliche Beschlossenheit ihrer Seele" nahe bringt, gelingt es ihm, uns für Momente beinahe schockartig Einblick in diese Tierseele zu schaffen, ohne dass wir dabei das arme Hoppelchen kitschig vermenschlichen. Das macht den seltenen Charme dieses Buches aus. -
Dass Lessing das erste Opfer hitler-faschistischen Mordterrors außerhalb der Reichgrenzen wurde (Nazi-Schergen erschossen ihn 1933 in seinem tschechischen Exil) nimmt nicht wunder, auch nicht, dass er den Nazis und der gesamten völkisch-nationalen Rechten bis aufs Blut verhasst war: Theodor Lessing ist - und das erweist sich auch und gerade in diesem scheinbar so unpolitischen Tierbüchlein! - ein durch und durch, bis in jede einzelne Lebensfaser hinab a n t i f a s c h i s t i s c h e r Mensch gewesen - Antifaschismus nicht als verbale Konfession, nicht als Behauptung, Parole und Plakat, und nicht nur als Kampf und Praxis, sondern als gelebte Haltung zu Welt und Mitwelt. -
Ein echter "Bonus-Track", der das Buch noch wertvoller macht, ist das liebevoll distanzierte, zärtlich-ironische Lessing-Porträt des meisterlichen Sprachzauberers Ulrich Holbein, das als Nachwort dient. Wie schon im Blumen-Buch, so auch hier zeigt sich Holbein als intimer und kluger Lessing-Kenner und als einer, der dem großen Essayisten an Sprachmacht tatsächlich gleichkommt! "Meine Tiere" ist ein Buch, das ungefähr dreimal so viel hält, wie sein bescheidener Titel verspricht. Dass es sich auch ungemein gut als Geschenk-Büchlein eignet, macht es ja noch nicht automatisch zu einem schlechten Buch, oder?