Hand aufs Herz: Der Anfang des Buches und die ersten Zeitungsberichte dazu ließen mich Schlimmes befürchten. Krankenhaussorgen, ein verunglückter Sohn, eine sterbende Mutter -- würde hier Reißer auf Reißer folgen? Zumal die Familien Schell und Kroetz mehr als genug Reißerisches zu bieten hätten! Doch ich mag den Schreibstil Marie Theres Kroetz Relins nun mal am Liebsten, wenn sie leise Töne anschlägt und Licht auf Unbekannte und Vergessene wirft ...
Zu meiner großen Freude besteht der größere Teil von "Meine Schells" aus genau solchen Passagen. Natürlich wird das Leben und Sterben der erfolgreichsten Familienmitglieder ausführlich gewürdigt, doch Marie Theres Kroetz Relin erweckt auch die unbekannteren zu literarischem Leben. Fanni zum Beispiel, Uroma von Maria Schell, wunderschön wie diese, Schauspielerin wie diese -- und mit acht Kindern und einem ständig abwesenden Ehemann gezwungen zu einem entbehrungsreichen Leben.
Berührend auch die Gedichte und Lebensgeschichte des Hermann Ferdinand Schell, des Vaters von Maria Schell. So, wie die Autorin auf den Spuren ihrer Familie durch die Welt reiste, so reist der Leser mit ihr in vergangene Zeiten und verschiedene Facetten des Künstlerlebens. Was anfangs verwirrt -- die chronologischen Sprünge und die vielen, vielen Namen und Orte -- setzt sich nach und nach zu einem Puzzle zusammen: Bestimmte Talente, Begabungen, aber auch Schwächen und Macken tauchen in dieser (wie wohl in jeder) Familie immer wieder auf. Was die Schells von vielen anderen Familien unterscheidet, ist die Vielzahl an großen Künstlern -- und an ganz besonderen, intensiven, oft tragisch endenden Liebesgeschichten.
Behutsam damit verflochten, erzählt Marie Theres Kroetz Relin ihre eigene, spannende Lebensgeschichte -- von der Promi-Tochter zur preisgekrönten Schauspielerin zur Hausfrau, Mutter und Dichtersgattin zur Journalistin und Schriftstellerin. Ein bislang unveröffentlichter Text von Maria Schell vervollständigt diese sehr persönliche Familien-Saga.
Fazit: "Meine Schells" ist eine humorvolle, unter die Haut gehende Lektüre nicht nur für Schell-Fans, sondern für alle, die sich Fragen stellen wie: "Was prägt den Menschen -- Gene oder Umfeld?" -- "Ist Blut wirklich dicker als Wasser?" oder "Wie kommt man seinen Wurzeln auf die Spur?" Ich jedenfalls habe große Lust bekommen, mich ebenfalls mit Zelt, Aufnahmegerät, Kamera und Notizblock zu wappnen und meiner eigenen Familiengeschichte nachzuspüren.