Als der polnische Reporter Ryszard Kapuscinski erstmals aufbrach, um "Grenzen zu überschreiten", gab ihm die Chefredakteurin des "Sztandar Mlodych" (Jugendfahne), in deren Auftrag er Ende der 50er Jahre aus Indien berichten sollte, ein Buch mit auf den Weg: HERODOT HISTORIEN. Fortan wurde das Buch wie die Zahnbürste zum fixen Reiseutensil. Er tauchte in eine ihm völlig fremde Welt ein und Herodot wurde zum Reiseführer. Es ging fürs Erste nicht darum, was geschildert wird, sondern wie man vorgeht um etwas, von dem man zunächst nichts weiss, zu erkunden und zu beschreiben. Herodot, der im 5. vorchristlichen Jahrhundert lebte, half, denn er verfügte über die Voraussetzungen und bediente sich der Grundsätze, die für eine Reportage und für Geschichtsschreibung noch heute gelten: Neugier, Hinsehen- und -hören, Quellenwahl, Quellenprüfung, schliesslich dem eigenen Urteil vertrauen. Dazu benötigt man allerdings viel Zeit, die man heute, in der die Medien weitgehend zu reinen, quoten- und damit geldgenerierenden Unterhaltungs- und Belustigungsmaschinen verkommen, nicht mehr hat. Der Schnee von gestern schmilzt rasch. Kapuscinski , der selber in Zeiten journalistischen Durchfalls zum Fossil geworden ist, verwebt die eigenen Texte mit jenen Herodots und führt also das Verfahren vor. Er tut dies allerdings, indem er selber kritische Zwiesprache mit seinem alten Freund hält und versucht die Lücken, die Herodot hinterlässt, mit eigener Vorstellung aufzufüllen. Das geht oft soweit, dass Kapuscinski, der selbst oft genug in schwierige Situationen gerät, dann zum Buch greift, weil Herodots Geschichten ihn nicht mehr loslassen. Der Schweiss, vielleicht gar Angstschweiss, der ihm, in einer schäbigen, muffigen, feuchtheissen afrikanischen Unterkunft, erschöpft auf seiner Pritsche liegend, aus allen Poren dringt, tropft auf die zerlesenen Seiten seines zerfallenden Buches. Wir aber haben die Möglichkeit zu einer Neuausgabe von Herodots Texten zu greifen. Dieses Buch macht Lust hierzu.