«Thank your letter»
Patrick Roths «Reise zu Chaplin»
Am Neujahrstag des Jahres 1976 betrat unangemeldet ein junger Mann, der von weit her an den Genfersee gekommen war, das Anwesen des greisen Künstlers, den er wie keinen Menschen auf der Welt verehrte. Ganz geheuer war ihm nicht, denn in Los Angeles, wo er seit gut einem Jahr studierte, wurden Unbefugte kurzerhand erschossen, jedenfalls soll dergleichen mehr als einmal vorgekommen sein. Dennoch schien es ihm, als werde er erwartet. Das Tor war angelehnt, und nichts regte sich auf das «scharfe Gebell» des Wachhunds, der blindwütig an seiner Kette zerrte: kein Hausmeister, keine bulligen Leibwächter, keine Kommandostimme, die zur Umkehr aufgefordert hätte. So bewältigte Patrick Roth ungehindert den am meisten gefürchteten Abschnitt seiner «Reise zu Chaplin» das weite Land zwischen Grundstücksgrenze und Dienstboteneingang. Der Brief, den er dort abgab, war der Brief des ewigen deutschen Jünglings an seinen Meister.
Nun, zwanzig Jahre später, scheint der Schreiber sich selbst geschichtswürdig geworden zu sein und lässt seine Pilgerfahrt nach Vevey in einem «Encore» Revue passieren, dessen Herzstück der offensichtlich nie vergessene Inhalt jenes Briefes ist, eine cineastische Erweckungsgeschichte, die den sterbensmüden «Artifex» und «Urvater», obwohl er seinen glühenden Verehrer nicht mehr empfing, zum Weinen gebracht haben soll. In der hermeneutischen Miniatur über den Film, «der mein Leben verändert hatte», setzt Roth nicht nur diesem ein Denkmal, sondern auch der Emphase des jungen Gaststudenten, der er selbst gewesen ist, als er «City Lights» zum erstenmal sah, in einem amerikanischen Kino wie aus dem Kino.
Diesem Autor scheinen seine Kulte so kostbar zu sein wie die Etappen des eigenen Lebensfilms: Patrick Roth, der seit immerhin 20 Jahren in den Staaten lebt, ist ein deutscher Pathetiker. Deutsch, schwärmerisch nämlich und kasuistisch zugleich, ist sein amor intellectualis zu den Epen und Mythen Hollywoods und von heiligem Ernst bestimmt seine «Liebe zu Chaplin». Zum grossen Gesang gerät in der Nachdichtung Roths die anrührende Geschichte vom «Tramp», der einem blinden Blumenmädchen das Geld für die Augenoperation beschafft und von der Geheilten (und heimlich Geliebten) erst wieder erkannt wird, als sie für einen Moment seine Hand in der ihren hält: «Ernst sieht sie ihn an / Fühlt und streicht seine Hand / Lässt nie mehr jetzt ab / von den Augen . . . / Denn da / In diesem Augenblick: / war das Andere. [ . . . ] Und alles Sehen half nicht mehr, auch der hilflosen Frau nicht, die / erkannt hatte.» Es ist diese letzte Sequenz von «City Lights», die seinerzeit dem jungen Chaplin-Fan zum «heiligsten Moment der Filmgeschichte» geworden war und ihn verwandelt hatte in einen Jünger: «The visual is denied. Das ist das Grosse. Das Sehen wird zurückgewiesen, vom Seher, Chaplin. Dem Medium, in dem er arbeitet, wird widersprochen. Und Eingang geschaffen einem anderen, Grösseren. Dem Fühlen der Hand, die dem Sichtbaren vernichtend widerspricht. Denn was die Hand fühlt, ist unsichtbar.» Die Hand, wird gefolgert, ist weise, so wie das Auge töricht und verführbar ist, denn sie fühlt nur, was zählt die wahre Natur des Gegenübers, beginnend am «zweiten Fingergelenk, dem mittleren», dort, wo ein nicht weniger Rührendes endet, «die ganze Menschheit» nämlich, die ja nach Goethe der Mensch erst ist:
«Bis zum zweiten Fingergelenk, dem mittleren, könnte, so scheint es, die Hand noch jedem gehören. [ . . . ] Es ist, als seien unsere Finger blind, bis hin zum zweiten Knöchel. Um uns sehen zu lassen, dass einer immer schon im anderen beginnt.»
Solche Einsichten, die nicht bloss feinnervig sind, sondern von einer Humanität, die sich sinnfällig übersetzt, sind Lichtpunkte in einem Text, der im ganzen arg von sich selbst ergriffen ist. Der hieratische Gestus und die elaborierte Intellektmüdigkeit von Roths Prosa erscheinen, wie fast immer das Raunen vom Ganzen und Wahren, zumeist doch unauthentisch, abgeleitet, schein-magisch.
Was uns freilich Tränen in die Augen treibt und auch den Ladenmädchen, die ins Kino gehen, ist der faksimilierte Schlusssatz des Buches. Der aber stammt von einem Sechsundachtzigjährigen, den das rührende Schreiben eines aufgeweckten «jeune homme» so sehr bewegt hat, dass er alle Scham darüber vergisst, die Feder nicht mehr führen zu können, und dem jungen Mann eine Photo widmet. Ihm dankt für die Erinnerung an früher, ihn um Nachsicht bittet, weil er doch sehr gebrechlich sei, und alles Gute wünscht für seine Zukunft in Los Angeles, sei's als Regisseur oder als Schriftsteller. Wortlos dies alles. Und dann, Buchstabe um Buchstabe, mühsam gesetzt: «Thank your letter Charlie Chaplin».
Andreas Nentwich