Neue Zürcher Zeitung
Christian Oster analysiert die Kapriolen einer Putzfrau Ist eine Putzfrau eine besondere Art Frau? Wenn man, wie der französische Romancier Christian Oster, gleich eine ganze Geschichte, ja fast eine Phänomenologie macht aus dieser Frage, drängt sie sich vielleicht auf. Jacques, der na ja «Held» in Osters neuem Roman, hat zumindest so viel Zeit, dass er ausgiebig über die letzten Nebensächlichkeiten des Lebens nachdenken kann. Constance ist aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, und so kann nunmehr Laura, seine künftige Zugehfrau, im Grunde auch gleich bei ihm einziehen. Neben der schnöden Hausarbeit ergibt sich somit ein Liebesverhältnis, bei dem Schwerenöter Jacques zunächst darauf achtet, dass er seine Freiheit behält und auch Frauen ausserhalb der Wohnung treffen kann. Nur trifft er in der rauen Wirklichkeit draussen tatsächlich auf niemanden. Also bleibt er, wann immer er nicht ins Büro muss, lieber zu Hause und beobachtet seine Angestellte-Geliebte beim Arbeiten. Bis Constance plötzlich wieder vor der Tür steht. Da reagiert Jacques mit Flucht und nimmt Laura mit. Irgendwo an der südlichen französischen Atlantikküste nisten sie sich bei einem Freund ein, bis ihre Beziehung auseinander bricht, weil Laura sich in jemand anderen verliebt hat. Eine originelle Geschichte? Mitnichten. Interessante Charaktere? Fehlanzeige. Schön oder witzig erzählt? Auch nicht. Im Gegenteil: Die umständliche Diktion, das unermüdliche Zerlegen von Handlungs- und Reflexionssentenzen in allerletzte Details, geht mit Pseudohandlung und langweiliger Dialogregie einher («Haben Sie viele Sachen?, fragte ich. Einen grossen Koffer? Eher zwei grosse Taschen, glaube ich, sagte sie. Der Kleiderschrank ist klein, sagte ich. Das Regal im Bad ist fast leer, rief sie mir in Erinnerung. Äh, sagte ich. Nein, aber ich kann alles in den Taschen lassen, sagte sie. Es geht mehr darum, dass ich die Gewohnheit habe, meine Hemden auf Bügel zu hängen, sagte ich. (. . .)» Nein, Oster ist kein «Bove in Dur», wie einmal höchst schmeichelhaft gesagt wurde, eher denkt man an den Deutschen Dieter Bohlen, der plötzlich den Drang verspürt, mit verwurstelten Banalitäten die ganze «Wahrheit» über eine ihm nahestehende Person auszuplappern. Thomas Laux
Kurzbeschreibung
Klappentext
Der Spiegel
"Ein luftig-leichtes Frühlingsbuch, das bis zum letzten Satz hoch amüsant und lakonisch zugleich ist."
Der Tagesspiegel
"Oster erweist sich als Meister des Unausgesprochenen, er schafft im Dialog eine zum Greifen dichte Atmosphäre."
Die Welt
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
Auszug aus Meine Putzfrau von Christian Oster. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die Anzeige war allgemein gehalten und betraf Putzen und Babysitten. So jemanden hätte ich natürlich nie als Babysitter genommen, das ist klar. Nicht, daß es ein richtiger Beruf wäre, das Babysitten, aber trotzdem. Ich konnte mir schlecht vorstellen, daß man mit dem Staubsauger in der Hand Babys hätschelt. Ein etwas zweifelhafter Babysitter hingegen, der vielleicht unfähig war, den Staublappen aus der Hand zu legen, um ein paar Tränen zu verhüten, konnte von mir aus gerne ein bißchen bei mir saubermachen, ja. Davon werden meine Möbel keine Kratzer bekommen, sagte ich mir. Und das wird das Kind nicht umbringen, das ich Constance nicht gemacht habe. Denn das alles war nur wegen Constance. Ohne sie hätte ich diesen Papierstreifen nie abgerissen. Ich hatte sechs Monate gewartet. Sechs Monate ohne Saubermachen, sechs Monate ohne Constance. Die Frau, die unablässig meinen Geist und mein Herz beschäftigt hatte, die ich nur anzusehen oder an die ich nur zu denken brauchte, damit mein Leben eine Form besaß. Und darum war es völlig sinnlos, bei mir noch aufzuräumen. Die Ordnung aufrechtzuerhalten. Staubzusaugen.
Zu Constances Zeiten hatte ich übrigens den Staub gar nicht bemerkt, sie war es, die mich eines Tages darauf aufmerksam gemacht hat. Mit dem Zeigefinger auf einer Kommode. Schwer abzustreiten. Na gut, habe ich gesagt. Und habe staubgesaugt. Immer wieder. Ich haßte es. Constance auch. Wir haßten beide das Staubsaugen. Wir liebten uns.
Und dann kommt der Tag, wo es zu Ende ist. Wo man nicht mehr an sie denkt. Nicht mehr auf dieselbe Weise. Es ist eine entrückte Frau jetzt, eine Frau aus der Vergangenheit, deren Bild langsam, ja. Verblaßt. Und was übrigbleibt, das ist, ja. Natürlich. Eine Leere. Eine unendlich qualvolle und traurige Leere, aber doch nur eine Leere. Keine Form, nichts, das weh tut, das sich bewegt und durch seine Bewegung weh tut, wie ein Körper im Innern eines Körpers, der mit dem Ellbogen Stöße verabreicht. Nur noch eine Leere, eine Wunde, die sich über einer Leere schließt. Und man lebt damit. Man findet sich damit ab. Man ist bloß nicht mehr so stark, nicht mehr so muskulös jetzt. Hat etwas Fett angesetzt um diese Leere herum. Weil man besser ißt. Mehr. Daher die Krümel in der Küche. Die man schließlich sogar selber bemerkt. Weil man auf einmal genug hat.