MEINE MUTTER MARLENE entdeckte ich zufällig im Regal einer Bekannten, und aus Neugierde legte ich irgendwann mal damit los.
Die unglaubliche Reise beginnt im Deutschland der Kaiserzeit, in dem die kleine Maria Magdalena aufwächst. Anschliessend wird die Zeit des ersten Weltkrieges erzählt und ab den 20er Jahren gehts dann so richtig los mit der großen Karriere der noch größeren Marlene Dietrich.
Maria Riva lässt in diesem Buch nichts aus. Pikante Details füllen fast jede Seite, und viele kleine Anekdoten, die man sich im Laufe eines Jahrhunderts über MD so erzählt hat, werden bestätigt oder als Lügen entlarvt.
Wir sind praktisch "live" dabei, wie die herrlichen Filme der 30er Jahre entstehen und Marlene sich die schönsten Kostüme ausdenkt, die es bis dato auf der Kinoleinwand zu sehen gab.
Viele andere Prominente werden erwähnt, und schon nach dem ersten Drittel der Lektüre ist die Zahl der Liebhaber und -innen unüberschaubar.
Dadurch, dass Maria Riva ständig mit ihrer Mutter zusammen war, konnte sie von klein auf beobachten, was sich alles in ihrem Umfeld abgespielt hat.
So werden wir Zeuge von verspielten Gartenparties für Kinderstars, bei denen der "Gastgeber" Judy Garland nicht mitmachen darf, von rauschenden Festen an der französischen Mittelmeerküste, von Hausbesuchen solch illustrer Zeitgenossen wie der französischen Dichterin Colette. Wir erleben den Lifestyle der sogenannten "Promis" und feiern gemeinsam mit der Familie Kennedy, wühlen uns durch Kartons mit Federn, bis das richtige Exemplar für den neuen Hut gefunden wurde, erleben Marlene bei der Anprobe bei nahmhaften Designern in Paris und bekommen einen flüchtigen Eindruck davon, wie es sich als Filmstar in dieser Zeit gelebt haben muss.
Zusätzlich verrät uns "die Tochter von", wie schwer sie es selbst Zeit ihres Lebens hatte. Dass das Familienleben mit dem "Star" als Mutter eher gelitten hat und dass menschliche Grausamkeiten sogar in den besten Familien vorkommen.
Der oft bissige Schreibstil von Maria Riva ist amüsant und erfrischend. Manche ihrer Ansichten entsprechen genau dem Weltbild, in dessen Zeit sie gross geworden ist: Amerika als führsorgliche Über- und Supermacht, die über fast jeden Zweifel erhaben ist.
Zusätzlich räumt sie gründlich mit einigen glorifizierenden Geschichten über ihre Mutter auf und entlarvt, dass der heldenhafte Dienst am Schützengraben, den Marlene selbst immer sehr dramatisiert hat, nichts weiter war, als ein knallharter Job mit einigen wenigen Auftritten vor Frontsoldaten und nicht das Martyrium, das Marlene immer so bilderreich beschrieben hat. Kein Soldatenkonzert an der Front unter Lebensgefahr, sondern eine professionelle Show mit allen Vorzügen, die ein Promi seinerzeit in der Armee geniessen konnte.
Fairerweise muss man Frau Riva zugute halten, das sie dies nicht abfällig erwähnt. Sie betont die Einsatzbereitschaft ihrer Mutter und ihre Courage, aber sie bleibt bei den Tatsachen.
Ausserdem schwingt in späteren Kapiteln immer wieder mal ihre Verbitterung darüber mit, dass Marlenes "Fan-Mafia" ( so nennt sie sie ) jedes Märchen glaubt und die eigenen direkt noch dazu erfindet.
Maria Riva ist weder frustriert noch irgendwie gestört. Diese Aussage gehört für einen hardcore Marlene-Fan aber zum Feindbild der "bösen Tochter" dazu. Leider.
Sie zeigt uns vielmehr, dass die "Legende Marlene Dietrich" zwar unantastbar ist, aber dass der Mensch Maria Magdalena Siebert keineswegs die Traumehefrau und -mutter war, die sie der Welt nur zu gerne präsentiert hat.
Als Mensch hatte sie gute Züge, aber auch sehr große Defizite und Schwächen. Wer lieber an die Legende glaubt und vor sich hinschwärmt, muss das Buch nicht lesen oder soll es nach der Lektüre verkaufen.
Allen anderen kann ich dieses unterhaltsame Werk nur empfehlen.
5 Sterne :-)