Bei dem vorliegenden Buch handelt sich es um eine Graphic Novel. Dieses Genre ist in der Literaturwissenschaft als Fachbegriff noch nicht so geläufig, deshalb zunächst ein kleiner Überblick, was eine Graphic Novel überhaupt ist:
Der Begriff ist im Genre der Comics selbst, auch unter Künstlern, sehr umstritten, weil diese sich oft gegen die Kategorisierung ihrer Werke richten, um künstlerische Freiheiten weiterhin genießen zu dürfen. Im Allgemeinen versteht man unter Graphic Novels im Verlagswesen jedoch entweder gebundene (Einzel- oder Sammel-)Bände von Comics, die in der Regel eine deutliche Ähnlichkeit zu epischen Formen aufweisen. Einige wichtige, wenn auch nicht unumstrittene Kriterien, sind zum Beispiel die Länge eines Comicbuches (eher lang, im Unterschied zu den Wegwerf-Comic-Heften), ein dreigliedriger Aufbau (Einleitung, Hauptteil, Schluss), eine manchmal sehr komplexe Geschichte und die eher auf älteres, erwachsenes Lesepublikum ausgerichtete Adressatenorientierung. Wie so oft in der Kinder- und Jugendliteratur kann man aber bei diesem Buch eine doppelte Adressatenorientierung feststellen. Da die Eltern meist über Kauf oder Nicht-Kauf eines Buches entscheiden, ist es ökonomisch gesehen oft sinnvoll, auch ein älteres Lesepublikum mit anzusprechen.
In 'Meine Mama ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen' wird dies vor allem über die Wahl des Themas und die vielschichtige Gestaltung des Buches erreicht.
Bekannte weitere Graphic Novels sind zum Beispiel 'From Hell' (Die Geschichte von der Jagd nach Jack the Ripper, verfilmt mit Johnny Depp), 'Lady Snowblood' (vgl. 'Kill Bill' von Quentin Tarantino) und Aya (ebenfalls im Carlsen Verlag erschienen). Diese richten sich jedoch meist nur an Erwachsene.
Handlung:
Die Geschichte handelt von einem kleinen Jungen namens Jean, der in Frankreich in eine Grundschule geht. Er lebt zusammen mit seinem jüngeren Bruder Paul, seinem Vater und Yvette (dem Kindermädchen) in einem Ort in Frankreich, der nicht näher bezeichnet wird. Wahrscheinlich spielt das Buch jedoch in Südfrankreich in den Pyrenäen, da Tarbes als Wohnort der Großeltern mütterlicherseits erwähnt wird.
Jean erzählt von seinem Alltag, der geprägt ist von den Lebenswelten Schule, Familie, Freizeit und Besuchen bei Verwandten und Bekannten der Mutter.
Jeans Vater ist Konservenfabrikant und muss als Chef der Firma immer bis spätabends arbeiten. Wichtigste Bezugsperson der Geschwister ist Yvette, das Kindermädchen, dass sich liebevoll um die beiden kümmert - dass sie die Jungs 'Mama' nennen, möchte sie allerdings nicht. Das Buch beschäftigt sich vor allem mit der Frage, wo Jeans Mutter ist. Den Kindern wurde vermutlich erzählt, sie befinde sich auf einer langen Reise.
Jean fragt sich, wohin diese Reise wohl gegangen sein mag, und wen sie auf dieser Reise wohl trifft. Michèle, das Nachbarsmädchen, die auch auf derselben Grundschule, aber etwa 2 Jahre älter (also ca. acht bis neun Jahre alt) ist, erklärt ihm eines Tages, dass seine Mutter eine Weltreise mache.
Daraufhin liest sie Jean, der als Erstklässler erst noch das Lesen lernen muss, Postkarten 'von deiner Mama' vor. Michèle weiß jedoch, was in Wirklichkeit geschehen ist, flunkert die ganze Zeit nur und malt sich in ihrer Phantasie die wildesten Geschichten aus.
Mit Alain, dem besten Freund von Jean, unternimmt er ebenfalls sehr viel. Beide müssen auch zum Schulpsychologen: Alain, weil er adoptiert ist; Jean, weil die Lehrerin sich Sorgen um ihn macht. Dabei kommt es zu lustigen Situationen, weil Jean den Psychologen anlügt und behauptet, er habe erst noch vor Kurzem seine Mutter in Amerika besucht, in einem Supermarkt eingekauft und dabei Indianer getroffen und eine Rodeoshow mit Buffalo Bill gesehen. Der Psychologe will daraufhin wissen, ob er sich noch gut an seine Mutter erinnere. Jean behauptet dies, um nicht aus seiner Rolle zu fallen. Er bemerkt jedoch, dass er sich immer weniger an seine Mutter erinnern kann.
Eines Tages kommt es schließlich zum Streit mit Michèle, da Jean glaubt, den Weihnachtsmann fotografiert zu haben und Michèle ihn aufklärt, dass das auf dem Foto die Schuhe seines Vaters seien. Es kommt zu einem Handgemenge, wobei ihm Michèle in ihrer Wut die Wahrheit erzählt. Jean will diese nicht glauben, allmählich erkennt er aber, dass sie Recht hat und arrangiert sich mit dem Schicksal:
'Abends im Bett sage ich mir, dass es mit Mama wohl so ist wie mit dem Weihnachtsmann'
'Ich bin jetzt zu groß, um an sie zu glauben.
Form/Gliederung:
Die Geschichte besteht wie jeder Comic aus einer Bild- und einer Textebene, die miteinander in Beziehung stehen und verwoben sind. Das Buch gliedert sich in insgesamt 14 Kapitel, die durch so genannte 'Intermezzi' (von it. Zwischenspiel) unterbrochen werden und mit einem Epilog (gr. Nachwort) abschließen.
Die einzelnen Kapitel tragen Namen von Personen, die im jeweiligen Kapitel näher beschrieben werden und um die sich die Handlung entwickelt
1. Madame Moinot (Die Lehrerin: Jeans erster Schultag)
2. Mein Papa (Jeans familiäre Situation im Moment)
3. Michèle (Michèle erfindet fiktive Postkartengeschichten)
4. Alain (Jean besucht Alains Familie auf dem Land)
5. Yvette (Yvettes Rolle in der Familie wird erklärt)
6. Louis de Funès (Jean darf nicht abends fernsehen)
7. Oma Simone,Opa Pierrot (Besuch bei den Großeltern, der Opa mütterlicherseits
möchte den Jungen die Wahrheit erzählen)
8. Jean-Michel Tong(Ein Außenseiter und seine Stellung in der Klasse)
9. Der Psychologe (Jean flunkert gegenüber dem Psychologen)
10. Meine Mama (Jean versucht sich an seine Mutter zu erinnern)
11. Die Ossards (Jean und Paul besuchen Bekannte seiner Mutter)
12. Oma Edith (Die Oma väterlicherseits kommt zu Besuch)
13. Der Weihnachtsmann (Jean will den Weihnachtsmann fotografieren)
14. Alle anderen und ich ganz allein (Die Geschichte fliegt auf)
Das einzelne Intermezzo steht ein bisschen außerhalb der Geschichte. Es ist so ähnlich wie die Zwischenspiele im Epischen Theater und greift manchmal nochmals einzelne Elemente des Kapitels auf, vertieft sie oder führt sie weiter. Insgesamt ist es aber jeweils ein Bruch in der Erzählung. Der Epilog bildet einen Brückenschlag zum ersten Kapitel und rundet die Geschichte somit ab.
Adressaten:
Wie bereits beschrieben, eignet sich das Buch sowohl für Erwachsene als auch für Kinder. Aufgrund des Inhalts würde ich jedoch eine Altersempfehlung ab 7 Jahren, frühestens jedoch für Kindergartenkinder, aussprechen. Die Geschichte erfordert es zwar nicht, dass man schon selber lesen kann - denkbar ist auch ein Vorlesen.
Da es sich aber um eine Verarbeitung des Tods von Jeans Mutter handelt (, was Erwachsene auch schnell durchschauen werden), würde ich es auch nicht jedem Kind gleichermaßen 'zumuten' wollen.
Sobald Kinder aber Fragen stellen, was der Tod überhaupt ist oder es einen Tod in der Verwandtschaft gab, denke ich, ist es ein sehr gutes Buch, um das ganze auf eine kindlichere Art und Weise aufzuarbeiten.
Vielleicht bietet es Kindern, die in einer ähnlichen Situation sind, Identifizierungs- und Entlastungsmöglichkeiten, da sich Eltern in der Regel schwer tun, kleinen Kindern überhaupt zu erklären, was der Tod überhaupt ist.
Das ganze Buch ist somit spannend erzählt und spielt auf leichtfüßige Art und Weise mit einem eigentlich schwermütigen Thema.
Kritik: Soll ich mir dieses Buch kaufen?
Für Fans von anderen Graphic Novels würde ich sagen, ist es auf jeden Fall empfehlenswert, auch wenn es sich mit seiner doch eher kindlichen Perspektive stark von anderen Graphic Novels, die ja auch mit dem Horrorgenre spielen, unterscheidet.
Für alle anderen verweise ich auf den Punkt Adressaten.
Wer als Elternteil auf der Suche ist nach einem Buch, dass das Thema Verlust eines Elternteils behandelt, ist gut damit beraten.
In der Schule würde ich das Buch nur thematisieren, wenn es eine akute Situation gibt,
z.B. wenn jemand in der Klasse ein Elternteil verloren hat, dann würde ich aber auch eher es den Eltern zur Hand geben, anstatt das Kind vor den Mitschülern bloßzustellen.
Wenn es von Kindern verlangt wird, das Thema im Unterricht aufzugreifen, ist es mit sorgfältiger didaktischer Aufbereitung aber durchaus denkbar.
Es bietet auch für andere Kinder zahlreiche Identifizierungsmöglichkeiten (Comics, Fernsehen, Ferien), aber auch Lebenswelten, mit denen sie bisher wohl nicht in Kontakt gekommen sind (Adoption, Ersatzmütter, Tod eines Elternteils). Ob und wie es im Unterricht eingesetzt werden soll, kann ich so pauschal eben nicht beantworten, da es vom Kontext und der Klassenstufe abhängig ist.
Gesamturteil:
Das Buch besticht durch seine detailreiche Bildgestaltung und seinen lockeren, kindlich-naiven Erzählton und bezaubert so auch ältere Leser. Ich selbst halte das Buch für sehr lesenswert und berührend. Ich würde es mir aus der Bibliothek ausleihen oder sogar kaufen.
Die Jury des Deutschen Jugendliteraturpreis sieht das wohl ähnlich und hält es ebenfalls für lesenswert:
2010 ging der mit 8.000 ¤ dotierte Preis in der Kategorie 'Kinderbuch' für dieses Buch an die beiden Autoren.