Sehr geehrter Herr Schreiber,
vielen Dank für Ihre '"Die-etwas-andere-Biographie'" über Joschka Fischer, die Sie zu Unrecht '"Mein Leben mit Joschka: Nachrichten aus fetten und mageren Jahren"' betiteln. Ehrlicher wäre gewesen, den Titel '"Mein Leben neben Joschka Fischer, mit dem ich jetzt mal abrechnen will'" zu wählen.
Ihre Geschichten v.a. aus der Frankfurter Zeit beleuchten und erhellen interessante und wenig bekannte Aspekte der Spontiszene und über Fischers Höhenflug von Frankfurt über Bonn nach Berlin und von dort aus in die weite, in die mächtige Welt.
Aber: Ihnen gehen die Posen des Unvollendeten auf den Keks? Ob Fischer Wagner nicht hört oder doch hört, ob Fischer gerade frisst oder sich kasteit, ob Fischer die entscheidenden grünen Punkte zur Abwahl Kohls einholt und dabei staatsmännisch dunkel oder Nike-Turnschuhe zum Sportsakko trägt? Je größer Fischers Erfolg, desto dichter wird der Teppich aus Ihren Nadelstichen.
Aber: warum so despektierlich?
Klar: Joschka - um in Ihrem Sprachduktus zu bleiben - ist eine eitle Person mit Brüchen in seiner Biographie, mit Widersprüchen und Egozentrik, beispielhafte Details breiten Sie genüsslich aus.
Aber: selbst die andere Seite der Person "Joschka", sein Charisma, seine Leidenschaft, sein (autodidaktsich angeeignetes) immenses Wissen, alles wird von Ihnen im Ton eines gekränkt verlassenen Liebhabers benörgelt.
Nicht, dass der Misanthrop Fischer in diesem Fach seinen Meister finden wird? Die Darstellung der facettenreichen und ungewöhnlichen, auch ungewöhnlich interessanten Biographie Fischers entbehrt in Ihrem Bericht zwar kein wichtiges Detail, aber: sie entbehrt Empathie und Humor, und somit bleibt die Biographie unterm Strich mager im Geschmack.
Mit besten Grüßen,
Valentina Stern.