Sehr gut und unnachahmlich in seiner Hingabe an Literatur war Heinz Ludwig Arnolds Wirken für eine komplette Schriftstellergeneration. Dass einer seinen Geist ganz in den Dienst anderer, nicht eben uneitler Geister stellt, ist heute kaum mehr vorstellbar - aber umso hörbarer ... Wer auch immer Heinz Ludwig Arnold gegenübersitzt - schon nach wenigen Minuten der Befragung, ja manchmal sogleich direkt ab Beginn, stellt sich eher die Atmosphäre einer therapeutischen Sitzung als die eines formalen Interviews ein. Gewiss werden in den vielen anzuhörenden Stunden vergangene ästhetische Schlachten geschlagen, politische Tagesfragen geklärt und Werkstattgespräche zu Büchern geführt, die längst in Antiquariaten verstauben. Aber gerade dies, die absolute Zeitzeugenschaft der Tondokumente, macht das Zuhören dann immer wieder spannend. In den 70er-Jahren scheint es überhaupt nur ein Thema der Literatur gegeben zu haben, die politische Verantwortung des Autors für die Gesellschaft ... Der Kommunist Franz Josef Degenhardt sieht 1973 den Untergang der Bundesrepublik voraus, nicht den der DDR, während im selben Jahr Hans Magnus Enzensberger beweist, dass er nicht nur der klügste unter all den versammelten Autoren ist - die vierstündige Aufnahme bereitet intellektuellen Hochgenuss -, sondern auch der geschickteste politische Taktierer. Bohrende Fragen Arnolds nach seinem Standpunkt pariert er gerne mit aphoristischen Ausweichmanövern. Nicht jeder Weggefährte mag diese quirlige Beweglichkeit. Martin Walser: "Der Enzensberger hat viel länger unverbindlich am Strande des politischen Ozeans einfach im Sand gespielt und hübsche Burgen gebaut, um den Ozean zu erschrecken, nicht wahr, was natürlich schlecht gelingen kann. Aber er hat das viel länger getan als jeder andere von uns! Er war viel länger unverbindlich." --dradio.de, büchermarkt, 3.11.2011 Florian Felix Weyh
Die Aufnahmen sind roh und ungeschnitten. Manchmal klingen die Stimmen blechern, im Hintergrund hört man ein Radio, Autohupen, Vogelgezwitscher. „Habe ich hier Rotze an der Backe.“ „Nee, alles klar.“ „Bitte auf mein Doppelkinn achten.“ „Ernst Jünger klebt da ja, sehe ich gerade.“ Solche Sätze fallen zu Beginn eines Interviews mit Walter Kempowski im Jahr 1999. Wer bis hierher durchhört, hat rund 64 Stunden Literaturgeschichte in 31 Gesprächen hinter sich, geführt von Heinz Ludwig Arnold, der am 28. November 1970 mit Günter Grass begann und dann kontinuierlich die Wege der deutschsprachigen Literatur in den 1970er und 1980er Jahren erkundete: siebeneinhalb Stunden mit Friedrich Dürrenmatt, dreieinhalb Stunden Max Frisch, drei Stunden Max von der Grün, zwei Stunden Heinrich Böll, Martin Walser, Günter Wallraff, Peter Handke, Peter Weiß, Jureck Becker oder Wolfgang Koeppen. Ein wenig kürzer fassen sich Rolf Hochhuth, Wolfgang Hildesheimer oder Franz Xaver Kroetz. Die ungefilterten Bänder dokumentieren Geräusche, die seit den 1990er Jahren so gut wie ausgestorben sind, etwa von Düsenjägern, die Gespräche unterbrechen oder im Hintergrund begleiten. Es finden sich Kulturtechniken, die lange Zeit zu einem konzentrierten Gesprächgehörten, weil sie die Gedanken rhythmisierten: das leicht nervöse Klicken der Feuerzeuge, das knisternde Anrauchen der Pfeife, das genüssliche Ein und Ausatmen des Rauchs, das eine kurze Frist bis zum nächsten Wort gewährte. Vor allem aber entfalten die Autoren ihren Habitus hier viel deutlicher als in der schriftlichen Transkription: Günter Grass spricht in staatsmännischem Tonfall, jedes Wort wägend und gewichtend, druckreif. Heinrich Böll schiebt immer wieder ein „Verstehen Sie?“ dazwischen, was seiner Rede einen seltsam oberlehrerhaften Zug verleiht. Peter Handkes Stimme sucht die treffenden Formulierungen, man hört ihr förmlich an, was er über sein Schreiben sagt: „Wenn irgendein Satz in einem Zug dasteht, dann untersuch’ ich ihn, ob etwas fehlt.“ --SZ, Literatur, 18.10.2011 Steffen Martus
Literaturbetriebskunde, Werkstattbericht, poetologische Reflexionen und autobiographische Exkursionen – all dies entlockt Arnold seinen Autoren. Wer die Literaturgeschichte nach 1945 kennenlernen möchte, wer wissen will, wer mit wem paktiert und gegen wen intrigiert hat, welche Debatten eine Rolle spielten, welche Programme im Angebot waren, wie das Verhältnis von Poesie, Gesellschaft und Politik sich gestaltete, der muss diese Gespräche hören. --Süddeutsche Zeitung vom 18. Oktober 2011
Nicht zuletzt zeugen diese Aufnahmen von einer fabelhaften Gesprächskultur ... Sie sind für den Hörer ein intellektueller Genuss, eine vergnügliche Unterhaltung und ein enormer Gewinn zugleich. --Neue Zürcher Zeitung vom 29. Oktober 2011
Sehr gut und unnachahmlich in seiner Hingabe an Literatur war Heinz Ludwig Arnolds Wirken für eine komplette Schriftstellergeneration. Dass einer seinen Geist ganz in den Dienst anderer, nicht eben uneitler Geister stellt, ist heute kaum mehr vorstellbar. Er würde sich mit den Beschriebenen und Befragten messen wollen, denn Eckermannsche Demut passt einfach nicht in den lauten, schnellen Betrieb unserer Tage. Mit Heinz Ludwig Arnold hat sich eine singuläre Chronistengestalt verabschiedet. --Deutschlandradio Kultur vom 3. November 2011
Heinz Ludwig Arnold, * 29. März 1940 in Essen; † 1. November 2011 in Göttingen, war freiberuflicher Publizist und Honorarprofessor der Universität Göttingen. Er war Herausgeber der Zeitschrift TEXT+KRITIK sowie des Kritischen Lexikons zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. 2009 erschien das von ihm neu bearbeitete Kindler Literatur Lexikon. Arnold hat es wie kein anderer verstanden, Literaturkritik und Wissenschaft miteinander zu verbinden. Seit den sechziger Jahren begleitete er den Literaturbetrieb mit Kritiken, Essays, Porträts und vor allem Interviews. Ein inquisitorischer Duktus war ihm fremd, die vom ihm befragten Autoren empfanden ihn als Freund und Partner. Die vorliegende Edition präsentiert alle Gespräche auf drei MP3-CDs. Das gesamte Konvolut umfasst ca. 64 Stunden! Die Gespräche werden unbearbeitet publiziert, man hört Türen gehen, Wein wird entkorkt, Pfeifen werden entzündet, man erlebt Versprecher und überraschende Unterbrechungen. Das Atmosphärische ist mehr als ein Hintergrundgeräusch: Die Gesprächssituation wird plastisch und der jeweilige Autor in ihr authentisch.