"Kaminsimse aus unpoliertem Schiefer reinigt man am besten, wenn man sie mit Milch abwäscht."
Weisheiten wie diese stapeln sich im Journal der jungen Miss Potter, die für ihre reizenden schriftstellrischen und illustratorisch Fähigkeiten bis heute hoch gelobt wird.
Ich bin selbst Illustratorin, verehre Beatrix Potter als Künstlerin sehr und ich wollte schon lange mal ihr Journal lesen. Ich bin diesbezüglich anfangs etwas enttäuscht worden. Die erste Hälfte des Buches ist sehr nüchtern und Beatrix hat für mich persönlich eine etwas unzugängliche Art. Gegen Mitte des Buches hatte ich jedoch plötzlich das Gefühl, ich würde diese Frau allmählich begreifen und das war bei mir der Punkt, wo ich plötzlich faziniert war.
Da man immer wieder hört, wie sehr sie an Tieren und ihren erdachten Tierfiguren hing, sie sogar als ihre Freunde bezeichnete, habe ich gedacht, ihr Journal führt mich in eine Art Wunderland ihrer Kreativität und Fantasie. Was sie bewegt hat, was sie zu ihrer Kunst getrieben hat, welche Gefühle, Motivationen und Gedanken diese Frau mit sich herumgetragen hat....leider beantwortet das Journal nicht wirklich etwas davon.
Es beginnt mit einer ca 36 Seiten langen Einführung über das Leben von Beatrix, dabei wird nicht etwa darauf eingegangen, was sie wann herausragendes geleistet hat, sondern hauptsächlich, wann sie wo gewohnt und Urlaub gemacht hat. Einige Verwandtschaftsbeziehungen werden erklärt, aber das alles bleibt so unübersichtlich und voller Namen und Ortsbegriffe, dass man es nach zwei weiteren Seiten bereits alles vergessen hat. Es ist einfach eine Namenflut, wobei ich denke, dass eine Art Register, wo man nochmal schnell nachkucken kann, wer wer war oder eine Art Stammbaum sicher mehr geholfen hätte die Familienzusammenhänge zu begreifen. Der Verlag hielt es dabei sogar für nötig extra anzumerken, dass man auf ein Register absichtlich verzichtet hat...warum bitte das? Ich halte das bei all den Leuten schon für sinnvoll.
Auch eine kleine Karte von England wäre nett gewesen, weil ich aus dem Kopf gar nicht weiß, wo die angegeben Orte sich auch nur im geringsten befinden und da nochmal im Atlas oder im Internet nachschlagen während man abends im Bett liest macht doch niemand.
Das Vorwort ist übrigens sehr nüchtern und trocken geschrieben und so in Schachtelsätze eingeteilt, dass ich einige Seiten zweimal lesen musste, weil ich so oft den Faden verloren hab. Auch da wäre ein Lexikon wieder hilfreich, weil sich der Autor anscheinend gerne schwieriger Wöter bedient.
Dann folgen ein paar Seiten von Leslie Linder, dem Mann, der den Code von Beatrix Tagebuch geknackt hat und seine Erklärungen diesbezühlich. Das ist dann schon interessanter. Schön wäre vielleicht noch gewesen, wenn ein Foto einer Originalseite abgedruckt wäre. So hat man immer das Gefühl, er redet über was, was man nicht richtig nachvollziehen kann, weil man es selbst nicht gesehen hat.
Dann kommen ein paar schwarz-weiß Fotografien von Beatrix und ihrer Familie, sowie Verwandten und Bekannten. Auch ein Bild von Beatrix Elternhaus und einige Bilder vom Lake District, wo sie den Rest ihres Lebens verbrachte sind dabei.Es handelt sich leider meist um gängige Bilder, die man auch im Internet zu Hauf schon gesehen hat. Da hätte ich mir mehr gewünscht.
Auf Seite 49 beginnt schließlich ihr Tagebuch. Beatrix berichtet von Geschichten ihrer Großmutter, wann sie wie in welchen Ort gefahren ist (gern auch mal die Preise der Pferde oder Kutschfahrten), wer wo welches Haus gekauft hat und wo eingezogen ist.
Bis auf einer Zuneigung zu älteren Menschen, vor allem zu ihrer Großmutter, und teilweise sehr liebevoll und poetisch geschilderten Beschreibungen von Natur und schönen Häusern oder Möbeln bringt Beatrix sehr wenig Leidenschaft in ihren Worten zum Ausdruck. Man hat eher das Gefühl, man liest einen Reisebericht anstatt einen Einblick in die Gefühlswelt einer jungen Frau Ende des 18 Jahrhunderts zu bekommen.
Des öfteren schreibt sie ganz witzige Geschichten aus dem Ort oder Gerüchte auf, größtenteils mit sehr makaberem Inhalt, die aber ganz unterhaltsam sind ("Die Behörden sammeln von den Straßen und Mülleimern in einem Jahr sieben Tonnen tote Hunde und dreizehn Tonnen tote Katzen").
Politisch ist Beatrix sehr interessiert, und berichtet auch ständig über politische Erreignisse und ihre Meinug zu Politikern und Staatsführern. Ich aber bin wirklich nicht genug interessiert und involviert in englische Geschichte um einordnen zu können, was grade passiert ist, oder wer wer war und welche Ansichten er vertat...somit überflog ich beim lesen meistens diese Passagen, weil ich sie langweilig fand.
Ich fand es viel interessanter zu lesen wenn sie mal eine Ausstellung besucht hat und sich über verschiedene Künstler auslies. (Trotz dessen, dass ich mich für Kunstgeschichte interessiere, kannte ich kaum jemanden davon und somit blieb das Verständnis über die Empörung oder Begeisterund für diesen und jenen Künstler wieder aus.)
Manchmal berichtet sie vom Kunstunterricht, den sie hat und ihren Bemühungen beim zeichnen,aber diese Bemerkungen sind recht rar dafür aber sehr einprägsam und menschlich.
Anfangs tauchten für mich nur wenig interessante Geschichten auf. Wie ihr Vater z.B. Oscar Wilde auf einer Gesellschaft getroffen hat und dieser nun ganz und gar nicht dem Bild entsprach, das Beatrix von ihm hatte.
Richting interessant wurde eserst als sie beschreibt, wie ihre ersten Versuche aussahen als Künstlerin bei Verlagen Fuß zu fassen indem sie Postkarten an sie verschickte. Dann geschieht auch plötzlich mehr in Richtung Kunst. Sie berichtet von ihrem Kaninchen, Benjamin Bouncer, das sie oft zeichnt oder von ihren Inspirationequellen wie dem Buch von Jemima Blackburn. Von da an konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Schon irgendwie merkwürdig, dass diese grandiose Frau ähnliche Gedankengänge wie heutige Illustratoren hatte.
Gefühle von Beatrix bekommt man nur ganz selten mit und werden höchsten zwischen den Zeilen mal angedeutet.
Aber je älter Beatrix wird, destomehr zieht einen das Buch in seinen Bann und desto mehr beginnt man zu verstehen, wie sie tickt. (Nur mal so am Rande: Ich habe mir danach mal den Film "Miss Potter" auf English angesehen und ich muss sagen, dass man schon mit Bedacht viele Dialoge umgesetzt hat, die im Deutschen leider nicht so rüberkommen. Ich kenne den Film wirklich auswendig aber mit dem ganzen Hintergrundwisen über Beatrix konnte ich vieles viel besser verstehen und einordnen)
Ihre Sprache liest sich sehr gut. Flüssig und nicht zu veraltet. Man kann vielleicht noch anmerken, dass viele englische Begriffe auftauchen, die man erstmal nachschlagen muss, weil man es anscheinend nicht als nötig betrachtet hat, diese sinngemäß zu übersetzten oder in einer Fußnote anzumerken, was es damit auf sich hatte.
Zusätzlich bleibt mir noch zu sagen: Es wird im Buch so oft darauf hingewiesen, das Beatrix niemals wollte, das ihr Journal von jemanden gelesen wird und obwohl ich bis zur Hälfte des Buches keine wirklich intimen Gedanken bis auf eine politische Meinung vielleicht)gefunden habe, hinterlässt es doch ein mulmiges Gefühl bei mir zurück, etwas zu lesen, was eine Künstlerin, die ich sehr bewundere niemals hergegeben hätte.
Es ist ein Buch einer Frau, mit der man sich gedanklich beschäftigen muss, für mich kein Buch, was man einfach so runterliest. Wer nicht gerade begeistert von englischer Politik/Geschichte oder so wie ich, total besessen von dem Thema Beatrix Potter ist, wird das Buch sicher langweilig finden.
Für alle Fans, die sich für die wichtisten Daten in ihrem Leben interessieren und auch gerne mal ihre Kunst fernab von Peter Hase, Benjamin Kaninchen und Co. bewundern wollen, kann ich das englische Buch "Beatrix Potter- artist & illustrator" von Anne Stevenson Hobbs wärmstens empfehlen.