Kurzbeschreibung
Silvio Pellico, der größte Tragiker Italiens, wurde bekanntlich von dem Gericht in Venedig als Karbonaro zum Tode verurteilt. Dieser Spruch wurde in fünfzehn Jahre Kerkerhaft mit ferri duri(schweren Ketten) auf dem Spielberg, dem österreichischen Staatsgefängnis, umgewandelt. Bei seiner zarten Konstitution ist es wahrscheinlich, daß er dieser barbarischen Behandlung bald zum Opfer fallen wird. Er ist von sehr schwermütigem Charakter und hat oft geäußert: "Mein schönster Tag wird mein Todestag sein". Dieses Wort aus dem Munde des natürlichsten und schlichtesten Menschen auf Erden ist sehr rührend. Er ist von sanftestem und ruhigstem Wesen; die ganze Tatkraft seiner Seele hat sich in die Poesie geflüchtet. Da er sehr arm und andrerseits zu unabhängigen Sinnes war, um seine Grundsätze seiner Bequemlichkeit zu opfern, so wurde er Erzieher in einer italienischen Adelsfamilie, wo er nicht mehr als 1200-1500 Franken Jahreseinkommen bezog. Obwohl er den größten Teil seiner Zeit seinen Zöglingen widmete und der Vater der Kinder, durch seine anmutig-schwermütige Unterhaltung bestochen, ihm keine Stunde am Tage für seinen Dichterberuf freiließ, fand er dennoch soviel Muße, um acht bis zehn Tragödien zu schreiben, war aber infolge seiner Armut nicht in der Lage, sie drucken zu lassen, bis schließlich ein reicher Liebhaber sich seiner "Francesca da Rimini" annahm und sie veröffentlichte. Das Publikum nahm dieses Werk mit Begeisterung auf, und es erlebte große Bühnenerfolge. Die Marchioni, Italiens erste Tragödin und des Verfassers vertraute Freundin, spielte die Hauptrolle in hinreißender Weise. Das Stück ist ein Meisterwerk leidenschaftlicher Schlichtheit und zärtlicher Naivetät. Pellico hat sich wohl gehütet, Alfieri nachzuahmen, was den wenigsten seiner Zeitgenossen gelang... Wenn die übrigen acht bis zehn Tragödien, die Pellico verfaßt hat, gesammelt und veröffentlicht würden, so könnte dadurch seine jammervolle Kerkerhaft auf dem Spielberg vielleicht verkürzt werden. Da er selbst sehr arm und durch seinen Prozeß völlig ruiniert ist, auch alle seine Freunde geflohen oder eingekerkert sind, so ist er ohne Hilfe und Trost auf Erden. Die beiden letzten Jahre hat er in Einzelhaft verbracht, ohne Bücher, Papier, Feder und Tinte, und kein Freundesantlitz gesehen. Unter solchen Umständen muß er bald sterben oder wahnsinnig werden. In der österreichischen Aristokratie sollen viele humane und edle Männer sein; es wäre ihrer würdig, sich des hochbegabten unglücklichen jungen Mannes anzunehmen und ihren mächtigen Einfluß aufzubieten, um sein Los zu lindern... Stendhal, Reise in Italien