Ein Juwel
Mit "Meine Erinnerungen an Grillparzer" und "Aus einem zeitlosen Tagebuch" hat die Arbeitsgemeinschaft "austrian literature online" (ALO) das wahrscheinlich letzte neu erschienene Buch zu Lebzeiten der Dichterin als "Reprint der Originalausgabe von 1916" und als "digitale Version im Internet" herausgegeben.
Der erste Teil - die Erinnerungen - ist ein persönlicher künstlerisch geformter Bericht über ihre Bekanntschaft mit Grillparzer, in der die Dichterin ihre Besuche in der Spiegelgasse, Grillparzers Domizil, schildert. In vielen kleinen Episoden stellt sie den bekannten-unbekannten Dichter dar, was und wie er für sie war, scheut sich dabei aber nicht, trotz ihrer Bewunderung und Ehrfurcht, auch so einige seiner Charaktereigenschaften, die manchen Zeitgenossen den Umgang mit ihm schwer machten, zu zeigen.
Es ist aber auch ein Text der Erinnerung an die Schwestern Fröhlich, bei denen Grillparzer wohnte. Darin stellt sie die Schwestern auf den ihnen gebührenden Platz und ergreift für sie Partei sowohl gegen Grillparzer wie auch und vor allem gegen jene, die die Schwestern dem Dichter als nicht würdig genug erscheinen lassen.
Der zweite Teil - "Aus einem zeitlosen Tagebuch" - ist eine Mischung aus Aphorismen, pointierten Kurzgeschichten und autobiographischen Texten, die zu einem Teil als beeindruckende Fortsetzung der "Aphorismen" der Dichterin gesehen werden können: "Wir erheben uns nie höher, als wenn wir in Gedanken versinken" oder "Der Ärmste bettelt um eine von Not und Qual befreite Stunde, der Arme betet um einen schönen Tag, der Reiche verlangt ein glückliches Leben" u.v.a.m. Auf dem Umschlag sollte allerdings die Druckgröße dieses Titels der der "Erinnerungen an Grillparzer" als ebenbürtig gleichen.
Wenn es im zeitlosen Tagebuch, S. 105, heißt: "Von so manchem Buche kann man sagen: Dran ist viel, aber drin ist nichts", lässt sich das weder für das Gesamtwerk Ebner-Eschenbachs sagen noch für dieses Taschenbuch, in dem zu blättern es aufgrund des schönen Nachdrucks nicht nur eine Freude ist, sondern dem man auch einen Aphorismus der Dichterin selbst zur Seite geben kann: "In einem guten Buche stehen mehr Wahrheiten, als sein Verfasser hineinzuschreiben meinte."
Ich hoffe, dass sich die Herausgeber auch anderer seit längerer Zeit unveröffentlichter Texte (z.B. "Altweibersommer") der Dichterin annehmen.