Ein historisch "eminent wichtiges Buch".
Man möge mir verzeihen - aber es gibt für dieses Buch, mit dieser gewaltigen Aussagekraft, nicht die richtigen Worte um es in Kürze zu würdigen.
In den Konzentrationslagern mussten die Sonderkommando-Häftlinge 'abgeschirmt von allen anderen' die schrecklichste Arbeit erledigen die man sich überhaupt vorstellen kann.
Aufs 'grausamste demütigend' wurden praktisch nur Juden ausgewählt "um das eigene Volk in den Tod zu begleiten". Danach mussten verschiedene Gruppen ihre (befohlene!) Arbeit ausführen: wie arbeiten auf der Rampe bis in den Umkleideraum, "Schlepper-Dienste" leisten (von den Gaskammern via Lift vor die Öfen); andere mussten die Goldzähne ausreissen, Haare abschneiden oder die Kleider etc. entfernen, die Gaskammern reinigen und für den nächsten Transport "als saubere Dusche" bereitstellen. Viele mussten an den Öfen arbeiten oder auch um übrig gebliebene, grössere Knochen zu zermahlen und die Asche unwiederbringlich entfernen. Oft mussten sie auch bei Erschiessungen mitanwesend sein und die Unglücklichen halten, anschliessend weg tragen und bei den Verbrennungen in den Bunkern arbeiten.
Im Jahre 2008 leben nur noch 17 von diesen ehemaligen Sonderkommando-Häftlingen.
Von der weitaus grösseren Menge der Konzentrationslager-Häftlinge existieren sehr gute Berichte, Biographien und Autobiographien. Aus dem Bereich Sonderkommando bestehen nur ganz wenige. Das Buch von Shlomo Venezia ist nicht der erste Bericht - aber einer der umfassendsten, nebst dem (ähnlichen) und überaus wichtigen Buch "Sonderbehandlung" von Filip Müller (Auschwitz I und Auschwitz II-Birkenau / leider nicht mehr erhältlich). Ich verweise auch auf meine Bibliothek/Buchtipps http://www.nestwaermer.ch/familie/hafner/bruno/shoah/shoah.html
(Titel: Erlebnisberichte / Untertitel: Berichte, Interviews "Thema Sonderkommando").
Die Anmerkung der Ersterscheinungen sollen das im Frühjahr 2008 erschiene Buch "Meine Arbeit im Sonderkommando Auschwitz" von Shlomo Venezia (Auschwitz II-Birkenau) keinesfalls schmälern. Im Gegenteil. Aus meiner Sicht ist es eines der besten Bücher welches es überhaupt gibt. Eminent wichtig auch aus historischer Sicht !
Shlomo Venezia schildert "trotz des grossen Schmerzes an dieser traurigen Erinnerung" sehr präzise. Das Buch wird begleitet von einer sehr dezenten Interview-Form. Shlomo Venezia erklärt und beantwortet alle diese Fragen sehr genau, bis sogar "in für den Leser sehr schmerzliche Details". Wichtig für die Nachwelt, wichtig gegen das Vergessen. Dem Verfasser gebührt ein grosser Dank!
In einem hervorragenden Schreibstil lässt einem Shlomo Venezia Einblick in diese Welt. Er berichtet ehrlich und dermassen klar, was er gesehen hat, was er gefühlt und gelitten hat. Es wird einem nicht nur klar, was damals in den Sonderkommandos geschehen ist - sondern man erfährt auch, was diese Menschen im Lager ertragen und in ihr weiteres Leben an Last mitnehmen mussten.
Im Buch sind weiters ca. 8 Seiten mit Bildern (gut beschrieben). Der Buchtext wird unterstützt durch die bekannten Tusche-Zeichnungen des ehemaligen Häftlings David Olère.
Zum Schluss, ab Seite 227, folgt eine sehr aufschlussreiche Zusammenfassung über die Shoah, Auschwitz und das Sonderkommando.
Ich möchte das Buch 'allen am Holocaust Interessierten' wirklich sehr ans Herz legen - aber auch warnen. Es ist keine leichte Lektüre. Auch mich (habe in meiner Shoah-Studie schon weit über 100 Berichte/Dokumentationen und Studien gelesen) - liess und lässt dieser klare, sehr sehr harte Bericht nicht einfach im Thema weiterfahren. Das Buch berührt sehr!
Dazu die Schlussfrage im Buch:
Was haben diese extremen Erfahrungen in Ihnen zerstört?
"Mein Leben. Ich habe nie wieder ein normales Leben führen können. Ich konnte nie so tun, als ob alles in Ordnung wäre, und konnte nie wie die anderen tanzen oder mich unbeschwert vergnügen ...
Alles bringt mich zurück ins Lager. Was ich auch tue, was ich aus sehe, mein Geist kehrt immer wieder an diesen Ort zurück. Es ist, als hätte "die Arbeit", die ich dort tun musste, meinen Kopf nie verlassen ...
Man kommt nie mehr wirklich aus dem Krematorium heraus."