Besitzer von Wohnwagen bestrafte mein Vater immer mit Verachtung. Aber diese Ungerechtigkeit war wohl eher auf Neid als auf nachvollziehbare Argumente zurückzuführen. Denn wir gehörten auf den Campingplätzen, die zuerst mit dem Zeltstangensalat zurechtkommen mussten, bevor es dann endlich - meist schon im Dunkeln - zum ersten halbwegs warmen Essen kam. Gut, die Belgier und Holländer blockierten mit ihren Minihäusern auf der Fahrt in den Süden zwar die schweizerischen Gebirgsübergänge, fielen durch ihre gestreiften und karierten Hemden auf, verpesteten mit ihren Grills und dem Transistorengedudel die Luft, prahlten ohne Worte mit großen Equipments und blieben tendenziell lieber unter Ihresgleichen. Doch im Geheimen liebte ich ihre Wohnwagen offenbar so sehr, dass dieser Bildband sofort mein Herz eroberte.
Für die Höchstbewertung reichen Emotionen in der Regel nicht aus. Nur wenn ich auch handwerkliches Können entdeckte, verteile ich fünf Sterne. Also mussten Auswahl der Objekte, ihre sprachlichen Beschreibungen und das Bildmaterial ebenfalls stimmen. Und dass dem so ist, verantworten die beiden englischen Caravan-Fans Jane Field-Lewis und Chris Haddon sowie die Fotografin Hilary Walker.
Dieses Buch soll die verborgene Welt der Kreativität und des Designs erforschen, die Wohnwagen aus verschiedenen Jahrzehnten bieten. Die rollenden, ziemlich normierten und eher hässlichen Reiheneinfamilienhäuschen des 21. Jahrhunderts sind damit nicht gemeint. Vielmehr fanden Objekte Aufnahme, die oft auf verschlungenen Wegen zu ihren neuen Besitzer gelangten, oft aufwändig restauriert werden mussten und auch in ihren Innenräumen von alten Zeiten sprechen. Was innerhalb der dünnen Wände geschah und heute sorgsam gepflegt wird, hält Hilary Walker mit ihrem feinen Gespür für Details fotografisch fest. Und so verweilen wir nicht nur länger als vorgesehen auf den farbigen Seiten, sondern können uns auch die Besitzer dieser Schmuckstücke vorstellen. Ergänzt werden unsere inneren Bilder dann noch durch Geschichten und Anekdoten, die Jane Field-Lewis und Chris Haddon während ihrer Recherchierarbeit einfingen.
Da man dieses Buch ohnehin öfters durchblättert, finde ich es auch verzeihlich, wenn ein Register zum Aufsuchen bestimmter Modelle fehlt. Dafür gibt es zum Schluss eine Doppelseite mit nützlichen Adressen, die es Neueinsteigern erleichtern, sich in der Welt der Retro-Wohnwagen zurechtzufinden. Und wenn ich an meine Gefühle beim Lesen und Betrachten dieses Buches denke, kann ich mir bestens vorstellen, dass diese spezielle Retro-Gemeinde weiteren Nachwuchs erhält.
Mein Fazit: Ein wunderbares Buch über wunderbare Wohnwagen. Es weckt nostalgische Gefühle, vermittelt auf spannende Art ein Stück Kultur- und Designgeschichte, spricht von der Liebe zu Details, wirkt inspirierend und auf seltsame Weise beruhigend. Eigentlich schade, dass wir "nur" ein Hauszelt hatten.