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Wer den Einschnitt des Jahres 1933 für den Normalbürger begreifen möchte, rät Sebastian Haffner in seiner Geschichte eines Deutschen, studiere weniger die Biografien von Staatsmännern als solche "unbekannter Privatleute". Beispielhaft hierfür könnte das Schicksal der 1900 in Köln geborenen Lilli Schlüchterer stehen. In einer Zeitenwende, die man damals -- in der Rückschau mutet dies fast zynisch an -- voller Elan als das "Jahrhundert des Kindes" bezeichnete, wuchs die Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie in großbürgerlich-liberaler Atmosphäre heran.
Lilli wurde zum Medizinstudium zugelassen und heiratete 1926 ihre große Liebe, den jungen Arzt Ernst Jahn. Fünf Kinder kamen zur Welt. Das nordhessische Idyll Immenhausen, in dem die beiden ihre Praxis eröffneten, wandelte sich jedoch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zu einer Kleinbürgerhölle aus Denunzianten- und Mitläufertum: Freunde ziehen sich zurück, unter dem Druck öffentlicher Diffamierung wendet sich schließlich auch ihr Ehemann ab. Eine junge Urlaubsvertretung wird seine Geliebte. Die nach der wahnsinnigen Rassenarithmetik der Nationalsozialisten bislang stillschweigend geduldete Mischehe wird 1942 geschieden. Auf Drängen des Immenhausener Bürgermeisters, eines Musterbeispiels deutscher Pflichterfüllung und Lillis ärgstem Verfolger, wird die Jüdin Lilli im September 1943 im Arbeitserziehungslager Breitenau nahe Kassel interniert.
Die Briefe der nun weit gehend auf sich selbst gestellten Kinder an ihre Mutter bilden das herzzerreißende Kernstück des Buches. Täglich verzweifelt wiederholte Liebesbezeugungen und kleine Hilfspakete sollen den Lebenswillen Lillis stärken, die ihrerseits aus dem Lager heraus um den Zusammenhalt ihrer Kinder kämpft. Deren bange Hoffnung, die Mutter wieder zu sehen, erfüllte sich nicht. Im März 1944 erfolgte die Deportation nach Auschwitz. Eine letzte Mitteilung der schon geschwächten Lilli, verfasst von der ungelenken Hand einer Mitgefangenen -- schließlich die kalte, bürokratische Benachrichtigung der Lagerverwaltung. Lilli Jahns Leben war ausgelöscht. Spät hat man sich ihrer erinnert in Immenhausen. Eine Schule und eine Straße tragen nun Lillis Namen. Ein Tabu wurde gebrochen, Opfer, Täter (und Mittäter) sichtbar gemacht. Und ein Karton voll Briefe hat Lilli Jahn unsterblich gemacht. --Ravi Unger
Lilli Jahn befand sich in dieser Zeit als Volljüdin im Arbeitserziehungslager Breitenau bei Kassel und wurde von dort nach Auschwitz deportiert, wo ihr Leben endete. Unmittelbar vor ihrer Deportation schaffte sie es, die Briefe aus dem Lager hinauszuschmuggeln, ein überaus seltener Fall.
Nun, nach dem Tod des Bruders, sahen sich Lillis Töchter unerwartet mit den bittersten Jahren ihres Lebens ¬konfrontiert, der Zeit, als sie 14, 13, 10 und 3 Jahre alt waren und hilflos den Leidensweg ihrer Mutter aus der Ferne miterleben mussten. Auch sie scheuten sich, über diese Zeit zu sprechen wie sehr viele ihrer Generation, ob Kinder von Opfern oder Tätern. Da gibt es zu viel Schmerz, Trauer, Selbstanklagen, auch Schutzbedürfnis gegenüber geliebten Personen und Angst vor einem ungerechten, leichtfertigen Urteil Außenstehender. Wer gibt schon gern auch um den Preis, die Mutter zu ehren den Vater der moralischen Empörung der Nachkommen preis?
Lillis 13 Enkel wuchsen mit einem unausgesprochenen, aber eindeutigen Frageverbot auf. Sie wussten nur zwei Dinge: Der arische Großvater hatte sich 1942 von seiner jüdischen Ehefrau scheiden lassen. Die dadurch schutzlos Gewordene kam in Auschwitz um. Zehn Briefe von ihr aus der Haftzeit waren bekannt und wurden gelegentlich in Predigten zitiert.
Jetzt aber lagen die vielen Kinderbriefe auf dem Tisch, und die Enkel begannen, die Mütter auszufragen. Einer von ihnen, der Journalist und Historiker Martin Doerry, sah die Briefe durch und erkannte ihren Wert. Dann brachte er Mutter und Tanten zum Sprechen, was einem fremden Historiker schwerlich gelungen wäre. Er forschte auch nach den Anfängen: Die Medizinstudentin Lilli Schlüchterer, 1900 in Köln als Tochter eines jüdischen Kaufmanns geboren, verliebt sich 1923 in den gleichaltrigen Kommilitonen Ernst Jahn. Er ist früh verwaist, ein schwieriger, schwermütiger, unsicherer Mensch. Sein geerbtes Vermögen geht in der Inflation verloren. Nun sucht er eine erste Stelle als Arzt.
1925, als es bereits um Heirat geht, schreibt Lilli ihrem Amadé: Und dann hab ich Sorge, ob nicht Dir die Ehe mit einer Jüdin in Deinem Beruf und Deinem Vorwärtskommen Schwierigkeiten bereiten wird. Trotz Einwänden von Lillis Eltern gegen den nichtjüdischen Schwiegersohn wird 1926 geheiratet. Das Paar wohnt in Immenhausen bei Kassel, wo Ernst eine Landpraxis hat. Lilli hängt ein zweites Praxisschild mit ihrem Namen neben die Haustür. 1927 wird Gerhard geboren, 1929 Ilse, 1930 Johanna.
Das Glück ist groß bis Hitler an die Macht kommt. Lilli berichtet Freunden über den 1. April 1933, den Tag des Judenboykotts: Denkt Euch doch, auch über meinen Amadé hat man gestern den Boykott verhängt, weil er mich eine Jüdin zur Frau hat!! Und dazu kommt nun die große bange Sorge: Wird es noch weitere Folgen für uns haben? Wir wagen gar nicht weiter zu denken.
Die eingeschüchterte Lilli schraubt ihr Praxisschild wieder ab. Am 10. April 1933 kommt das vierte Kind, Eva, zur Welt.
Ernst Jahn wird wegen seiner jüdischen Frau nicht in die NS-Ärzteschaft aufgenommen und ist nun ein Arzt zweiter Klasse. Die Freunde bleiben aus. Lilli traut sich nicht mehr auf die Straße. Aber die Kinder wachsen in die neue Zeit hinein, haben laut Lilli für nichts anderes mehr Interesse vor allem der Junge als für SA und SS, sie marschieren und exerzieren und beglücken uns unentwegt, von früh bis spät, mit dem Horst-Wessel-Lied. Umso schlimmer trifft es die Kinder, dass sie als Halbjuden nicht in die HJ und zu den Jungmädeln aufgenommen werden. Ohne Uniform sind sie schon früh als Außenseiter gebrandmarkt. Lillis Mutter und Schwester fliehen nach England. Da aber Ernst Jahn wegen der Praxis nicht ins Ausland will, bleibt auch Lilli. Sie ist durch ihre privilegierte Ehe mit einem Arier geschützt. Glücklich preist sie unsere gegenseitige Verbundenheit und Liebe, die wir immer wieder als Wall aufrichten müssen gegen das Draußen. 1940 kommt das fünfte und letzte Kind: Dorle.
Doch Ernst Jahn hält dem Druck nicht stand. Er wird missmutig, unzufrieden mit seinem Leben, das ihn überfordert. Er ist kein Nazi und kein Antisemit. Aber er verliebt sich in eine junge Ärztin, die ihm, weil die Jüdin Lilli dies nicht mehr darf, in der Praxis hilft. Mit ihr geht er ins Theater, was seine Frau auch nicht mehr darf, verreist mit ihr. Bald erwartet die Geliebte ein Kind, das im Arzthaus geboren wird. Lilli ist zu Kompromissen bereit und assistiert sogar bei der Entbindung. Ernst Jahn lässt sich scheiden, heiratet die andere Frau. Was Lilli angeht, verlässt er sich auf die Rechtslage. Danach war auch eine geschiedene jüdische Frau geschützt, solange sie für minderjährige halbarische Kinder sorgte.
Aber der Bürgermeister will endlich die Erfolgsmeldung herausgeben, dass Immenhausen judenrein sei. Als letzte Jüdin des Ortes muss Lilli mit ihren Kindern nach Kassel umziehen. Hier wird sie wegen einer Lappalie zur Gestapo geladen und verlässt am 30. August 1943 das Haus mit dem Ruf: Bis gleich, Kinder. Sie wird verhaftet, zu vier Wochen Zwangsarbeit verurteilt und kehrt nie mehr zurück.
Der nun beginnende Briefwechsel zwischen Mutter und Kindern ist wegen der Zensur von Vorsicht geprägt, aber umso zärtlicher und in seiner Schlichtheit herzzerreißend. Fast täglich schreibt einer der vier Großen an die Mutter. Diese darf nur einmal im Monat schreiben, wagt aber hin und wieder einen illegalen Brief. Fast alle Briefe und auch Päckchen mit Essen kommen an.
Die Reife und Behutsamkeit, die vor allem die drei Mädchen in ihren Briefen immer aufs Neue zeigen, ist erstaunlich. Die 14-jährige Ilse, die sich neben der Schule als Ersatzmutter abrackert, wagt sich sogar zwei Mal zur Kasseler Gestapo und fragt dort an, wann die Mutter entlassen werde. Sie bekommt schließlich die Antwort: Wenn du noch mal kommst, behalten wir dich auch hier.
Dann brennt bei einem Fliegerangriff das Haus ab. Die Kinder retten sich nur mit Mühe aus dem Feuer. Sie haben alles verloren, sind obdachlos und ohne Kleider. Ilse benützt geschickt ihren Bonus als Ausgebombte, um einen Besuch bei der Mutter durchzusetzen. Diese zehnminütige Szene in Anwesenheit einer Wärterin hätte breit ausgemalt werden können. Aber Ilse erzählt nach fast sechzig Jahren nur sehr kurz und scheu: Wie verändert sah meine gepflegte Mutti aus. Sie trug ein Sackkleid aus grobem Stoff, Holzpantinen ohne Strümpfe, ein Schneidezahn fehlte.
Im März 1944 wird Lilli Jahn nach Auschwitz deportiert. Im Dresdner Bahnhof, wo die Häftlinge sieben Stunden auf den Zug warten müssen, schreibt sie noch einen heimlichen Brief: Morgen Abend werden wir dann in Auschwitz sein. Die Mitteilungen darüber, wie es dort sein soll, sind sehr widersprechend. Und: In den letzten Tagen habe ich die Familien beneidet, die alle zusammen damals fortgebracht wurden. Aber wenn ichs recht bedenke, ist es mir trotz aller tiefen Sehnsucht und allem Trennungs-Schmerz leichter, Euch verschont zu sehen von all dem Widerwärtigen und Häßlichen. Die Kinder können sich unter Auschwitz nichts vorstellen. Aber die Worte, die Lilli wählt, zeigen: Sie weiß, was sie erwartet.
Aus Auschwitz kommt nur noch ein einziger, von Lilli offenbar einer Mitgefangenen diktierter Brief vom 5. Juni 1944: Meine Gedanken sind ununterbrochen immer bei Euch. Am 17. oder 19. Juni 1944 stirbt Lilli Jahn, Häftlingsnummer 76 043, Todesursache unbekannt.
Kein historischer Roman, keine Memoiren, keine noch so wissenschaftlich fundierte Schrift kann es mit Originalquellen dieser Qualität aufnehmen. Es handelt sich ja hier um primäre Quellen: unmittelbar aus der Zeit stammend und von den handelnden Personen selbst geschrieben. Das Charakteristische dieser Quellen ist, dass sie ungeordnet alle Bereiche ansprechen, wie das Leben so spielt, auch das Leben der Kinder: Schulaufgaben stehen neben Ehegeschichten und dem Kummer, dass die Nachbarn nicht mehr grüßen. Als das Haus in Asche fällt, trauert das Kind um den Wellensittich, den es nicht retten konnte. Die Tochter berichtet der Mutter von der ersten Zigarette. Ein Mann verliebt sich in eine andere Frau, will sein Leben ändern und verlässt sich ausgerechnet in Hitlers Reich auf bestehende Gesetze. Was den Quellenwert angeht, steht dieses Buch ebenbürtig neben den Tagebüchern von Anne Frank und Victor Klemperer.
Dankbar nimmt man zur Kenntnis, dass der Herausgeber sehr zurückhaltend kommentiert, ohne zu werten auch, wenn es um die problematische Gestalt des Vaters geht. Und warum hat Bruder Gerhard seine Schwestern nicht zu seinen Lebzeiten über die Existenz der verschollen geglaubten Briefe informiert?
Trotz all der schlimmen Einzelheiten bleibt das Buch diskret und behutsam. Der bleibende Eindruck ist der einer großen Zärtlichkeit.
Nachwort von Brigitte Hamann zu Mein verwundetes Herz. SPIEGEL-Edition Band 27 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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