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Mein verwundetes Herz: Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944
 
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Mein verwundetes Herz: Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944 [Gebundene Ausgabe]

Martin Doerry
4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (26 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Als Gerhard Jahn, Justizminister im Kabinett Brandt, 1998 verstarb, fand sich in seinem Nachlass ein Karton, der erschütternde Dokumente enthielt. Fast 60 Jahre lang hatte Jahn etwa 250 Briefe aufbewahrt, die er und seine Schwester 1943 und 1944 an ihre im Arbeitslager inhaftierte Mutter Lilli geschrieben hatten. Für die noch lebenden Geschwister bedeutete der Fund die schmerzliche Aufarbeitung einer verdrängten Familientragödie. Der Briefwechsel Lilli Jahns und ihrer Kinder -- das Tagebuch einer nicht nachlassenden Liebe in Deutschlands dunkelster Zeit -- wird den Leser so schnell nicht wieder loslassen.

Wer den Einschnitt des Jahres 1933 für den Normalbürger begreifen möchte, rät Sebastian Haffner in seiner Geschichte eines Deutschen, studiere weniger die Biografien von Staatsmännern als solche "unbekannter Privatleute". Beispielhaft hierfür könnte das Schicksal der 1900 in Köln geborenen Lilli Schlüchterer stehen. In einer Zeitenwende, die man damals -- in der Rückschau mutet dies fast zynisch an -- voller Elan als das "Jahrhundert des Kindes" bezeichnete, wuchs die Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie in großbürgerlich-liberaler Atmosphäre heran.

Lilli wurde zum Medizinstudium zugelassen und heiratete 1926 ihre große Liebe, den jungen Arzt Ernst Jahn. Fünf Kinder kamen zur Welt. Das nordhessische Idyll Immenhausen, in dem die beiden ihre Praxis eröffneten, wandelte sich jedoch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zu einer Kleinbürgerhölle aus Denunzianten- und Mitläufertum: Freunde ziehen sich zurück, unter dem Druck öffentlicher Diffamierung wendet sich schließlich auch ihr Ehemann ab. Eine junge Urlaubsvertretung wird seine Geliebte. Die nach der wahnsinnigen Rassenarithmetik der Nationalsozialisten bislang stillschweigend geduldete Mischehe wird 1942 geschieden. Auf Drängen des Immenhausener Bürgermeisters, eines Musterbeispiels deutscher Pflichterfüllung und Lillis ärgstem Verfolger, wird die Jüdin Lilli im September 1943 im Arbeitserziehungslager Breitenau nahe Kassel interniert.

Die Briefe der nun weit gehend auf sich selbst gestellten Kinder an ihre Mutter bilden das herzzerreißende Kernstück des Buches. Täglich verzweifelt wiederholte Liebesbezeugungen und kleine Hilfspakete sollen den Lebenswillen Lillis stärken, die ihrerseits aus dem Lager heraus um den Zusammenhalt ihrer Kinder kämpft. Deren bange Hoffnung, die Mutter wieder zu sehen, erfüllte sich nicht. Im März 1944 erfolgte die Deportation nach Auschwitz. Eine letzte Mitteilung der schon geschwächten Lilli, verfasst von der ungelenken Hand einer Mitgefangenen -- schließlich die kalte, bürokratische Benachrichtigung der Lagerverwaltung. Lilli Jahns Leben war ausgelöscht. Spät hat man sich ihrer erinnert in Immenhausen. Eine Schule und eine Straße tragen nun Lillis Namen. Ein Tabu wurde gebrochen, Opfer, Täter (und Mittäter) sichtbar gemacht. Und ein Karton voll Briefe hat Lilli Jahn unsterblich gemacht. --Ravi Unger

Der Spiegel

Die große bange Sorge
Gerhard Jahn, Justizminister unter Willy Brandt, war sehr schweigsam, wenn es um seine elterliche Familie ging. Erst in seinem Nachlass kamen längst verschollen geglaubte Familiendokumente zum Vorschein, die Jahns vier jüngeren Schwestern übergeben wurden. Es handelte sich um rund 250 Briefe, die die Geschwister 1943 und 1944 an ihre Mutter geschrieben hatten.

Lilli Jahn befand sich in dieser Zeit als „Volljüdin“ im „Arbeitserziehungslager“ Breitenau bei Kassel und wurde von dort nach Auschwitz deportiert, wo ihr Leben endete. Unmittelbar vor ihrer Deportation schaffte sie es, die Briefe aus dem Lager hinauszuschmuggeln, ein überaus seltener Fall.

Nun, nach dem Tod des Bruders, sahen sich Lillis Töchter unerwartet mit den bittersten Jahren ihres Lebens ¬konfrontiert, der Zeit, als sie 14, 13, 10 und 3 Jahre alt waren und hilflos den Leidensweg ihrer Mutter aus der Ferne miterleben mussten. Auch sie scheuten sich, über diese Zeit zu sprechen – wie sehr viele ihrer Generation, ob Kinder von Opfern oder Tätern. Da gibt es zu viel Schmerz, Trauer, Selbstanklagen, auch Schutzbedürfnis gegenüber geliebten Personen – und Angst vor einem ungerechten, leichtfertigen Urteil Außenstehender. Wer gibt schon gern – auch um den Preis, die Mutter zu ehren – den Vater der moralischen Empörung der Nachkommen preis?

Lillis 13 Enkel wuchsen mit einem unausgesprochenen, aber eindeutigen Frageverbot auf. Sie wussten nur zwei Dinge: Der „arische“ Großvater hatte sich 1942 von seiner jüdischen Ehefrau scheiden lassen. Die dadurch schutzlos Gewordene kam in Auschwitz um. Zehn Briefe von ihr aus der Haftzeit waren bekannt und wurden gelegentlich in Predigten zitiert.

Jetzt aber lagen die vielen Kinderbriefe auf dem Tisch, und die Enkel begannen, die Mütter auszufragen. Einer von ihnen, der Journalist und Historiker Martin Doerry, sah die Briefe durch und erkannte ihren Wert. Dann brachte er Mutter und Tanten zum Sprechen, was einem fremden Historiker schwerlich gelungen wäre. Er forschte auch nach den Anfängen: Die Medizinstudentin Lilli Schlüchterer, 1900 in Köln als Tochter eines jüdischen Kaufmanns geboren, verliebt sich 1923 in den gleichaltrigen Kommilitonen Ernst Jahn. Er ist früh verwaist, ein schwieriger, schwermütiger, unsicherer Mensch. Sein geerbtes Vermögen geht in der Inflation verloren. Nun sucht er eine erste Stelle als Arzt.

1925, als es bereits um Heirat geht, schreibt Lilli ihrem „Amadé“: „Und dann hab ich Sorge, ob nicht Dir die Ehe mit einer Jüdin in Deinem Beruf und Deinem Vorwärtskommen Schwierigkeiten bereiten wird.“ Trotz Einwänden von Lillis Eltern gegen den nichtjüdischen Schwiegersohn wird 1926 geheiratet. Das Paar wohnt in Immenhausen bei Kassel, wo Ernst eine Landpraxis hat. Lilli hängt ein zweites Praxisschild mit ihrem Namen neben die Haustür. 1927 wird Gerhard geboren, 1929 Ilse, 1930 Johanna.

Das Glück ist groß – bis Hitler an die Macht kommt. Lilli berichtet Freunden über den 1. April 1933, den Tag des „Judenboykotts“: „Denkt Euch doch, auch über meinen Amadé hat man gestern den Boykott verhängt, weil er mich – eine Jüdin – zur Frau hat!! … Und dazu kommt nun die große bange Sorge: Wird es noch weitere Folgen für uns haben? Wir wagen gar nicht weiter zu denken.“

Die eingeschüchterte Lilli schraubt ihr Praxisschild wieder ab. Am 10. April 1933 kommt das vierte Kind, Eva, zur Welt.
Ernst Jahn wird wegen seiner jüdischen Frau nicht in die NS-Ärzteschaft aufgenommen und ist nun ein Arzt zweiter Klasse. Die Freunde bleiben aus. Lilli traut sich nicht mehr auf die Straße. Aber die Kinder wachsen in die „neue Zeit“ hinein, haben laut Lilli „für nichts anderes mehr Interesse – vor allem der Junge – als für SA und SS, sie marschieren und exerzieren und beglücken uns unentwegt, von früh bis spät, mit dem Horst-Wessel-Lied“. Umso schlimmer trifft es die Kinder, dass sie als „Halbjuden“ nicht in die HJ und zu den Jungmädeln aufgenommen werden. Ohne Uniform sind sie schon früh als Außenseiter gebrandmarkt. Lillis Mutter und Schwester fliehen nach England. Da aber Ernst Jahn wegen der Praxis nicht ins Ausland will, bleibt auch Lilli. Sie ist durch ihre „privilegierte Ehe“ mit einem „Arier“ geschützt. Glücklich preist sie „unsere gegenseitige Verbundenheit und Liebe, die wir immer wieder als Wall aufrichten müssen gegen das ‚Draußen’“. 1940 kommt das fünfte und letzte Kind: „Dorle“.

Doch Ernst Jahn hält dem Druck nicht stand. Er wird missmutig, unzufrieden mit seinem Leben, das ihn überfordert. Er ist kein Nazi und kein Antisemit. Aber er verliebt sich in eine junge Ärztin, die ihm, weil die Jüdin Lilli dies nicht mehr darf, in der Praxis hilft. Mit ihr geht er ins Theater, was seine Frau auch nicht mehr darf, verreist mit ihr. Bald erwartet die Geliebte ein Kind, das im Arzthaus geboren wird. Lilli ist zu Kompromissen bereit und assistiert sogar bei der Entbindung. Ernst Jahn lässt sich scheiden, heiratet die andere Frau. Was Lilli angeht, verlässt er sich auf die Rechtslage. Danach war auch eine geschiedene jüdische Frau geschützt, solange sie für minderjährige halbarische Kinder sorgte.

Aber der Bürgermeister will endlich die Erfolgsmeldung herausgeben, dass Immenhausen „judenrein“ sei. Als letzte Jüdin des Ortes muss Lilli mit ihren Kindern nach Kassel umziehen. Hier wird sie wegen einer Lappalie zur Gestapo geladen und verlässt am 30. August 1943 das Haus mit dem Ruf: „Bis gleich, Kinder“. Sie wird verhaftet, zu vier Wochen Zwangsarbeit verurteilt und kehrt nie mehr zurück.

Der nun beginnende Briefwechsel zwischen Mutter und Kindern ist wegen der Zensur von Vorsicht geprägt, aber umso zärtlicher und in seiner Schlichtheit herzzerreißend. Fast täglich schreibt einer der vier „Großen“ an die Mutter. Diese darf nur einmal im Monat schreiben, wagt aber hin und wieder einen illegalen Brief. Fast alle Briefe und auch Päckchen mit Essen kommen an.

Die Reife und Behutsamkeit, die vor allem die drei Mädchen in ihren Briefen immer aufs Neue zeigen, ist erstaunlich. Die 14-jährige Ilse, die sich neben der Schule als Ersatzmutter abrackert, wagt sich sogar zwei Mal zur Kasseler Gestapo und fragt dort an, wann die Mutter entlassen werde. Sie bekommt schließlich die Antwort: „Wenn du noch mal kommst, behalten wir dich auch hier.“

Dann brennt bei einem Fliegerangriff das Haus ab. Die Kinder retten sich nur mit Mühe aus dem Feuer. Sie haben alles verloren, sind obdachlos und ohne Kleider. Ilse benützt geschickt ihren Bonus als Ausgebombte, um einen Besuch bei der Mutter durchzusetzen. Diese zehnminütige Szene in Anwesenheit einer Wärterin hätte breit ausgemalt werden können. Aber Ilse erzählt nach fast sechzig Jahren nur sehr kurz und scheu: „Wie verändert sah meine gepflegte Mutti aus. Sie trug ein Sackkleid aus grobem Stoff, Holzpantinen ohne Strümpfe, ein Schneidezahn fehlte.“

Im März 1944 wird Lilli Jahn nach Auschwitz deportiert. Im Dresdner Bahnhof, wo die Häftlinge sieben Stunden auf den Zug warten müssen, schreibt sie noch einen heimlichen Brief: „Morgen Abend werden wir dann in Auschwitz sein. Die Mitteilungen darüber, wie es dort sein soll, sind sehr widersprechend.“ Und: „In den letzten Tagen habe ich die Familien beneidet, die alle zusammen damals fortgebracht wurden. Aber wenn ich’s recht bedenke, ist es mir trotz aller tiefen Sehnsucht und allem Trennungs-Schmerz leichter, … Euch verschont zu sehen von all dem Widerwärtigen und Häßlichen.“ Die Kinder können sich unter Auschwitz nichts vorstellen. Aber die Worte, die Lilli wählt, zeigen: Sie weiß, was sie erwartet.

Aus Auschwitz kommt nur noch ein einziger, von Lilli offenbar einer Mitgefangenen diktierter Brief vom 5. Juni 1944: „Meine Gedanken sind ununterbrochen immer bei Euch.“ Am 17. oder 19. Juni 1944 stirbt Lilli Jahn, Häftlingsnummer 76 043, Todesursache unbekannt.

Kein historischer Roman, keine Memoiren, keine noch so wissenschaftlich fundierte Schrift kann es mit Originalquellen dieser Qualität aufnehmen. Es handelt sich ja hier um „primäre“ Quellen: unmittelbar aus der Zeit stammend und von den handelnden Personen selbst geschrieben. Das Charakteristische dieser Quellen ist, dass sie ungeordnet alle Bereiche ansprechen, wie das Leben so spielt, auch das Leben der Kinder: Schulaufgaben stehen neben Ehegeschichten und dem Kummer, dass die Nachbarn nicht mehr grüßen. Als das Haus in Asche fällt, trauert das Kind um den Wellensittich, den es nicht retten konnte. Die Tochter berichtet der Mutter von der ersten Zigarette. Ein Mann verliebt sich in eine andere Frau, will sein Leben ändern und verlässt sich ausgerechnet in Hitlers Reich auf bestehende Gesetze. Was den Quellenwert angeht, steht dieses Buch ebenbürtig neben den Tagebüchern von Anne Frank und Victor Klemperer.

Dankbar nimmt man zur Kenntnis, dass der Herausgeber sehr zurückhaltend kommentiert, ohne zu werten – auch, wenn es um die problematische Gestalt des Vaters geht. Und warum hat Bruder Gerhard seine Schwestern nicht zu seinen Lebzeiten über die Existenz der verschollen geglaubten Briefe informiert?

Trotz all der schlimmen Einzelheiten bleibt das Buch diskret und behutsam. Der bleibende Eindruck ist der einer großen Zärtlichkeit.

Nachwort von Brigitte Hamann zu Mein verwundetes Herz. SPIEGEL-Edition Band 27 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Perlentaucher.de


Buchnotiz zu : Die Zeit, 08.08.2002
Ein neues, bewegendes Zeugnis über den Holocaust. Und was für eines! Volker Ullrich weist ihm gleich einen Platz zu neben dem Tagebuch der Anne Frank und den Aufzeichnungen Victor Klemperers. "Unter der Hand" ergibt der Briefband zugleich die exemplarische Biografie einer "klugen, hochgebildeten deutschen Jüdin, deren Leben durch die Nazi-Barabarei zerstört wurde", so dass Ullrich diesen in Auschwitz endenden Lebens- und Leidensweg nachzeichnen kann. Im Vordergrund stehen jedoch die einzelnen Briefe: "Wunderbare, leidenschaftliche Liebesbriefe" der Lilli Jahn an ihren Mann (der sie am Ende fallen lässt), Beistandsbekundungen der Kinder (insgesamt 250 Briefe), als sich die Mutter bereits in den Händen der Nazis befindet; "sie spiegeln, wie sonst kaum eine historische Quelle, das Leben der Verfemten unter der Nazidiktatur". Dass der Herausgeber, ein Enkel der Ermordeten, sich abgesehen von "verbindenden und erläuternden Kommentaren" auf die Rolle des Chronisten beschränkt und die Dokumente für sich sprechen lässt, hält Ullrich zwar einerseits für lobenswert, er vermisst aber zugleich "nähere Informationen, etwa über den Antisemitismus in der Weimarer Republik".

© Perlentaucher Medien GmbH

Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 08.08.2002
"Ich habe noch nie von einem Buch gesagt, es gehöre in die Schule, hier muss ich das sagen", schreibt Martin Walser in seiner, Redaktionsangaben zufolge vor der Debatte um sein Buch "Tod eines Kritikers" entstandenen Rezension zu diesem Band mit etwa 250 Briefen zwischen vier heranwachsenden Kindern und ihrer als Jüdin deportierten Mutter, die in den vierziger Jahren geschrieben wurden. "Das ist Geschichtsschreibung", heißt es weiter." Wenn ich das lese, kommt mir der Unterschied, den der Jargon macht zwischen Quelle und Schreibung, irreführend vor." Ausführlich geht Walser auf das Schicksal der 1900 geborenen deutsch-jüdischen Ärztin ein, die 1944 in Auschwitz ermordet wurde. In keiner Zeile dieser Briefe, die für ihn "zum Dokument unserer Schande" werden, sieht Walser auch nur die geringste stilistische oder literarische Ambition. Das macht für ihn die große Glaubwürdigkeit dieser Texte aus, die er mit Victor Klemperers Tagebüchern und Rudolph Borchardts Briefen aus dem italienischen Exil auf einer Stufe stehen sieht. Diese Kinder und ihre Mutter sind für ihn dennoch "ganz unwillkürlich vehemente Stilisten. Sie sind mitten im Grauen immer zart und immer zärtlich". So kommen für den rezensierenden Romancier "Sprachdenkmäler der Menschlichkeit" zustande.

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Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.08.2002
Als "großes, ergreifendes Dokument über eine private Katastrophe inmitten der politischen" beschreibt Rezensentin Eva Menasse die über 250 Briefe von Lilli Jahn und ihrer Kinder. "Umstandslos" lassen sich ihrer Ansicht nach die "zärtlichen Briefe" in Wirkung und Aussagekraft mit dem Tagebuch der Anne Frank vergleichen. Beide Dokumente, so Menasse, erzählten vom Warten und Hoffen, von der Angst und ihrer Alltäglichkeit. Gerade weil diese Dokumente so dezidiert privat sind, findet die Rezensentin sie so ergreifend. "Unerträglich bitter" machte die Lektüre für sie die Tatsache, dass das Schicksal der in Auschwitz ermordeten Lilli Jahn gleichzeitig Lehrstück über die Mitwirkung der "sogenannten Nächsten" an der Vernichtungspolitik ist. Der nichtjüdische Ehemannn hatte sich scheiden lassen und Frau und Kinder ihrem Schicksal überlassen. Hochgelobt wird von Menasse auch Herausgeber und Lilli-Jahn-Enkel Martin Doerry für seine pietätvolle, "streng dokumentarische Art", mit der er Originalbriefe und erzählende Passagen verbinde sowie seine kluge und bedachtsame Einleitung. Klug vermeide er jede Dramatisierung, urteile nicht über den Großvater, über den die Dokumente selbst Unfassbares erzählten. Gerade dadurch erziele Doerry höchste Wirkung.

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Pressestimmen

»Mit den Briefen der Lilli Jahn und ihrer Kinder ist ein Zeugnis aufgetaucht, das uns ergreift wie kaum ein anderes. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass es in der Literatur über den Holocaust künftig einen bedeutenden Platz einnehmen wird.« Volker Ullrich (Die Zeit )

»Vergleichbar dem Tagebuch der Anne Frank. Eine wahre Entdeckung, ein großes, ergreifendes Dokument über eine private Katastrophe inmitten der politischen.« Eva Menasse (Frankfurter Allgemeine Zeitung )

Kurzbeschreibung

In einzigartiger Vollständigkeit sind über 500 Briefe erhalten, die das dramatische Schicksal einer deutsch-jüdischen Familie erzählen. Die Familie Jahn zerbricht äußerlich an den Wirren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, innerlich halten die fünf Kinder und ihre Mutter Lilli um so fester zusammen, bis Lilli Jahn in Auschwitz stirbt. Der Briefwechsel zwischen der Mutter und den Kindern ist ein einmaliges Zeugnis der Menschlichkeit.

Das Leben der Ärztin Lilli Jahn ist beispielhaft für die deutsch-jüdische Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dem jüdischen bildungsbürgerlichen Milieu in Köln entstammend, entschließt sich Lilli Schlüchterer, gegen Widerstände den protestantischen Arzt Ernst Jahn zu heiraten. Die große Familie mit fünf Kindern lebt in Frieden in Immenhausen bei Kassel, bis die politischen Auswirkungen der nationalsozialistischen Politik auch das Leben der Jahns grundlegend verändern. Der Riß zwischen Deutschen und Juden geht mitten durch die Familie, Ernst Jahn läßt sich von Lilli scheiden und liefert sie schutzlos der nationalsozialistischen Verfolgung aus. 1943 wird Lilli Jahn in ein Arbeitserziehungslager gebracht und beginnt eine lange, intensive Korrespondenz mit ihren nun auf sich selbst gestellten Kindern. Die Überlieferung der Briefe grenzt an ein Wunder: Es gelang Lilli Jahn, sie vor der Deportation nach Auschwitz einer Aufseherin anzuvertrauen, die sie dann den Kindern übergab. 1998, als der Sohn von Lilli, Gerhard Jahn, Bundesjustizminister im Kabinett Willy Brandts, starb, fand die Familie den kompletten Briefwechsel in seinem Nachlaß. Der Enkel Martin Doerry hat eine Auswahl getroffen und die Briefe mit zeitgeschichtlichen Hintergrundinformationen zu einem großen Lebensporträt zusammengestellt.

Man muß »Biographien lesen, und zwar nicht die Biographien von Staatsmännern, sondern die viel zu raren Biographien der unbekannten Privatleute«. Sebastian Haffner, »Geschichte eines Deutschen«

Der Verlag über das Buch

»Mit den Briefen der Lilly Jahn und ihrer Kinder ist ein Zeugnis aufgetaucht, das uns ergreift wie kaum ein anderes. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass es in der Literatur über den Holocaust künftig einen bedeutenden Platz einnehmen wird.« Die Zeit

»Es ist die Spontaneität, mit der die scheinbare ›Normalität‹ des Lebens der Kinder einer deutsch-jüdischen Familie während der letzten Kriegsjahre dargestellt wird, die den Leser zum verzweifelten Weinen bringt. Ein einzigartiges und zutiefst erschütterndes Buch.« Die Welt

Kein historischer Roman, keine Erinnerungen können es mit Originalquellen dieser Qualität, dieser Lebendigkeit und Ursprünglichkeit aufnehmen.« Der Spiegel

»Der Roman verdient es neben Klemperers Tagebücher und das Tagebuch der Anne Frank gestellt zu werden.« Lausitzer Rundschau -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Über den Autor

Martin Doerry, geboren 1955, ein Enkel Lilli Jahns, studierte Germanistik und Geschichte in Tübingen und Zürich und promovierte in Neuerer Geschichte. Seit 1987 arbeitet er für den SPIEGEL, seit 1998 ist er stellvertretender Chefredakteur. 2002 erschien von ihm bei DVA »Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn 1900–1944.«

Auszug aus 'Mein verwundetes Herz' von Martin Doerry. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

»Wir haben Erschütterndes erlebt! Und könnt Ihr Euch vorstellen, wie mir zu Mute ist? Könnt Ihr begreifen, wie schwer mir ums Herz ist und wie bitter weh das alles tut? So, daß die Freude auf das Kommende ganz verschüttet ist!! Denkt Euch doch, auch über meinen Amadé hat man gestern den Boykott verhängt, weil er mich - eine Jüdin - zur Frau hat!!«
Lilli Jahn im April 1933 an eine Freundin

»Nun bin ich morgen schon sieben Wochen fort, ich bin oft ganz elend vor Heimweh. Könnt Ihr denn bei der Gestapo nicht erfahren, wie lange ich noch fortbleiben muß? (...) Wenn ich bald heim darf, dann schreib mir ›Ihr hofftet, mich bald wiederzusehen‹, wenn nicht, dann schreib ›wir müßten noch etwas‹ oder schlimmstenfalls ›noch lange Geduld haben‹. Diese Ungewißheit und die quälenden Gedanken sind so aufreibend. Es ist natürlich viel schwerer, als ich den Kindern schreibe.«
Lilli im Oktober 1943 aus dem Arbeitserziehungslager Breitenau an ihre Schwägerin Lore

»Mein liebes, gutes Muttilein!
Jetzt sind es schon sieben lange, schwere Wochen für uns beide. Oh, hoffentlich darfst Du uns bald wiedersehen. Ich halte es oft vor Kummer nicht aus. Dann liegt es wie ein Zentnerstein auf mir, und ich kann einfach an nichts anderes denken. Oh, wenn es doch bald ein Ende nähme!!!«
Ilse, die älteste Tochter (14), im Oktober 1943 an ihre Mutter

»Ich danke Euch aus ganzem Herzen für das Päckchen mit den Ölsardinen etc. und dem Zuckerzeug, das Ihr sicher selbst gemacht habt. Dann für das Päckchen mit der Butter und so weiter - Kinder, das dürft Ihr unter gar keinen Umständen mehr tun, so gut, so sehr gut Ihr es meint! Ich verbiete es Euch, mir nochmal Butter zu schicken, Ihr dürft Euch nichts absparen, auch Eure Süßigkeiten sollt Ihr behalten.«
Lilli im Oktober 1943 an ihre Kinder

»Kein ganzes Geschäft existiert mehr. Kassel ist nicht mehr da. Wirklich, ohne zu übertreiben.«
Ilse an ihre Mutter nach der Bombardierung Kassels am 26. Oktober 1943

»Meine lieben geliebten allerbesten Kinder!
Heute ist nun der 1. Advent, und ich möchte doch so gerne wünschen, daß Ihr alle, trotz all unseren Kummers, ein klein wenig Weihnachtsvorfreude empfindet: Ich denke so sehr an Euch, den ganzen Tag schon, mit all meiner Liebe und mit sehr viel Sehnsucht.«
Lilli an die Kinder, November 1943

»So kamen wir erst um 1 Uhr nachts in Kassel an, mit zwei Handtaschen, einem Schulranzen, drei schweren Koffern und neun Schlafdecken. Das haben wir nach und nach in den Bummelzug geschleift, der um 4.25 weiterfuhr. In den Wartesaal konnten wir nicht, denn es ist ja keiner mehr vorhanden. Der Bummelzug war eiskalt. Da habe ich mir durch das vierstündige Frieren einen wunderbaren Schnupfen und erfrorene Füße geholt.«
Ilse am 7. Dezember 1943 an ihre Mutter

»Ein halbes Jahr sind wir nun schon getrennt, und ich werde nun doch allmählich ungeduldig. Ich hatte so sehr gehofft, es würde nicht länger dauern. An meinem Geburtstag in acht Tagen werde ich ja auch noch hier sein - bitte Kinder, seid nicht traurig darüber, ich werde es auch nicht sein, und später holen wir alles nach. Aber zu Deiner Konfirmation, mein Hannele, wäre ich doch arg, arg gerne bei Dir.«
Lilli an ihre Kinder am 27. Februar 1944, im letzten Brief aus dem Lager Breitenau

»Meine innigstgeliebten Kinder, alle.
Das ist eine lange und langweilige Reise. (...) Wir sitzen nun schon seit 3 Uhr hier in Dresden am Bahnhof und hören eben, daß der Zug erst um 10 Uhr heute abend weitergeht. Morgen abend werden wir dann in Auschwitz sein.«
Lilli an ihre Kinder am 21. März 1944

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