Die Herausgeber reden im Vorwort über queere Grenzgänger, Tabubrecher,Querdenker und Provokateure, von schweren Jungs und bösen Buben. In der Tat, fast alle Zeilen decken dieses Genre ab. Wer aber von Grenzgängern spricht, und nur schwere Jungs und böse Buben meint, ist in seinen Gedanken zu eng. Man denke nur an den Tod in Venedig. Es gibt Grenzgänger, die oft nicht erkennen, dass sie solche sind. Oder solche, die den Grenzgang nur im Kopf erleben, oder solche, die ihn beenden. Sie müssen weder Gewalt anwenden, noch andere quälen, sie tun etwas, was scheinbar nicht verboten ist. Ihr Leiden wird unermesslich, wenn sie erkennen, was sie getan haben. Sie werden zu Grenzgängern in ihrer Seele oder im Herzen. Schade, dass hiervon nicht mehr Geschichten enthalten sind. Sie hätten vielleicht zu echter Literatur geführt.
Die Geschichte von T. Bierbaum - Hermeneutik - deutet etwas Vergleichbares an. Sie ist gut, berührend und intensiv. Die Sprache ist gefällig, manchmal modern. Ähnlich ging es mir, als ich von Redlin - fünf Jahre las. Spannend, auch überraschend, sprachlich gelungen. Immer, wenn der erhobene Zeigefinger über die Seiten geistert, lege ich ein Buch beiseite. Es gibt hier Erzählungen, die sagen, was man nicht tun soll, sie reden den Leser direkt an. Das klingt modern, ist es das wirklich? Naked Pig ist so eine Story. Eine andere, Nadelstiche (Jürgen Tiedtke), ist beinahe zärtlich, gut zu lesen. Sie verlässt die harte Welt der Machos, dringt in die Welt eines Schriftstellers ein und kommt zu einem Ende, der allein durch Schuldgefühle bestimmt wird.Auch dieser Protagonist ist ein Grenzgänger, aber ein andere, nicht Genet, nicht O. Wilde, eher im Sinne von Th. Mann. Imagine von H.Hütt sollte erwähnt werden, eine komische Geschichte, die mir gefallen hat. Gut auch der Bericht Auf der anderen Seite... von O. Hechting, was beweist, dass die Herausgeber nicht nur Sexgeschichten übernehmen, sondern auch ernsthafte Informationen bieten. Gut so! Eric Walz schreibt gut.Seine Liebeserklärung führt den Lesen in das römische Zeitalter und verknüpft gleichzeitig mit ihr die heutige Zeit. Lesenswert!
Nun kann man nicht alle Erzählungen beschreiben.
Dennoch:Es gibt viele Informationen über Geschichtliches, über gegenwärtige Entwicklungen, über Gesetzesvorhaben usf. Dies alles,zusätzlich Gedichte, die nicht immer überzeugen, aber gewollt erscheinen,und richtig gute Poesie, z.B. Stricher von Praunheim erfreuen. Die Fotografien sind hervorragend, nicht immer wenn stehende Schwänze zum Blickfang werden müssen, wir finden diese ja ebenso in vielen Bildbänden, aber wenn sie angedeutet sind, oder wenn das Milieu ins Visier genommen wird, großartig.Hervorragende Collagen, eindrucksvolle Gemälde, oft von eigenwilligen Ideen umlagert.
Es lohnt sich, auch für den stillen Homosexuellen, für den zurückhaltenden im Buch zu blättern und lesen. Die Vielfalt der Beiträge, die Andersartigkeit der Sprache, die entwaffnenden Bilder offenbaren eine Welt, die man kennen lernen sollte, wenn auch nur hier im Buch. Sie ist ja nicht immer reizvoll, meist wahrscheinlich zerstörerisch. Das aber macht die Qualität des Buches aus und den Mut, mit dem die Herausgeber ihre Wahl getroffen haben. Vier Sterne, empfehlenswert.