Aus der Amazon.de-Redaktion
Tagtäglich lief Onkel Theo in Bochums Straßen herum, sammelte die Kippen aus dem Rinnstein auf und klaute überall Zigaretten. Denn die waren in der Kriegsgefangenschaft "wertvoller als Gold". Über das exotische Gebaren ihres Mannes ist dann letztlich auch Tante Wilhelmine "bescheuert" geworden: "Daran war der Russe in jedem Fall schuld." So ragt der kohleschwarze Schatten des Krieges mitten in den Ruhrpott hinein.
"Komische Geschichten" hat Goosen seine Erzähl-, Glossen- und Kolumnensammlung Mein Ich und sein Leben -- wiederum mit ironischem Anhauch -- untertitelt. Denn tatsächlich schwanken die Geschichten zwischen Komik, Skurrilität und Tragik hin und her. Das gilt auch für die Zeit, als Goosens Ich geboren wurde, als es noch Debby Harry gab und Mücke und schon Spüli. Später muss sich das Ich mit neuen Klassenlehrern herumschlagen, erkennt aber auch das "Glück der Pinguine" (die das Cover zieren) und die Vorzüge von Minibars ("Das Ich unterwegs"). Hin und wieder klingt das nach Max Goldt, aber auch nur hin und wieder. Denn Goosen hat einen ganz eigenen, unverwechselbaren Ton -- zum Beispiel dort, wo er beschreibt, wie über der neuen Wohnung von Daniel Audrey Hepburn Geige übt. --Stefan Kellerer -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Kurzbeschreibung
Klappentext
Frankfurter Rundschau -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
Über den Autor
Auszug aus Mein Ich und sein Leben von Frank Goosen. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Als ich schon aus dem Alter raus war, wo man an Bien-chen und Blümchen glaubt, die Wahrheit über das Kinderkriegen aber noch nicht fassen konnte, habe ich meinen Vater mal gefragt, wo ich denn herkäme. Er tat so, als sei er mit wichtigen Staatsgeschäften befaßt, und schickte mich zu meiner Mutter. Die schüttelte den Kopf und sagte, ich solle meinem Vater ausrichten, er solle sich nicht so anstellen. Seufzend meinte mein Vater, ich sei ein »Haldenkind«, was mich auch nicht weiterbrachte. Erst Jahre später war ich alt und reif genug für die Wahrheit. Und die hatte mit knappem Wohnraum zu tun.
Als sie sich kennenlernten war meine Mutter neunzehn und mein Vater noch ein halbes Jahr jünger. In der Tanzschule »Bobby Linden« war dieser gutaussehende, schmale junge Mann mit dem »Fassongschnitt« und der Zahnlücke auf sie zugetreten, hatte sich etwas steif verneigt -wobei ihm diese kleine Tolle, die wie ein Vordach über seiner Stirn thronte, ein wenig ins Gesicht fiel - und sich als »Goosenowski« vorgestellt, »Werner Goosenowski«. Ach Gott, dachte meine Mutter, einer mit »ki« hintendran! Aber gesagt hat sie nichts, vielleicht weil meinem Vater das Haar so verwegen übers Auge hing, vielleicht weil er es mit einer so imponierenden Hand- und Armbewegung wieder in die Ausgangslage brachte, daß sie gespannt war, was er noch auf Lager hatte. Sie schenkte ihm den nächsten Tanz. Meine Mutter behauptete später, es sei eine Rumba gewesen, während mein Vater daran festhielt, es könne nur ein Cha-Cha-Cha gewesen sein, da er immer Schwierigkeiten mit der Rumba gehabt habe und sich wohl nie getraut hätte, meine Mutter ausgerechnet dazu aufzufordern. »Ich kann dazu nur sagen«, meinte meine Mutter an meinem achtzehnten Geburtstag, als wir uns darüber unterhielten, »daß es deinem Vater völlig egal war, wobei er mir auf die Füße trat. Ich glaube, Rumba hielt er für eine Eissorte.«
Jedenfalls tanzten sie, und meine Mutter dachte, meine Güte, einer mit »ki« hintendran und noch dazu mit dem Rhythmusgefühl einer Milchkuh. Mein Vater dachte nichts, weil er seine Schritte zählen mußte. Und später fragte er dann: »Fräulein Droste, darf ich Ihnen die Handtasche nach Hause tragen?« Er durfte. Und wahrscheinlich dachte meine Mutter: Wollen mal sehen, ob er wenigstens dazu zu gebrauchen ist.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .