Dieses Buch kann man nicht genug empfehlen. Wo auch immer Kinder von NS-Tätern eine Auseinandersetzung mit den Verbrechen ihrer Eltern versuchen, stoßen sie auf Schweigen. Viele sind deshalb hauptsächlich mit der Entwirrung des innerfamiliären Beziehungsgeflechts beschäftigt. Nicht selten verschwindet dabei die Auseinandersetzung mit den Verbrechen ihrer Vorfahren und der Versuch den NS-Opfern – soweit überhaupt möglich – Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Nicht so in dem neuen Buch von Beate Niemann. Die Autorin ist die Tochter des Berliner Kriminalpolizisten und späteren Gestapo-Chefs von Belgrad Bruno Sattler. 2005 hat sie die Ergebnisse ihrer Forschung zu den Verbrechen Ihres Vaters publiziert. Sie hat alle greifbaren Unterlagen ausgewertet, alle relevanten Archive besucht und die einschlägigen Experten befragt. Nicht zuletzt ist sie an viele Orte der Verbrechen ihres Vaters gereist und hat sich mit überlebenden Opfern getroffen.
Der 1898 geborene Sattler repräsentiert eine geradezu klassische nationalsozialistische Karriere. Er meldete sich im I. Weltkrieg freiwillig als Soldat, beendete die Schule erst nach 1918 und nahm als Mitglied des Freikorps „Brigade Ehrhardt“ am Kapp-Putsch teil. Nach einem abgebrochenen Studium und verschiedenen Jobs meldete er sich 1928 zur Kriminalpolizei und entschied sich später für die Gestapo. Zunächst war er lediglich für die Verfolgung von Sozialdemokraten und Kommunisten verantwortlich. Später entwickelte er sich zu einem Massenmörder mit Einsatzorten in der Sowjetunion, Jugoslawien und Ungarn.
Besonders lehrreich ist, dass seine 1942 geborene Tochter den Leser auch an ihrer Recherche und damit an ihrer Selbstaufklärung teilhaben lässt. Die längste Zeit ihres Lebens wurde sie nämlich von ihrer Familie aber auch von ihrer Umwelt über die Verbrechen ihres Vaters getäuscht. Dass Bruno Sattler 1947 von einem Spezialkommando aus West-Berlin entführt, in der DDR verurteilt wurde und DDR-Gefängnisse bis zu seinem Tod nicht mehr verließ, bestärkte Beate Niemann in der Annahme, er wäre unschuldig. Ihre Recherche begann sie um ihn zu rehabilitieren.
Mit jedem Fortschritt ihrer Recherche fiel die Autorin dann jedoch aus ihrer eigenen, bis dahin als wahr angesehenen, Geschichte heraus. Zu guter letzt erfuhr sie, dass ihre Mutter nicht – wie sie es selbst immer wieder erzählt hatte – die vormaligen jüdischen Besitzer ihres Geburtshauses gerettet hatte. Bruno Sattler und seine Gattin hatten im Gegenteil der jüdischen Familie das Haus unter Vorspiegelung eines Aufschubs der „Evakuierung“ zu einem Spottpreis abgepresst und unmittelbar nach Vertragsunterzeichnung dafür gesorgt, dass die Familie „in den Osten“ deportiert wurde.
Das Buch ist nicht nur eine exemplarische Täterbiographie. Es ist auch ein exemplarisch zu nennendes Stück Selbstaufklärung. Sie erzählt ihre eigene Geschichte und die ihres Vaters nicht um für sich selbst Aufmerksamkeit zu erlangen. Sie wirbt für den Ausbruch aus den Landschaften der Lüge. Sie glaubt, dass Täterkinder nicht dazu verdammt sind das Leben ihrer Eltern weiter zu leben.