Vivis Mutter ist vierzig und sieht aus wie 26. Ihre Fähigkeit, Männer um ihren Finger wickeln zu können, hat ihr bereits denn dritten Ehemann eingebracht. Vivis großer Bruder Johannes stammt aus der ersten Ehe, Vivi selbst aus der zweiten, dazwischen wechselten sich verschiedene "Onkel" in unterschiedlichen Abständen ab. Vivi hat zwar das mütterliche Aussehen, aber nicht die mütterliche Leichtlebigkeit geerbt und weiß nicht recht, wo sie auf der Welt steht, der große Bruder, der das familiäre Durcheinander verabscheut, ist zu einem, man kann es nicht anders nennen, pedantischen Langweiler geworden - alt geworden, ohne jung gewesen zu sein. Daß sein größtes Hobby seine Briefmarkensammlung ist, nimmt nicht wunder.
Als Vivis Mutter wieder heiratet, diesmal einen reichen Großhändler mit eigener Villa und eigenem Weinkeller, beginnen die Geschwister, ihr eigenes Leben zu führen: Johannes bringt das Geld ins Haus, Vivi macht den Haushalt. Eine Begegnung mit einer alten Freundin, die mittlerweile Schauspielerin am örtlichen Theater geworden ist, bringt Vivi zu Bekanntschaften aus Theaterkreisen. Als sie gerade zarte, aber ernste Bande zu dem Jurastudenten und Aushilfsstatisten Thorsten geknüpft hat, stellt sie fest, daß ihre unberechenbare Mutter die Geschäftsreise ihres Mannes ausnutzt und drauf und dran ist, eine Affäre mit dem größten Gigolo des Theaters zu beginnen. Es gelingt ihr, den Ehemann davon zu überzeugen, der Betreffende sei IHR Freund; unglücklicherweise gelingt es ihr auch, den schwer enttäuschten Thorsten davon zu überzeugen...
Abgesehen davon, daß die letzten Kapitel aufgesetzt wirken, so als ob die Geschichte zu kurz geraten war und verlängert werden mußte, und damit nicht ganz zum bisherigen Thema des Buches passen (vielleicht habe ich auch nur eine Bildungslücke, aber ich kann die Inszenierung von Ibsens Hedwig" nicht ohne weiteres auf die vorher erzählte Geschichte projizieren), finde ich persönlich, die Autorin begibt sich mit diesem Buch auf ein Feld, das ihr nicht besonders liegt. Obwohl ich das Buch jetzt schon mehrmals gelesen habe, vermag ich aber nicht zu sagen, warum ich das finde.
Die Sprache ist für BB relativ deutlich (es wird mehrmals das Wort "Sex" verwendet und offen darüber gesprochen, daß nichts dabei ist, wenn ein Kind sieben Monate nach der Eheschließung geboren wird: soviel Liberalismus ist bei BB nicht immer vorhanden gewesen - daß es ausgerechnet das Kind des kreuzbraven Johannes ist, "rettet" seinen Charakter aber nur unvollständig) - gravierende Zweifel habe ich aber daran, daß sich der Stoff für ein Jugendbuch eignet. Ich bin mittlerweile annähernd im Alter von Vivis Mutter und verstehe ungefähr, was diese Frau antreibt, aber vor zwanzig Jahren, soviel ist sicher, hätte ich das nicht verstanden.