Ein Mann und eine Frau schreiben sich über vier Jahre lang fast täglich Briefe oder Telegramme. Dabei schreibt die Frau öfter und mehr. Merkwürdig gerade, da wir wissen, dass der Mann der Dichter war.
Diese Briefe sind wie Tagebucheinträge. Aber sie sind nicht an sich selbst gerichtet, weil sie den Spiegel suchen, in dem sich jeder reflektiert. Wir lesen von den Selbstzweifeln und spüren darin die Suche nach Trost wie wir auch von den Erfolgen erfahren, um bei dem Anderen Anerkennung zu gewinnen.
Die Briefe enthalten oftmals Beschreibungen des trivialen Alltags: Einerseits eine Selbstvergewisserung zu den existenzieller Umständen des eigenen Daseins und andererseits der Versuch, durch Anteilnahme Nähe und Vertrauen zu erzeugen.
Sie unterzeichnen ihre Briefe mit ungewöhnlichen Signaturen, die die besondere Intimität offenbaren, ihre Rolle in der Beziehung bezeichnen und ihre Verletzlichkeit ausstellen - denn warum sonst sollte man von sich selbst in der 3. Person sprechen.
Und wenn man weiß, wer Anton Tschechow und Olga Knipper sind, dann sieht man auch die Leerstellen, wo sich beide fremd bleiben, heikle Themen umschiffen.
Zum Beispiel Mascha, die bei Tschechow auch nach der Heirat, immer präsent war, verlangte Olga Knipper viel ab. In ihren Briefen wird das fast nie deutlich. Mascha ist da als Selbstverständlichkeit einbezogen.
Obwohl der Briefwechsel für sich spricht, gibt gerade hier das Nachwort die entsprechenden Hintergrundinformationen zur besonderen Rolle von Tschechows Schwester Mascha als seine Haushälterin und Managerin - ein Arrangement, in das sich Olga Knipper nur widerstrebend fügte.
Aber schafft dieser Briefwechsel Verständnis, warum Tschechows Texte - auch 100 Jahre nach seinem Tod - so aktuell sind? Für mich erschloss sich das jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Etwas erkannte ich jedoch in mancher seiner Figuren wieder: die Scheu, vielleicht Angst oder gar Unfähigkeit vor dem Preisgeben der Gefühle gegenüber der geliebten Anderen.
Mit diesem Briefwechsel vermittelte der Herausgeber für mich aber in jedem Fall das Credo, das Tschechow Trepljow in "Der Möwe" sagen ließ:
"Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass es nicht auf alte und nicht auf neue Formen ankommt, sondern darauf, dass man schreibt, ohne an irgendwelche Formen zu denken, dass man schreibt, weil da etwas frei aus der Seele hervorströmt."
Christiane Peter