Aus der Amazon.de-Redaktion
Der junge Mann mit der Hornbrille und dem ironischen Gesichtsausdruck hat ein Buch geschrieben, das so erstaunlich (gut) ist, dass es gar nicht so einfach ist, auf Anhieb etwas Schlaues darüber zu sagen. Zum Glück ist das auch gar nicht nötig, denn das hat im Vorwort bereits Wladimir Kaminer erledigt, der neben seiner Tätigkeit als Berlinologe und Betreiber der
Russendisko in seiner Freizeit auch noch Jakob-Hein-Experte ist: "Jakob Hein ist ein Staubsauger. Konsequent und unermüdlich saugt er alles auf, was er um sich herum sieht, und verarbeitet die eigene und fremde Realität in akkurate, zweieinhalb Seiten lange Geschichten, die in einer angenehmen, leicht verständlichen Sprache verfasst sind."
Die Realität, die im vorliegendem Fall geschildert wird, ist die eines Jugendlichen im Ostdeutschland Erich Honeckers und erstreckt sich zeitlich von den späten 70ern -- als der achtjährige Jakob H. eine der kleinsten Untergrundzeitschriften der DDR herausgab -- über die Hein'sche Pubertät (die mit den mittleren 80er-Jahren zusammenfällt) bis hin zum Fall der Mauer. Unerschrocken werden wichtige Tabuthemen angesprochen (Westfernsehen, übellaunige Sportlehrer, Alkohol!), der sozialistische Arbeitsethos erläutert ("Los, schwing deinen Hintern hoch, ich möchte heute um halb zehn das erste Mal gekotzt haben!") und typische Adoleszenz-Dramen verhandelt (wie soll man sich zur Existenz von Poesiealben verhalten, wie gegenüber bescheuerten Mitschülern, deren Väter aber coole E-Gitarren besitzen?)
Was Florian Illies mit Generation Golf für die bundesrepublikanischen 80er-Jahre gelungen ist, hat Jakob Hein nun für das letzte Jahrzehnt im real existierenden Sozialismus vorgelegt: eine ironische Reminiszenz an eine (trotz allem) schöne Zeit der Unschuld namens Jugend. Scharf beobachtet und mit gekonnter Unbekümmertheit erzählt, bleibt Mein erstes T-Shirt dennoch fernab jeglicher Idylle: "Wenn Leute sagen, sie möchten nochmal 14 sein, dann kann man ihnen doch eigentlich genau das nur lebenslänglich wünschen. Bis in den Tod engstirnigen Lehrern ausgeliefert, Mitternacht zu Hause, kein eigenes Geld, ständig irgendwelche lächerlichen Moden mitmachen und dann trotzdem nicht an Jessica Drechsler rankommen." Das musste mal gesagt werden. --Axel Henrici
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
»Er hat als versierter Stolperer einen Sinn für Situationskomik und versteht es, im Alltäglichen die schrägen Momente zu entdecken.« Süddeutsche Zeitung
Kurzbeschreibung
Das Beispiel Jessica Drechser: Was hat sie, was andere nicht haben? Und wie gelangt man als schmalbrüstiger Komiker in den Besitz des Poesiealbums von Claudia Ross? Das Leben steckt voller Geheimnisse, und unser jugendlicher Held Jakob Hein macht sich daran, sie zu lüften. Er bietet jeder Herausforderung die Stirn, besäuft sich mit einem Getränk namens 'Grüne Wiese' und stellt sich tapfer den zersägten Schweinehälften im Fleischkombinat Berlin. Jakob Hein erzählt die tollsten Geschichten, ungeschminkt, schwärmerisch und gnadenlos witzig - von der mobilen Wahlurne bis zu den intimen Details seiner Jugend, wie dem ersten T-Shirt, das eigentlich ein Nicki war.
Umschlagtext
Fernsehuhren mit und ohne Striche, die erste Liebe, das erste T-Shirt - hintersinnig und witzig erzählt Jakob Hein von Jakob Hein, einem Jugendlichen im ganz normalen Wahnsinn der letzten DDR-Jahre.
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Über den Autor
Jakob Hein wurde 1971 in Leipzig geboren. 1977 hat er die ersten Geschichten geschrieben und seiner Mutter vorgelesen. Später entdeckte er die Möglichkeit, seine Geschichten auch anderen Leuten vorzulesen. Das macht er jetzt jeden Sonntag auf der Reformbühne "Heim und Welt" im Berliner "Kaffee Burger". Drei seiner Geschichten sind auch in Wladimir Kaminers "Frische Goldjungs" erschienen. In Wirklichkeit ist Jakob Hein Arzt an der Berliner Charité.
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"Es begann bei mir wie bei den meisten, es begann mit einer Gitarre. Christian aus meiner Klasse hatte im Keller eine E-Gitarre gefunden und mußte uns allen davon erzählen. Er war der Typ, der immer jedem etwas echt Wertvolles borgen oder etwas weniger Wertvolles schenken wollte. Seit dem Kindergarten hatte er nicht gelernt, daß man so keine Freunde gewinnen konnte.Jetzt glaubte er wieder einen Grund gefunden zu haben, uns in der Raucherecke zu belästigen. Eigentlich rauchte er auch und hatte immer Zigaretten dabei, aber ob man in der Raucherecke stehen durfte oder nicht, hatte ja nichts mit Rauchen zu tun. Sogar manche Mädchen durften dabeisein, wenn sie zum Beispiel schwarz gefärbte Haare hatten, total auf diesen ganzen Schönheitskult schissen und außerdem nicht gerade stockhäßlich waren. Jedenfalls kam Christian in die Raucherecke und tönte groß herum, er habe eine Stromgitarre von seinem Vater gefunden. Wir sagten, daß er sich verpissen so ll.Nach der Schule ging ich immer ein Stück gemeinsamen Weg mit ihm. Wenn niemand anders mit war, vor allem keins von den Mädchen, die sich total nicht für Jungs und den ganzen Scheiß interessierten, unterhielt ich mich dann auch mit Christian. Ich fragte ihn, was das mit der Gitarre heute denn eigentlich gesollt habe. Sofort fing er an, die Gitarre zu beschreiben und wie er die seinem "Alten" klauen könnte und daß er so was schon öfter gemacht hat usw. Er war wirklich nicht besonders cool. Dann sagte ich ein paar Sätze, die ganz klarmachten, daß ich mich total gut mit E-Gitarren auskannte. Ich flocht Worte wie "Stratocaster" und "Plektron" in meine Sätze und sagte zum Beispiel: "Hat das Gerät zwei oder drei Tonabnehmer?" "Du kennst dich ja gut mit den Dingern aus, fast so wie Florian", sagte Christian. "Flo!" Ich konnte nur lachen, "der kennt doch den Unterschied zwischen einer A-Saite und einer K-Saite nicht. Aber wenn du willst, kann ich mir das Teil ja mal anschaun." "Das hat mi r Florian auch schon angeboten." Flo, dieser alte Arsch! Wollte mir meine Gitarre wegnehmen, obwohl er noch nicht mal einen gemeinsamen Heimweg mit dem Loser hatte. Ich machte mir sofort Zeit und ging mit zu Christian nach Hause.Ich möchte über das Haus von ihm hier nichts Schlechtes sagen, in Kurzform: seine Eltern waren Zahnärzte. Sein Zimmer war dekoriert mit Plakaten von laschen Heavy-Metal-Kapellen, busenlosen Tittenmäuschen und schlecht angezogenen Popstars. Eigentlich war er ganz o. k., wenn man sich mal nicht so sicher war, dann mußte man nur Christian fragen, ob es ihm gefiel. Sein Geschmack war immer und mit Sicherheit out. Ich hatte Angst, wenn ich zu lange in seinem Zimmer sitzen würde, könnte ich mich an irgendeinen von den Gegenständen dort gewöhnen. Ich wollte sofort hinunter in den Keller.Es war der ordentlichste Keller, den ich je gesehen hatte. Es gab einen richtigen Fußboden und Licht. Die Decke war hoch, und alles war nicht nur aufgeräumt, sondern auch blütensaube r. Es gab einen Tisch mit einem Aschenbecher darauf, wo Christians Vater im Winter rauchen durfte, wenn es auf der Veranda zu kalt war. Christian holte die Gitarre aus einem Schrank hervor, anstatt sie aus irgendeinem Stapel alter Kisten zu zerren. Es war der gruseligste Keller, den ich je gesehen hatte. Die Gitarre war ein Traum! Drei Tonabnehmer und ungeheuer viele Schiebe- und Drehregler! Das Beste daran war, daß Klinkenbuchsen dran waren, ich also berechtigte Hoffnung hatte, Kabel und Stecker dafür zu bekommen. Denn daß es meine Gitarre war, daran gab es für mich keinen Zweifel mehr: Sie war schwarz und verchromt, war schwer und hatte einen Lederriemen ..."