Was macht ein Autor, der pausenlos auf Lesereise unterwegs ist und eigentlich gar keine Zeit hat, neue Bücher zu schreiben? Er schreibt darüber, was unterwegs passiert, was er beobachtet, erlebt. Bevorzugt aufgeschrieben im Zug natürlich oder in miefigen Provinzhotels. Benjamin von Stuckrad Barre hat das schon gemacht ("Livealbum"), Max Goldt hat's getan (z.B. "Die Kugeln in unseren Köpfen") und noch einige andere Berühmtheiten mehr, deren Werke ich noch nicht kenne.
Kaminer jedoch kann sich eine ganz besondere Sicht auf die Dinge leisten, denn er ist ja schließlich Russe, obwohl fast schon Deutscher aufgrund seiner Jahre in Berlin. Kaminers Sicht ist zwar tatsächlich anders aber so überraschend nun auch wieder nicht. Wie denn auch, er bereist schließlich die Provinz, und die Provinz hasst nichts mehr als Überraschungen und Ungewöhnliches.
Kaminer schreibt mit ähnlichem Blick auf die kleinen Dinge, genauso detailverliebt wie Goldt, mit liebenswürdigem Humor beleuchtet er die Gartenzwergidylle jener Städte, die mindestens zwei, oft aber drei Buchstaben auf dem Nummernschild haben oder nicht mal Kreisstadt sind. Bräsig-biedere deutsche Kleinbürgerei, liebenswert bis spießig. Wie Deutschland so ist? Oder besser: Wie Kaminer es findet? Nun, er weiß es selbst nicht. Denn Deutschland sei schließlich überall anders, sagt er. Damit hat er zwar auch wieder Recht - aber seinen Lesern kein bisschen geholfen.
Wie Goldt ist Kaminer ein echter rechter Schelm, und so kommt manche Schmunzelgeschichte beim Erzählen um die Ecke. Nett - aber keineswegs grandios, ein wenig verpennt, so wie die Orte, die er durchreist. Durchweg unspektakulär, runtergeschriebenes Sammelsurium, offenbare Willkür ("ich bin heute in Sonstwo-ingen oder Andersheim und muss noch meine Seite über diesen Ort im Hotel runterreißen, aber es ist schon 23 Uhr und mir fällt nichts ein.") Verzeihung Herr Kaminer, wenn ich Partei ergreife: Im Unter-die-Lupe-nehmen scheinbar belangloser bis skurriler Alltagsdetails ist Max Goldt einfach nicht zu schlagen ...