Es ist kein Geheimnis, dass Thomas Manns Verhältnis zur Musik nicht nur ein inniges und intensives, ein wie er selbst gesteht - Liebesverhältnis" war, sondern auch eines, das in wechselseitiger Beziehung zu seinem Werk stand. Umso interessanter mutet nun die neu als CD im Hörverlag veröffentlichte Aufnahme eines 1954, ein Jahr vor seinem Tod, von dem Autor selbst kommentierten Wunschkonzerts im Süddeutschen Rundfunk. Sie ermöglicht den Blick in die Schreibstube - in das Denken, Weben und Fühlen - des bedeutendsten deutschen Erzählers und mutet wie ein musikalisches Vermächtnis des 79-jährigen an die Nachwelt an.
Vom Dionysischen zum Apollinischen
Mit dem Vorspiel zum 1. Akt der Oper Lohengrin" führt uns der Dichter gleich in medias res zur Hauptinspirationsquelle seines Schaffens: Richard Wagner. Erinnerungen an die ersten Besuche des Lübecker Stadttheaters werden da wach, wo der junge Thomas Mann die ersten und unauslöschlichen Eindrücke vom Gralsmotiv empfangen hatte - die gleichen, welche später die Figur des kleinen Hanno in den Buddenbrooks" über die raue Wirklichkeit des Daseins hinwegheben: Es war über ihn gekommen mit seinen Weihen und Entzückungen, seinem heimlichen Erschauern und Erbeben, seine plötzlichem, innerlichem Schluchzen, seinem ganzen überschwänglichen und unersättlichen Rausche...". Schon Nietzsche hatte die opiatische, narkotische Wirkung" des Vorspiels in seiner dionysischen Gewalt erkannt, die Hannos Lebens- und Willenskraft - noch am Vorabend seines schulischen Versagens - untergraben. Wie zum Trotze beschwört Mann indes in Anlehnung an Richard Strauss das vollendete Formbewusstsein des Vorspiels, bevor er der Musik demütig weicht.
Ut musica poesis
Das pastorale Erlebnis, das Claude Debussys impressionistisches Prélude à l'après-midi d'un Faune" in Töne fasst, stand Pate bei Hans Castorps Traum im Kapitel Fülle des Wohllauts" aus dem Roman Der Zauberberg". Auch hier belebt die Musik in ihrer elektrisierenden und inspirierenden Wirkung das Seelenleben eines seiner Hauptprotagonisten, dem im Stumpfsinn und in der Eintönigkeit des Davoser Sanatoriums gefangenen Castorp, dem sich ein Grammophon als ein strömendes Füllhorn heitern und seelenschweren künstlerischen Genusses" erweist. Die Töne der völligen Selbstvergessenheit, der hohen Idylle in glänzender Natur und des absoluten Stillstands der Zeit verwandeln sich in Thomas Manns Prosa in Worte der Fülle des Wohllauts", die der Meister mit hörbarem Genuss und entzückter Stimme vorträgt, was zur Sternstunde der Kunst selbst gerät. Wenn der Roman eine Symphonie" (T. Mann) sein soll, werden aus Tönen Worte: Ut musica poesis.
Bekenntnis zur Romantik
Doch vor allem - damit keine Missverständnisse aufkommen - bekennt sich Thomas Mann explizit und unmissverständlich zur Romantik und dem deutschen Lied. Franz Schuberts Winterreise", der schönste" Zyklus, der von der unerwiderten Liebe eines einsamen und ausgestoßenen Träumer und Wanderer in einer von restaurativer Kälte geprägten Zeit handelt, liegt da nahe, ließen sich doch wohl auch hier viele Parallelen zu Thomas Manns Biographie herstellen. Spricht aus dem eher unscheinbaren Lied Nr. 17 Das Dorf" der verbitterte, rastlose und desillusionierte Flüchtling, dem kein Exil zur Heimat wurde?: Ich bin zu Ende mit allen Träumen. / Was will ich unter den Schläfern säumen?" Oder verklärt die Musik tatsächlich die tiefe Melancholie und Verzweiflung" (T. Mann)?
Auch Eichendorffs von Robert Schumann im Liederkreis vertontes Gedicht Zwielicht" gehört nicht unbedingt zu den berühmtesten, dennoch hat es sich einen Platz im Herzen des Zauberers errungen. Misstrauen, das Bewusstsein einer Übergangszeit, Bedrohung durch den Krieg prägen es. Doch wie sehr dem 79-jährigen Schriftsteller die Eichendorff'sche Dichtung der Leichtigkeit und Unbeschwertheit abgeht, verrät er - beinahe entrüstet und unwillig - im Nachsatz.
Huldigung der Schönheit und der Form
Ein wenig ironisch erscheint es, wenn Thomas Mann sein Wunschkonzert mit einer Ouvertüre, der Leonoren-Ouvertüre Beethovens, beschließt und sich mit ihr - ganz apollinisch - der erhabenen Humanität und Brüderlichkeit der Klassik zuwendet. Auch hier hat der Held seines Romans Dr. Faustus", Adrian Leverkühn, ein früh prägendes Fidelio-Erlebnis, das bei allen Bedenken gegen das einfach Gute und Schöne" die letzte - wie eine Apotheose aufsteigende - Botschaft des letzte Weisheiten berührenden Autors bleibt.
Thomas Mann - obwohl von Alter und Krankheit gezeichnet - versteht das Spiel von Offenlegung und Verschleierung, von asketischer Selbstbeschränkung und subtiler Verführungskunst einerseits und der großbürgerlichen Verantwortung des Dichterfürsten andererseits. So stellt das bewegende Dokument Thomas Manns Verhältnis zur Musik mikroskopisch und doch eindrucksvoll dar. Es offeriert mehr als nur einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt des Zauberers, sondern stellt ein Abbild von dessen tiefer Verwurzelung in der geliebten Welt der Töne dar. Für sein Verhältnis zur Musik gilt, was für alles galt, was er liebte: Sehnsucht ist darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit." Thomas Mann, Tonio Kröger")
Dem Hörverlag sei gedankt für das umfangreiche, informative, weitere Anregungen und Quellen aufgreifende Booklet sowie die Aktualisierung durch historische Aufnahmen (u.a. von Bruno Walter mit den Wiener Philharmonikern aus dem Jahre 1936) aus der privaten Plattensammlung von Thomas Mann.