Frau Jolig nimmt uns mit auf ihren 'Weg zum Herzkind', easy going wird versprochen!
Es ist ein Blick durch die herzchenförmigen Gläser einer rosa Brille. Viel Herz und ein wenig Schmerz. Auf den ersten 20 Seiten erfahren wir, wie Frau Jolig autobiografisch ihren Schmerz überwindet und ihr 'Seelenheil' (*19) findet, stellvertretend für viele ungewollt Kinderlose.
Der Schmerz der ungewollt elternlosen Kinder und der Schmerz von abgebenden Müttern/Eltern bleiben unerwähnt.
Die nächsten 138 Seiten widmen sich den üblichen Adoptionstipps für den strategischen Umgang mit Adoptionsvermittlungsstellen, danach werden nochmals 30 Seiten mit Links und Adressen angehängt. Das Buch ist eindeutig an den Träumen und Wünschen von Adoptionsbewerbern orientiert, die Bedürfnisse der Kinder werden nicht benannt.
Auf dem Trittbrett der Gleichstellung fordert sie, dass ''alle gleichbehandelt werden und sie eine Chance bekommen, gute Eltern zu werden.'(*36). Vom Gesetzgeber werden Toleranz und Großmut gefordert: Gleichgeschlechtliche oder unverheiratete Paare, auch Alleinerziehende sollen akzeptiert werden. Nur beim Kind werden keine Kompromisse gemacht: möglichst jung und gesund soll es sein, schon ein fehlender Finger oder eine Sehschwäche gehören zu einer '' leichten Behinderung' (*156). Wo bleibt hier die Chancengleichheit für die Kinder?
Die Entscheidung für ein Kind ergibt sich für Frau Jolig daraus, was die Annehmenden sich zutrauen(*155), was sie '' in der Lage sind zu leisten' (*156).
Kinder, die bereits einen schlechten Start ins Leben haben, sollten m.E. wenigstens die Option (Ad ' Option) haben, möglichst in einer normalen- sprich unauffälligen Familienkonstellation aufwachsen zu können und sich nicht selbstverständlich mit Patchwork, schwulen Eltern oder Single-Eltern auseinandersetzen müssen. Dass Patchwork-Familien, schwule Eltern und Alleinerziehende auch gute Eltern sind, möchte ich damit nicht in Zweifel ziehen, aber im Adoptionsbereich sollten sie Ausnahmen bleiben.
Die Wortwahl von Frau Jolig wirkt überwiegend emotional, pathetisch und spirituell: Adoption, Kinder und Eltern werden als Schicksal, Wunder, Wunschkind, Prinzessin, Herzkind, Herzmama, Herzpapa, Herzeltern, Seelenheil, Traum, Seelenfrieden', die Fachleute und das Adoptionsverfahren als Halbgötter in Weiß, steiniger Weg, Hürden, Kontrolle, Papierkram, Vollzug' beschrieben.
In den Hinweisen auf den Umgang mit Internet, Fertilitätskliniken und Vorbereitungskursen betont Frau Jolig immer wieder das Recht der Annehmenden auf Elternglück, während die Adoptionsgesetze doch dazu dienen, für Kinder in Not einen juristischen Kontext zu schaffen, diese Not zu beheben und eine Entscheidung zum Wohle des Kindes treffen zu können. Eltern in Not können aus diesem Gesetz kein Recht auf Elternwohl ableiten.
Frau Jolig weist wiederholt darauf hin, dass im Gesetz weder Alleinstehende ausgeschlossen sind, noch Altersgrenzen erwähnt werden. Schaut man sich die Adoptionszahlen in Deutschland an, so betrifft die überwiegende Zahl der Adoptionen (*23) Alleinstehende, die über eine Stiefkindadoption das Kind ihres Ehegatten adoptieren. Da die Adoptionsgesetze auf möglichst viele Kindeswohlentscheidungen anwendbar sein sollen, unterscheiden sie nicht zwischen Fremd- Stiefkind- und Verwandtenadoption. Auch wenn im Gesetz keine Zahl als Altersgrenze angegeben ist, so ist immer von einem zu erwartenden Elternkind-Verhältnis die Rede. Da auch Kinder in Not geraten, wenn sie dem Babyalter schon längst entwachsen sind, soll das Gesetz auch Adoptionsentscheidungen bis zur Volljährigkeit der Kinder möglich machen, wodurch sich auch das Alter der Annehmenden entsprechend erhöht.
Eine Adoptionsvermittlung ist immer eine Einzelfallprüfung und eine Entscheidung im Einzelfall.
Manche Recherchen von Frau Jolig sind leider fehlerhaft, besonders die Ausführungen zur Auslandsadoption: z.B. werden die Bewerbungsunterlagen von einer Auslandsvermittlungsstelle in der Regel frühestens nach einem ausführlichen Erstgespräch ' und nicht nach einer Email oder einem Telefonat 'verschickt; das 'Heimatjugendamt' bearbeitet nicht jede Auslandsadoption 'final' (*81); die Rolle der Landesjugendämter reduziert Frau Jolig fatalerweise auf eine Begleitung von 'privaten Adoptionen' (*83) ohne Vermittlungsstelle.
Auch das Jugendamt, von Frau Jolig 'Heimatjugendamt' genannt -womit sie vermutlich die örtliche Zuständigkeit meint-, spielt eine unbedeutende, eher unangenehme Rolle in ihrem herzigen Adoptionshilfe-Buch: Ein Paar führt eine Stunde lang ein 'interessantes Gespräch'(*65) mit einer Sozialarbeiterin, eine junge Frau ' ließ die Sozialarbeiterin in ihr Leben schauen' (*64) ansonsten stellt das Jugendamt viele ' 'bohrende Fragen'', wühlt im Innersten (*33).
Die Vorbereitungskurse, bei denen ein ''Elternführerschein'' gemacht werden kann, werden als ''Frechheit' (*85) empfunden! Von hilfreichen Gedankenanstößen und Beratung keine Spur.
Ihr Tipp für alle Wartenden im Umgang mit ihrem Jugendamt: nicht nerven, aber höflich und stetig dran bleiben! Dann kommt irgendwann der besondere Anruf ''wir würden es sehr begrüßen, wenn Sie seine Mutter würden.' (*64)
Selbst bei der Übermittlung des Kindervorschlags oder der Übergabe, wird die Beratung unterschlagen. Ich gehe mal davon aus, dass das 'Heimatjugendamt' von Frau Jolig, sie zu den Hintergründen der Adoptionsbedürftigkeit des Kindes fachlich beraten hat, sie es aber offensichtlich nicht erwähnenswert fand. Ihr Fokus ist sie selbst, ihr Herz, ihr Traum, ihr Seelenheil.
Auch die geschilderte Übergabe' (*126ff) mutet eher wie das Drehbuch einer Daily Soap: eine junge Frau und ihre Mutter treffen im Jugendamt eine andere junge Frau 'in Pepe Jeans- und deren Mutter. Eine Sozialarbeiterin ist dabei und nach einem kurzen Austausch schenkt die eine junge Frau der anderen ihr Baby, vorerst nur als Foto, und unter Tränen wird der Wechsel eines Kindes von einer Mutter zur anderen besiegelt. Das Jugendamt regelt die ''Fakten für die Abwicklung der Adoption'' (*127), von Beratung mal wieder keine Rede. Kein Hinweis darauf, dass es gute Gründe gibt, die dieses Treffen rechtfertigen.
Nach Frau Jolig reicht der Wunsch nach einem Herzkind als Voraussetzung zur Adoptionsentscheidung. Die Verantwortung der beteiligten Fachkräfte und Gerichte, für ein Kind eine Entscheidung mit einer solch elementaren- nicht nur juristischen-Tragweite bleibt unerwähnt, ist nervenaufreibender Vollzug, Papierkram.
Was werden wohl die Kinder ob dieser Beschreibung davon halten, dass Erwachsene einfach so über sie bestimmen, sie verschenken können und es offensichtlich reicht, dass die eine hat, was die andere sich schon lange wünscht- von Herzen natürlich!??
Frau Jolig schildert ihre Offene Adoption und den Kontakt zur leiblichen Mutter, ein guter Ansatz und für die Kinder absolut hilfreich für deren Identitätsfindung. Dazu passt jedoch das alte Sieges- und Besatzerritual der Umbenennung des Kindes nicht: 'Amadea, so habe ich mein Mädchen getauft'' (*128).
Die anschließende Adoptionspflegezeit wird nur als lästige Kontrolle gesehen 'Mutter auf Probe' (*131). Worte wie: -ungerecht, nervenaufreibend, durchleuchten, Hürde, Vormundschaft, einengende Regeln- also die übliche Wortwahl, mit der in Presse und Betroffenenliteratur die verantwortliche Aufgabe von Adoptionsentscheidern beschrieben wird.
Sogar die medizinische Untersuchung der Annehmenden in dieser Zeit wird als Affront gegen die Mütterlichkeit gesehen (*133). Dass in dieser Phase auch die Kinder auf Probe sind, medizinisch untersucht werden und bei entsprechenden Ergebnissen wieder zurückgegeben werden, wird verschwiegen.
Das ganze Buch ist sehr Frauen- bzw. Mütter-lastig. Die Männer, wenn sie überhaupt erwähnt werden, heißen 'Herzpapa'. Sie scheinen an dem Weg nicht wirklich beteiligt, nicht so richtig motiviert ' halbherzig eben! Manche wollen wohl eher ihre Frau glücklich machen, als Vater werden, andere kommen erst später dazu, als Lebensabschnittsgefährte, übernehmen nicht wirklich Verantwortung.
Schade, dass sich all die tapferen Adoptiv- und Pflegeeltern hier nicht wiederfinden werden, die sich täglich der Herausforderung stellen, den ihnen anvertrauten Kindern liebevoll zur Seite zu stehen, die aushalten, dass die Trauer und Sehnsucht ihrer Kinder nach der Herkunftsfamilie bleibt, dass die fehlende Zeit (es werden auch Kinder im Schulalter vermittelt) nicht aufzuholen ist.
Die Gefahr bei diesen Ratgebern von Betroffenen ist immer die Einseitigkeit. Der eigene Weg wird zum Maßstab für alle erklärt. Dabei sind die Wege und die Menschen, die diesen Weg der Adoption gehen, so verschieden wie die Kinder, die in Not sind.
Insgesamt kann das Buch in die Riga der Frauenbücher eingereiht werden, für Frauen, die noch etwas Stoff für ihre Träume nach einer kleinen Prinzessin in rosa Sommerkleidchen und mit niedlichen Zöpfen (*74) brauchen.
©marita oeming-schill
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