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am 31. Dezember 2000
Dass Blinde auf ihre Weise mehr sehen als andere, ist ein Klischee seit den Tagen Homers, des "blinden Sängers". Wer das Buch von S. Tenberken gelesen oder sie im Fernsehen erlebt hat, wird zugeben, dass es zumindest in ihrem Fall wirklich so ist. Nur wenige Sehende dürften wie sie den "Blick" haben für das Angemessene: das treffendste Argument im Konflikt, den brauchbarsten Mitarbeiter für eine bestimmte Aufgabe, den kürzesten Weg zum Herzen eines verstörten Kindes.
Vor allem aber ist es ein Buch über eine seltene Eigenschaft: Mut (ein Freund, der sie persönlich kennengelernt hat, nennt Sabriye "eine Heldin unserer Zeit"). Alleine nach Tibet gereist, trotzt sie allen Widrigkeiten, dem extremen Klima, dem Mißtrauen der Einheimischen, der Ignoranz der chinesischen Behörden und der mangelnden Unterstützung aus der Heimat, und hält fest an ihrem Ziel: einer Schule für blinde tibetische Kinder. Und läßt sich nicht verbiegen, sondern bleibt, wie sie ist: entschlossen und sensibel.
In einer Welt der banalen Ängste- Angststörungen sind inzwischen die häufigste psychiatrische Diagnose- in der viele den Kontakt zu ihrem Nachbarn fürchten und den Chatroom einem realen Ort der Begegnung vorziehen, ist dies auch ein Buch der Ermutigung: wer es liest, kann erfahren, wie die eigenen Ängste zu schrumpfen beginnen und mitten im grauen Alltag die Neugier erwacht auf die leuchtenden Farben des Lebens. Farben spielen eine große Rolle in diesem Buch einer Blinden, man lernt auch eine Menge darüber, wie sie die Welt wahrnimmt.
Anders als etwa die Berichte eitler Survival-Künstler, dient dieses Buch, obwohl es von extremen Erfahrungen handelt, nicht der Selbstbeweihräucherung. Es geht der Autorin nicht um ihre Person, sondern um ihre Sache: ihr Projekt in Tibet und ein tieferes Verständnis für die Weltsicht der Blinden. Und es gelingt ihr, uns die Augen zu öffnen.
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am 30. Oktober 2008
Das Buch erzählt von der blinden Sabriye Tenberken, die alleine nach Tibet reist um dort eine Schule für blinde Kinder einzurichten.
Wer hat schon den Mut, dieses waghalsige Abenteuer zu beginnen - noch dazu als Blinde?
Sabriye Tenberken hat den Mut und die Kraft und beschreibt in diesem Buch ihre abenteuerliche Geschichte auf ihre ganz besondere, unerschütterliche Art. Das Wohl der blinden Kinder steht dabei an erster Stelle. Ihr eigenes Schicksal rückt Sie völlig in den Hintergrund. Ein richtig schön geschriebenes Buch, das man schwer beiseite legen mag.
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am 17. August 2010
"Mein Weg führt nach Tibet" ist die Geschichte von Sabriye Tenberken, die eine Blindenschrift für Tibetisch entwickelt hat und nach Tibet aufgebrochen ist, um blinde Kinder zu unterrichten.

Die Taschenbuchausgabe ist 2004 bei Droemer/Knaur erschienen, die erste Auflage ist aber schon Ende der neunziger Jahre herausgekommen. Das Taschenbuch hat 271 Seiten. Die Autorin, Sabriye Tenberken, Jahrgang 1970, ist selbst blind, aber nicht von Geburt an. Als Kind konnte sie sehen, sie hatte sogar die besondere Fähigkeit Synästhesie, d. h. für sie hatte z. B. jede Zahl eine Farbe. Aber durch eine Augenkrankheit verschlechterte sich ihr Sehvermögen, bis sie völlig erblindete. Das Abitur gemacht hat sie an der Blindenstudienanstalt in Marburg, wo man heute sehr stolz auf sie ist, und dann Tibetologie studiert. Da bis dahin noch kein Blinder dieses Fach studiert hatte und es keine Blindenschrift für Tibetisch gab, hat Sabriye selbst eine entwickelt - und beschlossen, blinden Kindern in Tibet diese Schrift nahezubringen.

In Tibet waren blinde Kinder bis zu Sabriye Tenberkens Engagement die Pariahs der Gesellschaft, ausgestoßen, weil man der Meinung war, Blindheit sei eine Strafe für Verbrechen in früheren Leben! Diese menschenverachtende Einstellung ist leider nicht auf Tibet beschränkt, in Europa haben zumindest Esoteriker häufig ähnliche Ansichten - ich erinnere hier an den englischen Fußballtrainer Glenn Hoddle, der zurücktreten mußte, weil er gesagt hat, Behinderte hätten ihre Gebrechen selbst zu verantworten, da sie in früheren Leben gesündigt hätten. Auch in Deutschland gibt es prominente Vertreter dieses Weltbildes, z. B. den unvermeidlichen
Ruediger Dahlke, dessen übles Machwerk "Krankheit als Weg" hier auf Amazon überwiegend positive Rezensionen bekommen hat und der im Internet ähnlichen Unsinn von sich gibt wie Hoddle.

Ein weiterer tibetischer Aberglaube ist die Vorstellung, Blinde seien vom Teufel besessen! Die Konsequenz ist, daß blinde Kinder im schlimmsten Fall von ihren Eltern ausgesetzt werden.

Solche Auskünfte kratzen an dem romantischen Bild, das viele Leute - sicher auch dank der Begeisterung für den Dalai Lama - von Tibet haben. Sabriye Tenberken liebt Tibet, aber sie sieht auch die schlechten Seiten des Landes - darunter eben die Behandlung der Blinden. Sie ist also bei aller Liebe keiner naiven Schwärmerei verfallen.

Anders als Louis Braille hat Sabriye Tenberken das Glück, daß ihre Leistung noch zu ihren Lebzeiten Anerkennung gefunden hat - sehr viel Anerkennung sogar, denn sie hat eine ganze Reihe von Auszeichnungen erhalten. Vielleicht liegt es daran, daß Louis Brailles Erfindung sich erst gegen andere Blindenschriften durchsetzen mußte, während Sabriyes Schrift keine Konkurrenz hatte.

Zunächst wollte ich meinem Bericht eine andere Überschrift geben, nämlich "The world I live in". Das ist der Titel eines Werkes der taubblinden Amerikanerin Helen Keller, das ich (noch) nicht gelesen habe, in dem sie aber meines Wissens schildert, wie sie sich ohne die beiden wichtigen Sinne Gehör und Sehvermögen zurechtfindet. Ich wollte diesen Titel wählen, weil Sabriye sehr ausführlich schildert, wie sie sich orientieren oder das Verhalten ihrer Umgebung beurteilen kann, wie also ihre verbliebenen Sinne das verlorene Sehvermögen ersetzen und weil ich
bei der Schilderung sofort an das Werk von Helen Keller denken mußte, und weil ich diesen Teil ihres Buches sehr interessant fand - ausgerechnet den Teil, von dem die Autorin meinte, er sei sicher langweilig.

Verwirrend für einen Sehenden ist Sabriye Tenberkens Feststellung, ein Blinder sehe gar nichts, nicht einmal Dunkelheit. Das geht doch nicht, oder...? Wie auch immer, sie hat nach eigenen Angaben nicht das Gefühl, im Dunkeln zu leben, weil sie sich an soviel erinnert, vor allem an Farben.

Sabriye Tenberken beschreibt auch, wie Sehende sie oft behandeln - daß z. B., wenn sie in Begleitung unterwegs ist, die Begleitperson gefragt wird, was sie essen möchte oder ob die Schuhe passen - oder daß Leute sie auf der Straße ungefragt am Arm packen und irgendwo hinzerren. Ich erinnere mich, daß ich einmal in einem Kommunikationsratgeber (von Lillian Glass, habe das Buch hier auf Ciao verrissen) Tips für den Umgang mit Blinden entdeckt habe und die drei Grundregeln lauteten: Nicht ungefragt anfassen, nicht ziehen und nicht schieben. Das erschien mir selbstverständlich und denkbar banal - ich käme nie auf die Idee, einen Fremden einfach so anzufassen, schon gar nicht jemanden, der mich nicht sieht! -, aber anscheinend passiert Blinden so etwas wirklich (sorry, Dr. Glass - aber Ihr Buch ist trotzdem schlecht). An anderer Stelle schildert sie, wie sie (als sie noch nicht ganz erblindet war) eine "normale" Schule besuchte und eine doppelte Sonderbehandlung erfuhr - Mobbing von den Mitschülern, ein Mitleidsbonus von den Lehrern, letzterer oft verbunden mit Herablassung. Der Wechsel auf die Blindenschule, wo sie unter ihresgleichen war, bedeutete für sie eine Erlösung.

Abgesehen von diesen Ausführungen spielt Sabriyes eigene Blindheit nur noch eine Nebenrolle in ihrer Erzählung, man vergißt es beim Lesen beinahe. Für sie selbst ist ihre Blindheit offenbar keine große Sache, das Buch handelt von ihrer Arbeit, weshalb ich meinem Bericht dann auch eine andere Überschrift gegeben habe.

1997 ist Sabriye allein nach Tibet aufgebrochen, sie war 26. Man braucht kaum eigens zu erwähnen, daß ihr viele Leute ihren Plan ausreden wollten. Daß man es einer Blinden nicht zutraute, war ein Grund, ein anderer, daß die meisten Leute fanden, die Alphabetisierung blinder Kinder in Tibet sei etwas für Pädagogen und Spezialisten. Selbst das Rote Kreuz beschäftigt angeblich keine Behinderten, obwohl die doch am besten wissen müssen, was Menschen mit Behinderung brauchen. Der Ehrlichkeit halber muß ich sagen: Ich wäre auch skeptisch gewesen,
und ich kann verstehen, daß ihr Freund Christopher nicht seinen Job aufgeben wollte, um nach Tibet zu gehen!

Aber Sabriye hat sich nicht beirren lassen - eine wiederkehrende Aussage ist, daß sie kein Nein akzeptiert. Da fragt man sich doch, was für ein Mensch sie privat ist - sicher nicht ganz pflegeleicht! Ich möchte ihr nichts unterstellen, aber diese Vermutung liegt einfach nahe - und einmal gibt sie auch zu, daß es ihr Genugtuung verschafft hat, ihren immer gutgelaunten Freund Paul bis zu einem Wutanfall zu provozieren.

"Zielbewußt" und "zupackend" waren die Adjektive, die mir bei Sabriyes Beschreibung immer wieder in den Sinn gekommen sind, obwohl diese Worte eigentlich zu schwach sind. Man erlebt jemanden, der sich nicht unterkriegen läßt, auch nicht von solchen Kleinigkeiten wie einer sehr schweren Sprache, einer höchst anstrengenden Reise auf dem Rücken teils schwieriger Pferde, Höhenkrankheit, tibetanischen Delikatessen wie Tee mit gesalzener Butter, primitivsten Unterkünften und ungebetenen Gästen wie Ratten usw. Wenn man von diesen Strapazen liest, die Sabriye Tenberken ziemlich ungerührt schildert, wundert es einen nicht mehr, daß mahnende Worte sie nicht abgeschreckt haben. Sogar Lhasa, eine vergleichsweise zivilisierte Stadt, von deren Modernität Sabriye anfangs überrascht ist, hat ihre Tücken - ganz zu schweigen vom harten Winter...

Nicht zuletzt wird sie Zeugin von sehr viel Elend - den jämmerlichen Lebensumständen vieler blinder Kinder. Abgesehen von der "Schande" des Blindseins hausen die meisten in bitterer Armut, einige haben nicht einmal laufen gelernt oder sind in einen Zustand der Lethargie verfallen und vegetieren vor sich hin. Aber bei Sabriyes Bericht hat man das Gefühl, als sei der ständige Kampf mit Behörden das größte Hindernis gewesen - wen wundert's?
Natürlich war / ist Sabriye nicht allein, sie hatte eine Menge Unterstützung - von Einheimischen, ihren Eltern und vor allem von einem "Gleichgesinnten", namens Paul, der eine verwandte Seele zu sein scheint. Und oft genug hatte sie auch einfach Glück - das gehört eben auch dazu.

Der Großteil des Buches handelt von Sabriyes Arbeit mit den blinden Kindern, vor allem von dem kleinen Jungen Tashi, der auch erhebliche psychische Probleme hat und erst nach und nach aus sich herauskommt. Als regelmäßiges Ärgernis beschreibt Sabriye Tenberken Europäer, die sich ihr aufdrängen und in ihrer Schule arbeiten wollen, aber eine gönnerhafte Einstellung haben - sowohl gegenüber Blinden als auch gegenüber Tibetern - und gegenüber blinden Tibetern wohl erst recht! Man versteht Sabriyes Groll, vor allem bei der Begegnung mit dem Psychotherapeuten Kurt, der offenbar selber nicht richtig tickt.

Sabriye kritisiert auch Leute, die nach Tibet kommen und den Einheimischen ihre eigene Lebensweise aufzwingen wollen, ohne Verständnis für die tibetische Kultur zu zeigen. Aber Sabriye ist ja selbst aus idealistischen Beweggründen nach Tibet gegangen - und der Respekt für fremde Kulturen, der in Deutschland so hoch im Kurs steht, ist manchmal eine ganz schön heikle Sache. Wahrscheinlich würden viele tolerante Zeitgenossen auch die unselige Tradition "respektieren", Blinde als Menschen zweiter Klasse zu behandeln - mit dem Kommentar: "Das ist eben ihre Kultur!" Aber das zu diskutieren, würde den Rahmen eines Buchberichtes sprengen. Sabriye selbst scheint den schwierigen Balanceakt - Respekt für die Eigenheiten eines Landes und gleichzeitige Arbeit an unerträglichen Mißständen - sehr gut zu bewältigen.

Sabriye erlebt auch herbe Enttäuschungen - sie wird hereingelegt und betrogen, sie bekommt mit aufdringlichen Reportern auf der Jagd nach Sensationen zu tun, es gibt ein Drama, als sie aus Tibet ausgewiesen werden soll und vieles mehr - vor allem das Ringen mit Bürokraten und Organisationen nimmt kein Ende, aber die energische Sabriye findet eine radikale Lösung für dieses Problem, und danach wird alles besser. Das Buch endet mit einem optimistischen Epilog, in dem Sabriye eine positive Bilanz ihrer Arbeit zieht.

Über die Privatperson Sabriye Tenberken erfährt man ziemlich wenig. Sie erzählt nicht, wie sie ihrem Freund Christopher (den sie nur anfangs kurz erwähnt) erklärt hat, daß sie sich in Paul verliebt hat. Sie schweigt sich auch darüber aus, ob sie ihr Studium abgeschlossen hat... Aber das ist ihr gutes Recht, der Leser muß ja nicht alles wissen. "Mein Weg führt nach Tibet" ist ein spannender Bericht über ein außergewöhnliches Leben und auf jeden Fall lesenswert. Ich hatte das Buch nach zwei Tagen durch und kann es nur empfehlen. 5 Sterne!

P.S.: Über Sabriye und ihre Arbeit gibt es auch einen Film namens "Blindsight", den ich nicht gesehen habe. Von und über Sabriye gibt es mittlerweile soviel Material, daß ich den Überblick verloren habe, und ab und zu sehe ich die Gefahr einer Sabriye-Inflation - der einzige kleine eventuelle Nachteil, der aber nichts mit der Qualität dieses Buches zu tun hat. Vielleicht besteht auch das Risiko, daß Nichtbehinderte nach diesem und ähnlichen Büchern zuviel erwarten - vielleicht ist manch ein Sehender enttäuscht, wenn er einen "ganz normalen" Blinden kennenlernt und feststellt, daß es sich mehr oder weniger um einen Durchschnittsmenschen handelt. Aber auch das macht dieses Buch nicht schlechter, daher 5 Sterne.
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am 17. September 2010
Mein Weg führt nach Tibet: Die blinden Kinder von Lhasa ist eines der interessantesten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

Ursprünglich gekauft um es als Vorbereitung für eine Nepal/Tibetreise zu nutzen, doch mittlerweile 4x gekauft, um es zu verschenken.

Unbegreiflich, wie eine junge blinde Frau sich allein auf den Weg macht, um, allen Widrigkeiten zum Trotz, in Tibet blinde Kinder aufzuspüren und ihnen einen Ausweg aus ihrer "Verdammung" aufzuzeigen. Verdammung deswegen, da in Tibet Blindheit als eine Strafe für Verfehlungen in einem früheren Leben angesehen wird.

Beklemmend war für mich das Verhalten des ersten deutschen Trägervereins. Weltfremde Eitelkeiten verhinderten nicht nur ein effektives Arbeiten, sondern warfen Sabriye auch noch Knüppel zwischen die Beine und sabotierten letztendlich weitere Fördergelder der Bundesregierung.

Aus leidvoller Erfahrung spende ich nichts mehr an Organisationen, aber hier melde ich mich sofort für den Trägerverein an.

Wer an dem Buch interessiert ist und mehr Hintergrundinformationen haben will, der sollte sich unter [...] die Rechenschaftsberichte ansehen.

Dort wird am besten dokumentiert, wie erfolgreich Sabriye und Paul arbeiten und wie problematisch und zeitaufwändig auch heute noch die Geldbeschaffung ist, zumal man, um vom Druck der Bürokratie unabhängig zu sein, keine Fördermittel mehr beantragt.
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am 15. August 2012
Sabriye Tenberken beschließt nach ihrem Studium nach Tibet zu reisen und dort eine Blindenschule für Kinder zu eröffnen. Freunde und Familie sind entsetzt, immerhin ist Sabriye selbst blind und nach Meinung anderer doch hoffnungslos verloren und ausgeliefert in diesem fremden Land. Trotzdem hält sie an ihrem Entschluss fest und lässt sich nicht unterkriegen. Mit Hilfe einiger neuer Freunde schafft sie es Dörfer zu bereisen und nach potenziellen ersten Schülern zu suchen, die teilweise unter furchtbaren Verhältnissen aufgewachsen sind. Aller Anfang ist schwierig, eine Schule muss her, Unterrichtsmaterial und Spendengelder reichen auch nur gerade mal so eben über die Runden. Sabriye muss sich mit Ämtern abplagen, Lehrer verschwinden nach kurzer Zeit und die Schüler tanzen ihr auf der Nase herum. Trotzdem gibt sie nicht auf und macht weiter. Es lohnt sich. Mithilfe ihres Freundes Paul, der ihr zur Seite steht, gelingt es Sabriye etwas aufzubauen, was vor ihr kaum jemand geschafft hat...

Das Cover finde ich passend und einfach gehalten. Mir haben auch die Fotos in der Mitte des Buches sehr gut gefallen. Man konnte sich ein wenig ein Bild von der Gegend in und um Lhasa machen und auch Bilder einiger Blindenschüler von Sabriye sehen. Im Umschlag kann man zusätzlich ein wenig über Sabriyes Werdegang nachlesen.

Der Erzählstil ist wie so oft bei Biografien aus der Ich-Perspektive. Mich hat es am Anfang nur etwas verwirrt, dass die Geschichte mitten in der Handlung beginnt und später erst zu ihren Anfängen zurückkehrt. Besonders unterhaltsam sind die abenteuerlichen Reisen die Sabriye nach Tibet unternommen hat und was sie dort erlebte. Und das als Blinde, allein! Man lernt viel über blinde Menschen, wie sie die Welt sehen und wie Blinde in Tibet mit dem Alltagsleben klarkommen müssen.

Mir hat die Biografie ziemlich gut gefallen. Die Erwachsenen sind größtenteils sehr sympathisch und die Kinder wachsen einem sofort ins Herz. Zwischendurch gibt es immer wieder amüsante Anekdoten. Es ist gut nachzuvollziehen, wie Sabriye sich durchkämpfen musste um von ihren Mitmenschen ernst genommen zu werden. Ich bin schon sehr gespannt darauf, wie es im zweiten Teil ('Das siebte Jahr') weitergeht.
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am 6. Mai 2012
Da wagt es doch wirklich einer, nur 4 Sterne für ein Buch über so ein super Projekt zu verteilen. Ja, denn hier soll nicht das Projekt von Sabriye Tenberken bewertet werden, welches 7 von 5 möglichen Sternen verdient hätte, sondern das Buch. Und für mich als Europäer beteuten 5 Sterne nach wie vor "herausragend" und 4 Sterne "überdurchschnittlich".

In "Mein Weg führt nach Tibet" beschreibt Sabriye wie es überhaupt zu diesem Projekt gekommen ist, wie es gestartet wurde und in den ersten Jahren lief. Es zeigt auch ein paar wenige Vorurteile, die wir Sehenden häufig gegenüber Blinden (und generell Andersartigen) hegen, wie wir mit diesen Menchen teilweise umgehen und wie diese Menschen unsere oft gut gemeinten, aber falsch ausgeführten Handlungen zu spüren bekommen. Es wird uns aber keinesfalls der Spiegel vorgehalten; taktvoll belässt es Sabriye bei ein paar kleinen Episoden, völlig ohne anzuklagen. Man spürt sehr stark, dass es ihr um was ganz anderes geht; kein Sebstmitleid, kein Mitleid erwecken, kein Hilferuf und keine Anschuldigungen. Es handelt sich um ein sehr sehr positives Buch: Möglichkeiten wahrnehmen, das Beste aus Situationen machen, Selbsthilfe, nicht aufgeben; kurz: vorwärts schauen und positiv denken. Aber es erwähnt auch die Tiefen und dunkleren Momente auf diesem steinigen Weg. Sehr schön auch die Beschreibungen von Land, Leuten und Lebensbedingungen.

Ich hatte die Ehre, 2011 das Blindenzentrum in Lhasa kurz zu besuchen und Paul Kronenberg persönlich kennen zu lernen und 2012 eine Veranstaltung von Braille Without Borders Foundation Switzerland zu besuchen, bei der Sabriye und Paul ebenfalls anwesend waren. Das Buch gibt einen guten Einblick in den Start dieses absolut unterstützenswerten Projektes.
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am 12. März 2001
Eine fast unglaubliche aber wahre Abenteuergeschichte aus dem heutigen Tibet! Geschrieben wurde das Buch aus einer ungewöhnlichen Sicht von einer jungen Frau, die sachlich, interessant, spannend und mit viel Humor berichten kann. Lassen Sie sich von Sabriye Tenberken in ihre Welt entführen und erleben Sie, wie sie gegen alle Widerstände ihre Sache, die Gründung einer Blindenschule in Tibet, mit ganzem Herzen verfolgt. Obwohl sie nur auf einer Seite des Buches ganz versteckt der Liebe Platz einräumt, erzählt sie damit doch mehr davon als andere in einem ganzen Roman. Ein Buch, das Mut macht! Sehr empfehlenswert!
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am 22. September 2011
Ich habe dieses Buch eigentlich ursprünglich als Geschenk für eine gute Freundin gekauft.
Ich war aber recht schnell selbst total von diesem Buch begeistert.
Ich bin selbst blind und finde die Selbstdarstellungen in diesem Buch großartig.
Die Autorin schafft es mit einer erfrischenden Ehrlichkeit ihre Erlebnisse aus ihrer Sicht zu erzählen.
Kann dieses Buch nur jedem der gerne einen realistischen Einblick in die Welt
eines blinden Menschen und deren Grenzen bzw. Möglichkeiten
möchte nur wärmstens ans Herz legen. Die Ehrlichkeit ist sehr erfrischend.
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am 1. März 2009
Nein, tiefe Einblicke in ihr Seelenleben gibt uns die Autorin nicht wirklich. Da ist viel von Enttäuschungen, Ärger, Zorn zu spüren. Aber wo ist die andere Seite an ihr? Freude, Genugtuung, Triumph, Liebe, diese scheint sie für sich zu behalten. Das Recht dazu hat sie, aber man vermisst es doch, denn die Erfolge, die sie auf der menschlichen und sehr persönlichen Ebene erzielt hat, haben ihr geholfen, ihr Projekt den blinden Kindern in Tibet zu helfen, weiter voranzutreiben, trotz all der Widrigkeiten. Ein nüchterner, sachlicher Bericht, aber es fehlen die großen sie selber erheiternden Gefühle.
Ihre wirklichen Beweggründe können nicht einfach nur Ehrgeiz gewesen sein oder eine Art steriler Idealismus, der nur auf die Erfüllung der eigenen Vorgaben aus ist. Was also treibt diese Frau an? Weiß sie es etwa selber nicht? Dazu ist sie zu feinfühlig, zu nachdenklich, meint man, dass sie nichts davon weiß oder wissen will. Warum tut sie das alles, Philanthropie? Weil sie neugierig ist wie die Wasserwand, die am Strand auf sie zurollt, von ihr empfunden wird, wie sie es selber ausdrückt? Dann scheint diese sie noch nicht ganz erfasst zu haben.
Insoweit lässt das Buch Fragen offen.
Das ändert aber nichts daran, dass es eine sehr empfehlenswerte Lektüre ist. Man erhält nebenbei Einblick in das Seelenleben eines Blinden. Der Hauptteil ist aber dem Projekt der Etablierung einer Blindenschule in Lhasa gewidmet. Man ahnt es, noch bevor man die erste Seite aufschlägt, dass es da schier unüberwindliche Schwierigkeiten geben muss, für eine Frau, die ihre Idee dadurch umsetzt, dass sie selber eine tibetische Blindenschrift entwickelt, nachdem sie damit angefangen hat tibetisch und chinesisch zu lernen; dann alleine nach China und Tibet reist und alles weitere in ihre Hände nimmt. Es ist eine Schande, dass ihre Hauptschwierigkeiten bei der Inkompetenz und, noch schlimmer, bei der Missgunst deutscher Sesselbürokraten lagen. Doch diese führten dazu, dass sie ihr Projekt gänzlich privatisierte, auch wenn das bedeutete, noch mehr persönliche Opfer zu erbringen.
Was diese Frau geleistet hat, ist mehr als nur ein großartiges Beispiel für Blinde oder ganz allgemein für Behinderte zu setzen, was man alles leisten kann, wenn man nur will. Wir, die wir sehen, könnten geradezu beschämt sein, wenn wir an unsere Sorgen und Verzagtheiten denken, wenn wir unsere bequemen Ausreden und feigen Vorwände vorschieben, warum wir irgendetwas nicht tun oder doch nicht in Angriff nehmen wollen.
Nyeng dscheh! Mehr als rührend! Über Tibet, das Land, die Leute erfährt man auch einiges, aber das war nicht das Anliegen der Autorin, obwohl sie ursprünglich doch nur Tibetologie studieren wollte. Von Religion erfährt man nahezu nichts, dafür viel von der Rückständigkeit Tibets. Das hat seinen Grund. Für Religionsfreaks hat sie nämlich nichts übrig. Blinde wollen sich nicht auch noch die restlichen Sinne verdunkeln lassen? Andere Westler und Touristen beschreibt sie etwas unbarmherzig, dafür spöttelnd und wohl leider trefflich so: "Da gibt es die Friedenskämpfer und Tibeteuphoriker, die mit gesenkter Stimme und geschwelter Brust von ihren Begegnungen mit chinesischen Spitzeln und verfolgten Tibetern prahlen. Da gibt es die neubekehrten Buddhisten, die wohl kurz vor ihrer Erleuchtung stehen und sich berufen fühlen, das Heil der Welt zu befördern, weil sie gerade von einem Lama gesegnet worden waren. Und dann gibt es Reisende, die alles nur great und wonderful finden, oder auch solche, die sich über alles beschweren."

Die gleichen Beobachtungen habe ich auch gemacht. Solchen Leuten möchte man entgegenschmetterten: "Kha tsum!"
Anscheinend ist es so, dass das Vermögen "sehen" zu können, nicht vor Blindheit schützen kann. "Tatsächlich aber können die anderen Sinne weitgehend kompensieren, was das Auge nicht mehr wahrnimmt!"

Und vielen war das Blindenprojekt zu unpolitisch, dazu musste die Autorin Kommentare hören wie: "Jede Mark, die wir dorthin schicken, landet doch in Wirklichkeit bei den Chinesen und schadet dem Kampf für die Unabhängigkeit Tibets!"
Ihre politischen Kommentare beziehen sich mehr auf den Verdacht er Inkompetenz der Helfer, weil sie ein Helfersyndrom haben. "Ich hatte so meine Erfahrungen mit Helfersyndromen. Da kommt eine Hand aus dem Nichts und schiebt mich über die Straße, ohne zu fragen, ob ich überhaupt über die Straße will. Tun wir Westler in Tibet nicht manchmal das Gleiche? Wir kommen aus einer völlig anderen Welt hierher und sagen den Menschen, wo es lang geht?"
Amüsant wie Tenberken der Arroganz der studierten Pädagogen begegnet, die ihre Arbeit belächeln und geringschätzen, weil sie ja nicht vom Fach war. Als ob visuelle Blindheit kognitive Dummheit bedeutet. Auf den Universitäten reichert man Wissen an, klüger wird man dabei nicht unbedingt!
Geradezu traumatisch sind die Erfahrungen der Autorin mit der deutschen Bürokratie. Ihr wird eine Neiderin vorgesetzt, die nichts von Tibet versteht, "keinerlei praktische Erfahrung in der Entwicklungsarbeit und besaß nicht einmal die Kultur- und Landeskenntnis, die bei einem Projektaufbau in der Autonomen Region Tibet unabdinglich ist."
Ja, es ist schon schwer verkraftbar, dass eine Blinde tüchtiger ist wie man selber! "Heute glaube ich, der Vereinsvorsitzenden missfiel die Selbständigkeit des Projektes und seiner Mitarbeiter vor Ort. Womöglich fühlte sie sich nicht genügend in den Projektverlauf einbezogen und versuchte nun durch Verdrehungen und Verfälschungen ihre eigene Position zu stärken."
Nein, Missgunst und Neid sind die Hauptursachen, wie jeder weiß, der schon mal fachlich minderbemittelte Vorgesetzte hatte, die ihre Macht missbraucht haben, um den Könnern eins auszuwischen. Tenberken erging es nicht anders. Gegen das hierarchische System in der Verwaltung kommt man nicht an, wenn nicht an den entscheidenden Stellen die richtigen Leute sitzen. Und eine Krähe hackt der anderen...
Noch geschwind ein Lob an die Medien, denn "Durch zahlreiche Medienberichte in Europa und Asien ist das Projekt bekannt geworden, Schulen, Clubs, viele private Spender und Organisationen haben uns geholfen, aus einer kleinen Initiative eine feste und gesicherte Einrichtung zu schaffen."
Wer nur etwas über Tibet lesen will, weil er zu den "Tibetbegeisterten" und "Meditationsversessenen" gehört, wird in dem Buch nicht das finden, was er sucht, dafür mehr. Jeder wird hinterher schlauer sein als vorher, hoffe ich! Befürchte ich?
Seit Tenberken können die Blinden in den Blindenschulen sagen: "I BIG happy!"
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am 3. November 2013
Sabriye Tenberken war damals, um die Jahrtausendwende, quasi eine Berühmtheit in der Marburger Blindenstudienanstalt, von Insidern "Blista" genannt, wo sie vor über 20 Jahren ihr Abitur gemacht hat. Man machte viel Aufhebens von ihr, und dann kam sie auch noch zusammen mit den tibetischen Lehrern an unsere Schule, damit die Tibeter in Mobilitätstraining ausgebildet würden. Schon vorher erzählten uns die Lehrer davon, wie toll und großartig Sabriye Tenberken schon als Schülerin gewesen sei, und ein Lehrer, der besonders vernarrt in sie war, machte uns sogar über die Rundsprechanlage darauf aufmerksam, wenn sie im Fernsehn zu sehen war. Um ehrlich zu sein ging mir der ganzeRummel um Sabriye auf die Nerven, und mir schien es auch, dass ihre Leistung keinerlei Verbindung zu mir hatte. Entwicklungshilfe war, ehrlich gesagt, nie mein Ding, ich fand damals auch ihre Haltung nach dem Motto "Ich bin blind - na und?", ihr Habitus zu demonstrativ. Sabriye erschien mir als eine Art "superkrüppel" (Zitat der Gehörlosen Bonnie Poitras). Heute, nach einigen Jahren in einer ausschließlich normalsehenden Umwelt, sehe ich die Dinge, glaube ich, etwas anders und ziehe den Hut vor dieser Frau, denn gerade als selbst blinde weiß ich, wieviel Mut dazugehört, sich aller teils besorgten, teils oberlehrerhaften Ermahnungen zum Trotz in ein (das muss man politisch unkorrekterweise so sagen) unterentwickeltes Land zu begeben, sich dort, wo die Wege selbst in der verhältnismäßig kultivierten Hauptstadt realeGefahren bergen (z. B. ungesicherte Baustellen), als Blinder allein fortzubewegen, geschweige denn etwas auf die Beine zu stellen. An der Blista sagte man oft "Ja, sie hat ja auch Hilfe gehabt, allein hätte sie das bestimmt nicht geschafft". Nun, diese Hilfe war nicht abzusehen, Sabriye war ohne einen Schlachtplan nach Tibet gereist, theoretisch hätte sie genauso gut Pech haben können. Eine gewisse Risikofreudigkeit kann man ihr daher nicht absprechen.

Und Widerstandskraft auch nicht. Ihre Geschichte liest sich wie ein Hindernislauf, Sabriye strauchelt, stolpert und fällt - etwa, als die dann ins Leben gerufene Blindenschule vom Leiter eines Waisenheims, der für dieses Projekt einige seiner Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hat, von jetzt auf gleich ausquartiert wird -, sie macht Erfahrungen mit betrügerischen Helfern und inkompetenten Bürokraten, doch radikal und entschlossen findet sie eine eigene Lösung, und schließlich hatte sie Erfolg. Das Projekt besteht weiterhin und hat sich inzwischen ausgeweitet, neben einer Blindenschule gibt es mittlerweile ein Berufsbildungszentrum für Blinde, aber das ist Thema eines späteren Buches. Sabriyes Fähigkeit, sich nach Rückschlägen wieder aufzurappeln, ist eine Art Leitmotiv dieses Buches und eine bewundernswerte Eigenschaft.

Die Geschichte wird anschaulich, mit Humor und auch scharfzüngig erzählt. Eine Hauptrolle spielt die blindenspezifische und sabriyes individuelle Wahrnehmung. Ein ganzes Kapitel befasst sich mit dem Thema. Das fand ich bei meiner ersten Lektüre ermüdend, Sabriye zieht es sehr intellektuell auf. Aber alles darin trifft meiner Erfahrung nach zu, und für interessierte normalsehende Leser sind das ja tatsächlich neue und aufregende Informationen, die in einem Buch, das dezidiert von Blinden handelt, wohl ihren Platz haben. Die ersten Schüler der neugegründeten Schule stellen eine repräsentative Auswahl von Blinden dar: Da gibt es den selbstbewussten und unabhängigen Tendsin und andererseits den in sich gekehrten Tashi, der nicht gelernt hat, allein zur Toilette zu gehen, und der zuweilen in die Hose macht. Zugegeben habe ich solche extremen Fälle von Unselbstständigkeit nicht erlebt, aber im Ganzen deckt das gut die verschiedenen Typen Blinder ab, denen man an Blindenschulen begegnet. Quasi das Anschauungsmaterial zu den theoretischen Darlegungen.

Wie Sabriye sich selbst im Buch darstellt, kann ich wohl schlecht beurteilen, da ich sie schon vorherig Interviews und einmal sogar live erlebt habe. Bei dieser Gelegenheit demonstrierte sie uns übrigens auch das tibetische Buchstabier- bzw. Diktierverfahren, das war sehr eindrücklich. Sabriye wirkte auf mich selbstsicher, aber eben auch teilweise überdreht und etwas zu forsch. In ihrem Buch wirkt sie aber, obwohl sie nicht ihre Seele vor uns entblößt, überhaupt nicht unnahbar. Sie gibt ihre Stimmungen authentisch wieder, erzählt von traumatischen Kindheitserfahrungen, als ihr Sehvermögen sich verschlechterte (die für ihre Argumentation eine große Rolle spielen), und sie verrät, wie und wann sie und Paul ein Paar wurden. Ihr Studium hat sie übrigens nicht abgeschlossen, sagt sie bei Quarks & Co.

Befremdlich finde ich allerdings ihr Motiv. Sie ging anscheinend nicht aus Idealismus, sondern aus Abenteuerlust nach Tibet, bzw. war dieses konkrete Projekt eher eine zufällige Wahl: Andere haben sie, wie sie hier erzählt, auf die Idee gebracht, die von ihr entwickelte Blindenschrift - übrigens, kein Mensch sagt "Brailleschrift"! - zu verbreiten. Allgemein erklärt sie in Interviews und auch im Fortsetzungsbuch, sie habe raus und etwas erleben wollen. Tibet, ein exotisches Land, in dem die Blinden vernachlässigt wurden, sei ihr da gerade recht gekommen. Das ernüchtert einen, wenn man dachte, Entwicklungshelfer nähmen rein aus Mitgefühl und Helfersyndrom die Strapazen auf sich. Am Ergebnis ändert das freilich nichts, und Sabriye wirkt durchaus einfühlsam und, vor allem in ihrem Folgebuch, verantwortungsbewusst den Kindern gegenüber. Zudem zeigt ja Sabriye deutlich, wenn nicht überdeutlich, die Unproduktivität von Mitleid und Helfersyndromen auf.

Fazit: Ein schwungvoll und anschaulich geschriebenes Buch, das eigentlich alles bietet, was das Herz begehrt: Eine Visionärin, die sich gegen Mahner, Betrüger und impotente Wichtigtuer durchsetzen muss, Einblicke in die Welt einer Gruppe, die für Ottonormalverbraucher im Alltag keine Rolle spielt, abenteuerliche Reisen durch gefährliches Gebiet und Eindrücke von einem fremden Land. Und Sabriye präsentiert dieses glorreiche Paket ohne jede Selbstgefälligkeit, sie fordert zuweilen zum Widerspruch heraus und nimmt das um der Wahrheit willen in Kauf; so jedenfalls mein Eindruck. Das macht sie nur nahbarer, und so jemandem kauft man seine Heldengeschichte auch eher ab. Häufig fallen zu Tagebüchern und Autobiografien Begriffe wie 'Mutmacher', sogar zu den sehr banalen Tagebüchern der verunglückten Filippa Sayn-Wittgenstein. Wenn aber ein Buch dieses Etikett 'Mutmacherbuch' verdient hat, dann dieses.
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