Dass Blinde auf ihre Weise mehr sehen als andere, ist ein Klischee seit den Tagen Homers, des "blinden Sängers". Wer das Buch von S. Tenberken gelesen oder sie im Fernsehen erlebt hat, wird zugeben, dass es zumindest in ihrem Fall wirklich so ist. Nur wenige Sehende dürften wie sie den "Blick" haben für das Angemessene: das treffendste Argument im Konflikt, den brauchbarsten Mitarbeiter für eine bestimmte Aufgabe, den kürzesten Weg zum Herzen eines verstörten Kindes.
Vor allem aber ist es ein Buch über eine seltene Eigenschaft: Mut (ein Freund, der sie persönlich kennengelernt hat, nennt Sabriye "eine Heldin unserer Zeit"). Alleine nach Tibet gereist, trotzt sie allen Widrigkeiten, dem extremen Klima, dem Mißtrauen der Einheimischen, der Ignoranz der chinesischen Behörden und der mangelnden Unterstützung aus der Heimat, und hält fest an ihrem Ziel: einer Schule für blinde tibetische Kinder. Und läßt sich nicht verbiegen, sondern bleibt, wie sie ist: entschlossen und sensibel.
In einer Welt der banalen Ängste- Angststörungen sind inzwischen die häufigste psychiatrische Diagnose- in der viele den Kontakt zu ihrem Nachbarn fürchten und den Chatroom einem realen Ort der Begegnung vorziehen, ist dies auch ein Buch der Ermutigung: wer es liest, kann erfahren, wie die eigenen Ängste zu schrumpfen beginnen und mitten im grauen Alltag die Neugier erwacht auf die leuchtenden Farben des Lebens. Farben spielen eine große Rolle in diesem Buch einer Blinden, man lernt auch eine Menge darüber, wie sie die Welt wahrnimmt.
Anders als etwa die Berichte eitler Survival-Künstler, dient dieses Buch, obwohl es von extremen Erfahrungen handelt, nicht der Selbstbeweihräucherung. Es geht der Autorin nicht um ihre Person, sondern um ihre Sache: ihr Projekt in Tibet und ein tieferes Verständnis für die Weltsicht der Blinden. Und es gelingt ihr, uns die Augen zu öffnen.