Dieses Buch ist nett. Mehr als teilweise Bekanntes wiederfinden und darüber schmunzeln konnte ich kaum. Natürlich gibt es Vorkommnisse die nicht sonderlich tiefgründig sind (exzess. Alkoholgenuss nach Dienst ohne ersichtlichen Grund) und derer man sich nicht rühmen muss.
Leider vergisst der Autor bei seinen Angriffen auf die Strukturen der Bundeswehr als Armee vollkommen, welche psychologischen Mechanismen in Menschen am Werke sind, wenn sie unter körperlicher und seelischer Belastung bis hin zu akuter Lebensgefahr handeln müssen. Notärzte und Feuerwehrleute können die Wirkungen von Erschöpfung, Stress und Gefahr am ehesten nachvollziehen und verstehen daher die Notwendigkeiten von stressbetonter Ausbildung. Notfallübungen haben als zu bewältigendes Unglück nur selten eine entlaufene Katze, sondern meist "worst-case"-Szenarien. Das nicht ohne Grund. Wer sich und seine Kameraden unter Stress und Belastung nicht kennt und davon vollkommen überwältigt wird wenn es zu harten Stresssituationen kommt (und sei es nur Erschöpfung, Hunger, Schlaflosigkeit), der ist als Folge handlungsunfähig.
Grundlegende Tätigkeiten müssen automatisiert (gedrillt) werden, damit der Grad der Handlungsfähigkeit unter Stress gesteigert werden kann. Bestes Beispiel für Zivilisten: Anschnallen im Auto. Die allermeisten werden i.d.R. ans Anschnallen keinen aktiven Gedanken verschwenden, sondern tun es automatisiert. Erst wenn ein Soldat bei Störungen seiner Waffe und bei der Bedienung allgemein ebenso automatisiert handeln kann, ist er ansatzweise stressfest. Um dem ersten Aufheulen entgegenzuwirken kann ich an dieser Stelle gleich fortführen, dass dieser Grad an Automatisierung bei "einfachen" Handlungen nötig ist, um den Kopf für die situationsbedingten und kognitiv anspruchsvollen Handlungen frei zu haben: Orientieren, Führen, Verbindung halten, Lage verarbeiten und zweckmäßig reagieren. Denn in brenzligen Situationen ist nach wie vor der denkende Mensch gefragt, und durch die Auftragstaktik der Bundeswehr mehr als in anderen Armeen. Dieser kann aber nur effektiv arbeiten, wenn er nicht in regelmäßigen Abständen bereits mit der Bedienung seiner Waffe überfordert ist, oder keine Muster entwickelt hat, um mit Schlafentzug und Hunger umzugehen.
Befehl und Gehorsam sind grundlegend für JEDE Armee und die einzige Möglichkeit, auch unter hohem Risiko eine effiziente Truppe zur Verfügung zu haben. Die Regeln und Errungenschaften der "Inneren Führung" sind nichts desto trotz ein enormer Gewinn und führen zu mehr Akzeptanz dieser notwendigen Unterordnung.
Leider besteht auch die Bundeswehr nur aus Menschen. Menschen machen vielfältige Fehler, aber auch hier ist es so wie in anderen Bereichen auch: Nur wenn's schlecht läuft und Fehler passieren ist es für die Öffentlichkeit von Interesse.
Der Autor hat mit seinem Frontalangriff gegen die Bundeswehr bewiesen, das er die Welt nicht wirklich verstanden hat (diesen Anspruch erhebe ich aber ebenfalls nicht). Eine Welt ohne Armee(n) wäre sicherlich "besser" als die heutige. Aber genausowenig, wie man Türen und Fenstern öffnet bevor man für 2 Wochen Urlaub fährt, kann man als eines der Länder die am meisten zu verlieren haben, seine Armee abschaffen oder derart umstrukturieren, dass sie nur noch zum Blumenpflücken taugt.
Nur weil es vielleicht bei dem Autor dieses "Werkes" nicht gebrannt hat, wird er doch auch nicht dafür plädieren, die Feuerwehren abzuschaffen.
Ein inhaltlich einseitiges und letztendlich undurchdachtes Werk. Eine Abrechnung. Mehr nicht.
Die Einseitigkeit und Intoleranz die er der staatlichen Institution Bundeswehr vorwirft, exerziert Wallraff eben nur aus der entgegengesetzten Perspektive. Er ist mit Sicherheit kein Verfechter des Habermas'schen kommunikativen Handelns. DAS würde die Gesellschaft weiterbringen. Dieses aufgeblasene Flugblatt weniger...