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Besonders hart trifft es aber seinen einstigen "Kronprinzen" Wolfgang Schäuble. Schäuble ist der Mann, der im Hintergrund agiert, der sich von Kohl absetzt und schließlich gemeinsam mit seiner Generalsekretärin den offenen Bruch provoziert. Dass sein Nachfolger von dem berühmten FAZ-Artikel Angela Merkels nichts gewusst haben will, mag Kohl nicht glauben. "Ein abgesprochenes Spiel mit verteilten Rollen" hätten die beiden inszeniert, schreibt Kohl. Und schildert präzise ein Telefongespräch vom ersten Weihnachtsfeiertag 1999, bei dem ihm klar geworden sei, "dass Wolfgang Schäuble den endgültigen Bruch, dass er die Trennung von mir will".
Auch der Rest des Buches trieft vor Selbstgerechtigkeit und Larmoyanz. Helmut Kohl sieht sich als Opfer einer Kampagne, die ihn als Kriminellen abstempeln und seine Verdienste um die Deutsche Einheit überdecken soll. Zwar gesteht er "Fehler" ein, mehr aber auch nicht. Die Verwerflichkeit seines Tun, den Schaden für die CDU jenseits des Finanziellen sieht er nicht, will er nicht sehen. "Das Aufregendste am Spendenskandal war für mich immer das unverwüstlich gute Gewissen des Hauptverantwortlichen", hat Erhard Eppler neulich geschrieben. Dem kann man nach der Lektüre des Buches nur zustimmen.
Wer sich von dem Tagebuch spektakuläre Enthüllungen zur Spendenaffäre erhofft haben sollte, wird also enttäuscht werden. Aber wer etwas über die Gemütsverfassung Helmut Kohls erfahren möchte, ist mit dem Buch bestens bedient. --Stephan Fingerle
Helmut Kohls Sicht der deutschen Parteispendenaffäre
de. Schon lange nicht mehr hat eine politische Schrift in Deutschland so grosse Aufmerksamkeit erregt wie Helmut Kohls «Tagebuch». Nur einen Tag nach der Vorstellung durch den ehemaligen Bundeskanzler und CDU-Vorsitzenden waren vier Auflagen gedruckt. Das «Tagebuch» fand reissenden Absatz, weil sich eine enorme Neugier auf das richtete, was Kohl zur deutschen Parteispendenaffäre zu sagen hatte. Dass nur Tage zuvor eine Darstellung derselben Vorgänge durch Kohls langjährigen Kronprinzen und Vertrauten Wolfgang Schäuble («Mitten im Leben», NZZ vom 14. 11. 00) auf den Markt gekommen war, erhöhte die Spannung noch. Das Publikum witterte eine Gelegenheit, das Drama, welches Deutschland ein Jahr lang in Bann gehalten hatte, nochmals durchleben zu können, und zwar gleichsam von innen.
Feindbilder als Kommunikation
Und was hat Kohl zu sagen? Zunächst sei festgehalten, dass hier kein echtes Tagebuch vorliegt. Der Autor hat den Text ganz offensichtlich im Nachhinein verfasst und ihn zur Apologie eines zutiefst Gekränkten umfunktioniert. Kohl präsentiert weder eine Analyse noch eine zusammenhängende Chronologie, sondern malt mit schwarzen und weissen Farbtönen grelle Feindbilder. Er teilt die deutsche Welt in Gut und Böse ein, was immer wieder in Begriffen und Wendungen wie «Unperson», «Intrige», «Diffamierung», «Hetze», «Rufmord», «Hysterie», «Agitation», «Desinformation» oder «Versuch der Kriminalisierung» zum Ausdruck kommt. Das Gute bleibt dabei sehr klein, während das Böse den grössten Teil des Buches prägt. Schon dieses pauschale wie einfache Vokabular erschwert die unvoreingenommene Lektüre. Dem Lesenden bleibt kaum die Chance, sich aus den Schilderungen ein eigenes Bild zu machen.
Noch schwieriger gestaltet sich die Suche nach den Zusammenhängen, die den Verlauf und das Ausmass des Skandals erhellen würden. So wird nirgends klar, weshalb eine vergleichsweise harmlose Spendengeschichte wie jene Kohls die CDU in einen derartigen Abgrund reissen konnte. Der Autor geht überhaupt nicht auf die politischen Implikationen der einzelnen Vorgänge ein. Er scheint noch immer nicht akzeptieren zu wollen, dass staatsmännische Verdienste einen Gesetzesverstoss nicht einfach aufwiegen oder relativieren können. Auch scheint er die politisch verheerende Wirkung eines Ehrenwortes, wie er es seinen anonymen Spendern gegeben haben mag, nach wie vor nicht begriffen zu haben. Mit anderen Worten: Jene Mechanik der Macht, die Kohl in einer langen politischen Laufbahn immer wieder meisterhaft gegen andere einzusetzen wusste, ist ihm völlig unverständlich, wenn sie sich gegen ihn selbst richtet.
Die Frage des politischen Schadens
So aber muss Kohl mit dem Versuch scheitern, Verständnis für sein Denken und Handeln zu finden. Er begnügt sich damit, festzustellen, dass er seinen Fehler den Verstoss gegen das Parteiengesetz zugebe und bereue. Dass sowohl die Politik als auch die Gesellschaft ein Recht haben, zu wissen, ob unter seiner langen Regentschaft noch andere Ungereimtheiten vorgekommen sein könnten, ist für Kohl nicht einsehbar. Ein solches Interesse ist für ihn Ausdruck mangelnden Anstandes und Respektes, wofür er summarisch die Presse und die Medien verantwortlich macht.
Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die sehr viel differenziertere und selbstkritischere Auseinandersetzung Schäubles mit diesen Aspekten. Sie geschieht sachlich, ohne jede Spur von Wehleidigkeit oder das Gefühl, Opfer einer Kampagne zu seiner Kriminalisierung geworden zu sein. Aus Kohls Buch hingegen wird fast nur Einsamkeit und Verbitterung sichtbar. Was er als Ungerechtigkeit und Undank anderer schildert, ist nichts Weiteres als die Quittung eines grossen Teils der deutschen Öffentlichkeit, vor allem auch seiner eigenen Partei, für seinen patriarchalischen Herrschaftsstil, der keinen Widerspruch duldete.
So gesehen, hätte Kohl mit seinem «Tagebuch» schon weit vor dem 27. September 1998, dem Tag der Wahlniederlage, beginnen müssen, mit jenen Jahren also, in denen er die Grundlagen seines Sturzes legte. Aber damals wollte er einfach nicht wahrhaben, dass seine Zeit als Kanzler der Deutschen zu Ende ging. Auch diese Vorgeschichte würde eigentlich zum Bild der Parteispendenaffäre gehören, in der sich Kohl plötzlich so viel unerklärlicher Feindschaft und Anfechtung gegenübersieht. Sein Buch erhellt kaum einen der Hintergründe, macht aber wenigstens seine Verständnislosigkeit gegenüber den Vorgängen des Finanzskandals in der CDU deutlich.
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