Johann Gottfried Seume war ein gesellschaftskritischer Schriftsteller in der Zeit Goethes und Schillers. Neben seinen Gedichten ist er vor Allem durch seine ungewöhnlichen Reiseberichte bekannt geworden, zu denen auch "Mein Sommer 1805" zählt.
Ausgangspunkt seines Berichtes ist eine unglückliche Liebe, die ihn nach einer Phase der Sesshaftigkeit wieder "in die Fremde" trieb (er hatte vorher u.a. durch seinen berühmten "Spaziergang nach Syrakus" schon die positiven Aspekte des Reisens für sich entdeckt).
Seinen Bericht startet Seume nicht etwa damit, wie er aufbricht, sondern mit umfangreichen theoretischen Ausführungen zur politischen Situation in Europa, aber auch zu seiner bevorzugten Form des Reisens (Laufen als Philosophie), die er aus zeitlichen Gründen diesmal leider nicht durchhalten kann. Das ist für Fans des Wanderns und philosophisch interessierte Leser durchaus witzig und spannend...
Seumes Reise führt ihn u.a. durch das (zwischen Österreich, Preussen und Russland geteilte) Polen, nach Moskau und St. Petersburg, durch Livland, Finnland und Schweden. Wie gewohnt interessiert ihn dabei das kulturelle Leben, die Mentalitäten und Lebensbedingungen der Bevölkerung, sowie politische Themen weitaus stärker, als die üblichen "Sehenswürdigkeiten", die er allerdings gelegentlich auch mal beschreibt. Der "Sommer 1805 ist ein Text eines Mannes, der in einer historisch spannenden Zeit mit offenen Augen durch ein politisch zerrissenes Gebiet reist und damit für sich genommen von Interesse.
Leider ist der vorliegende Text aufgrund seines höheren Abstraktionsgrades und einer abgehobeneren Sprache weniger gut lesbar, als der "Spaziergang nach Syrakus". Bedauerlich ist daher, dass die Aufbereitung des Textes durch die Herausgeber gelegentliche Mängel aufweist (so werden teilweise eher unwichtige Teile des Textes ausführlich kommentiert, dafür bleiben manche andere, heutigen Menschen eher schwer verständliche Ausdrücke und Kontexte unerklärt).