Ein Teufelskerl, dieser Jeroen van Bergeijk. Denn keine Frage - Mut gehört dazu, sich wie er eines schönen Tages in seinen gebrauchten Mercedes 190 D zu setzen und von Amsterdam aus gen Süden zu fahren. Vorbei an den Stränden des Mittelmeeres, hinüber über die Meerenge von Gibraltar und weiter, immer weiter. Wie einst ein Jahrhundert zuvor folgt er den Spuren der großen Afrikareisenden, dringt bis tief in das Herz des schwarzen Kontinents vor. Sein vorgebliches Ziel: Ein Auto zu verkaufen. Sein Auto, einen Mercedes, Projektionsfläche von Wünschen und Sehnsüchten der Menschen auf der ganzen Welt. Einen guten Preis will er für ihn bekommen. Desto weiter im Süden, desto höher der Marktwert für diese Ikone westlichen Lebensstiles. Und so rotiert der Kilometerzähler, fliegen Landschaften und Menschen am Seitenfenster vorbei.
"Mein Mercedes ist nicht zu verkaufen" ist ein Reiseroman der besonderen Art, aus dem Niederländischen von Gregor Seferens übersetzt. Auf seiner drei Monate währenden Fahrt gen Süden tauchen Autor und Leser tief ein in die Welt dieses so seltsam in Gegenwart und Vergangenheit zugleich behafteten Kontinents. Dem Autor Jeroen van Bergeijk gelingt es auf meisterhafte Art und Weise, die verschieden Handlungsebenen miteinander zu verknüpfen, er verwebt historische Abrisse, Reiseanekdoten und die Vorgeschichte seines Vehikels zu einem Stoff, der auf diesem Feld keinen Vergleich mit den Großen des Genres zu scheuen braucht. Die Gebrauchtwagenhändler, die den Ramsch unserer westlichen Zivilisation gen Afrika schaffen, wo den längst ausgemusterten Fahrzeugen noch ein zweiter Frühling bevorsteht, sie sind die eigentlichen Helden dieser Geschichte. Auf ihren Routen geht es gen Süden, vorbei an von Korruption und Misswirtschaft zerfressenen Gemeinwesen und durch Landstriche, deren Kargheit noch jeglichen menschlichen Eroberungswillen abzuwehren wusste.
Gewiss, die Moderne und ihre Segnungen haben auch vor den Staaten der Sahelzone nicht Halt gemacht: Banken und Regierungspaläste dominieren die Szenerie der großen Städte, eingerahmt von den Elendssiedlungen verarmter Massen, die Krebsgeschwüren gleich die Kapitalen umrahmen. Aber, so erscheint es beim Lesen von "Mein Mercedes ist nicht zu verkaufen", als sei dies alles nur Kulisse, als habe sich am wahren Geist des Kontinents und seiner Menschen tatsächlich nur wenig verändert, seien diese weiterhin in ihrer auf Riten und Traditionen beruhenden Welt fest verankert. "So Gott will" ist so auch eine der häufig zitierten Sätze - sei es bei der provisorischen Reparatur seines Wagens oder beim vergeblichen Warten auf die Fähre, die vielleicht morgen, vielleicht aber auch erst übermorgen kommen wird.
So ist denn diese Reise viel mehr eine Reise des Autors zu sich selbst, zu den Wurzeln unserer westlichen Zivilisation. Der Mercedes als Sinnbild der postmodernen Konsumgesellschaft wirkt einerseits wie ein Fremdkörper in dieser archaischen Welt, ist jedoch als heiß umworbenes Prestigeobjekt gleichzeitig integraler Bestandteil deren Wertesystems. Die Menschen dieses Systems scheinen, als haben sie sich noch nicht entscheiden wollen - oder können - ob der Sprung in die Moderne wirklich lohnenswert ist. Alles wirkt seltsam entrückt, im Schweben begriffen; die Welt scheint in diesen Breitengraden unschlüssig, ob sie noch verharren oder sich doch weiter drehen soll.
"Mein Mercedes ist nicht zu verkaufen" ist ein großartiges Stück Zeitgeschichte, eine Metapher auf eine Welt, wie wir sie hierzulande bereits unwiederbringlich verloren haben. Mit zahlreichen Farbfotos der Abenteuerreise versehen, ist dieses Buch Pflichtlektüre für den nächsten Urlaub in Afrika.