Es fällt mir schwer, einen Film negativ zu bewerten, der so viele VorrezensentInnen zutiefst berührt und begeistert hat. Ich bin vorbereitet auf wütende Kommentare; auf den Vorwurf ein gefühlloser Besserwisser zu sein.
Die zweifellos unsentimentale Bearbeitung des existenziellen Todesmotivs, die Filmpreise und das viele Lob haben große Erwartungen geweckt. Doch dann erging es mir mit der kanadisch- spanischen Produktion aus dem Jahre 2003 ähnlich wie der Mitrezensentin summernights. Ich fand den Film konstruiert, simpel, naiv und unglaubwürdig. Der Aufbau des Drehbuchs hat bei mir seine Wirkung verfehlt. Ergriffenheit und Tränen haben sich in Grenzen gehalten, obwohl einige gelungene poetische Szenen nachdenklich stimmen. (Wie würde ich selber reagieren, wenn mich völlig unvorbereitet die Nachricht trifft, dass ich nur mehr zwei Monate zu leben habe?)
Es gibt ein paar Regeln, die man beim Verfassen eines kunstvollen und packenden Drehbuchs nicht außer Acht lassen sollte, um auch in der zweiten Hälfte einer Erzählung Erstaunen und Faszination zu evozieren. Dazu gehört: Einige der zuvor aufgebauten Erwartungen des Zuschauers wieder zu verstören; und der Handlung überraschende Wendungen in neue Richtungen zu geben.
Isabel Coixet hingegen wickelt den Plot genau so linear und vorhersehbar ab, wie man es schon zu Anfang erahnt. Die krebskranke Ann führt schlicht ihre To-do-Liste aus, - genau nach Plan. Außer ein paar Attacken von Übelkeit kommt ihr dabei nichts und niemand in die Quere. Keine Unterleibsblutung, kein Kreislaufkollaps führt zur Aufnahme in die Notambulanz des nächsten Krankenhauses. (Es hätte dem Film gut getan, wenn sich die Autorin medizinisch etwas kundiger gemacht hätte.) Keine depressive Krise, kein Anfall von Verzweiflung. Und keine der fünf Vertrauenspersonen schöpft einen ernsthaften Verdacht, dass die Diagnose Anämie vielleicht vorgetäuscht sein könnte. Niemand besteht darauf, Ann zum Arzt zu begleiten, oder selbst einen medizinischen Befund einzusehen. Glaubhaft?
Trotz Mehrfachbelastung mit zwei kleinen Kindern, Berufstätigkeit und einer Tumorerkrankung im terminalen Stadium, gelingt es der Protagonistin problemlos, sofort einen netten Lover zu finden. Und natürlich kann sie die Treffen so geschickt organisieren, dass die Affäre von ihrem Ehemann unentdeckt bleibt. Es ist zwar die erste Außenbeziehung in ihrem Leben, doch es bringt ihre Gefühle nicht in Verwirrung, zwei Männer zu lieben. Glaubhaft?
Klar, es ist ein Spielfilm und keine Dokumentation, doch bei einem ernsten und tragischen Film, der naturalistisch angelegt ist (und nicht skurril oder parodistisch wie etwa "Das Beste kommt zum Schluss") hätte ich mir differenzierte Charaktere erwartet, mit menschlichen Widersprüchen, Schwächen und Fehlern. Statt dessen haben wir es mit eindimensionalen, schablonenhaften Figuren zu tun. Unsympathische Züge werden alle auf die Mutter polarisiert. Erwartungsgemäß erweist sich der Vater im Gefängnis als sanft und liebenswürdig. Sein größter Wunsch es ist, den Enkelkindern ein Paar selbstgemachte Schuhe zu schicken.
Regiefehler und sachliche Fehler kommen in fast jedem Film vor, und stören mich normalerweise nicht. Die zahlreichen Unachtsamkeiten und die mangelnde Sorgfalt in den Details haben hier jedoch meine Toleranzgrenze überschritten. Beispiel: Die sogenannten Siamesischen Zwillinge sind immer eineiig mit identischem Genom. Es kann daher nicht sein, dass das eine Kind ein Bub und das andere ein Mädchen ist.
Zum Abschluss die Meinung von S. Calhoun, - zur Frage, ob die Mutter ihren beiden Töchtern wirklich einen Liebesdienst erwiesen hat: I felt sorry for her two daughters who were never able to say goodbye. I would rather know the truth then be left in the dark and never given the opportunity to bring closure.